Da legt einer viel Geld aufs Feld

Rolf Ronner organisiert zum zweiten Mal das Zürich Openair in Rümlang. Laut Insidern bezahlt er den Bands Gagen, die andere Festivalveranstalter in den Ruin treiben würden.

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Drei Sattelschlepper transportierten tonnenweise Konzerttechnik aus Berlin auf einen Rümlanger Acker, wo im Sommer 2010 zum ersten Mal das Zürich Openair stattfand. Den Musikgruppen stand das beste Beschallungssystem zur Verfügung, das zu jener Zeit erhältlich war. Die Bands, darunter Topacts wie The Hives, Placebo, Underworld oder Mando Diao, dankten es mit denkwürdigen Auftritten. Der Sound passte.

Sonst lief vieles schief. Das Gelände öffnete mit Stunden Verspätung, weil man mit dem Aufbau nicht pünktlich fertig geworden war. Helfer mussten in letzter Minute aufgeboten werden, um die Bars oder den VIP-Bereich zu betreiben. Hinzu kam Dauerregen, der den Untergrund in eine Sumpflandschaft verwandelt hatte. Die Premiere des Festivals war in vielen Belangen ein Debakel.

Vermögender Vater

Nach einer Pause im darauffolgenden Jahr meldet sich das Zürich Openair jetzt zurück. Am 1. März kündigte der Veranstalter den ersten Act an: Skrillex, den momentan angesagtesten Dubstep-Produzenten überhaupt. Und am Dienstag folgte die Bekanntgabe weiterer Bands, die vom 23. bis 26. August in Rümlang auftreten werden: The Killers, Bloc Party, Maxïmo Park, Hot Chip, White Lies, Tocotronic, First Aid Kid. Alles bekannte Namen aus dem Indie-Bereich, die einen Schluss zulassen: Die Ausgabe 2010 des Zürich Openair mag buchstäblich ins Wasser gefallen sein, ruiniert hat sie den Macher dahinter nicht.

Rolf Ronner ist Sohn einer vermögenden Industriellenfamilie. Er ist erfahrener Partyorganisator, an der ETH hat er den Polyball gross und grösser gemacht, jedoch nie einen Abschluss. 2003 gründete Ronner eine Firma für Veranstaltungstechnik, die 2011 aufgelöst wurde. Als Ronner 2010 das Zürich Openair auf dem Areal in Rümlang ins Leben rief, sorgte das in der Szene für ein mittleres Beben. Terminlich kollidierte der Anlass just mit den traditionellen Winterthurer Musikfestwochen. Die Konkurrenz reagierte irritiert; das Auftreten des Neulings wirkte zuweilen arrogant. Auch in diesem August fallen die beiden Veranstaltungen auf dasselbe Wochenende. Dennoch übt sich Franziska Grob, Sprecherin der Musikfestwochen, in Diplomatie: «Natürlich wäre es uns anders lieber gewesen, wir wollen aber nicht die Fronten verhärten.» Man pflege Kontakt mit Ronner und sei «auf gutem Weg».

Viele Kritiker

Den etablierten Organisatoren geht es in erster Linie darum, dass die Gagen nicht in die Höhe getrieben werden. Laut einem Insider soll Rolf Ronner in diesem Jahr einer Band 250'000 Euro für einen Auftritt geboten haben – ohne Erfolg. Die Gruppe absolvierte 2011 einen Schweizer Gig für 90'000 Euro. Dieser Darstellung widerspricht Ronner vehement: «Das sind bloss Gerüchte. Wenn dem so wäre, würde besagter Act ja nun in Zürich spielen.»

Auch in der Veranstalterszene regiere Geld die Welt, sagt Philippe Cornu vom Gurtenfestival. «Stimmt die Gage, kann auch ein No-Name Künstler kaufen.» Es sei vorgekommen, dass ihm ein englischer Agent am Telefon gesagt hatte, dass er ein «gewaltiges Angebot» vom Zürich Openair bekommen habe, das er unmöglich ausschlagen könne. Über Gagen und Budget will Ronner keine Auskunft geben. Auch bestreitet er, das Openair hauptsächlich mit Privatvermögen zu finanzieren. «Wir müssen jeden Franken zweimal umdrehen», sagt Ronner. Das Openair sei kein Hobby, er wolle dereinst schwarze Zahlen schreiben.

«Verzerrung des Marktes»

Stefan Breitenmoser, Geschäftsführer des Branchenverbandes SMPA (Swiss Music Promoters Association), sagt, Ronner verschicke keine landesüblichen Offerten: «Das führt zu einer Verzerrung des Marktes.» Das Zürich Openair ist nicht Mitglied bei der SMPA. Primär, weil es die Kriterien dafür nicht erfüllt: Kontinuität und das Einhalten gewisser Qualitäts- und Sicherheitsstandards. Die Ausgabe 2010 sei «nicht über alle Zweifel erhaben» gewesen, sagt Breitenmoser. Ronner erklärt, er habe bislang kein Aufnahmegesuch gestellt, weil das Zürich Openair noch nicht in drei aufeinanderfolgenden Jahren stattgefunden habe und folglich als Mitglied gar nicht infrage komme.

Von Rümlang hat Ronner bisher lediglich eine Grundbewilligung für das Festival erhalten. Will heissen: Datum und Uhrzeiten sind bestätigt. Für eine definitive Bewilligung müssen noch einige Auflagen erfüllt werden. Die Gemeinde gibt sich zuversichtlich. Ende April werde man so weit sein. Bei der Neuausgabe wird laut Ronner alles anders als 2010. Er habe aus den logistischen Problemen gelernt. So gibt es neue Routen und ein neues Konzept für die Zulieferer, der Haupteingang und die Bühnen wurden verschoben. Neu beschallt nicht mehr die weltweit potenteste Anlage das Gelände, sondern eine, die hoffentlich zu weniger Lärmklagen führt. Ausserdem ist laut Ronner eine hochwertigere Infrastruktur vorgesehen, «mit mehr Liebe zum Detail».

Springen die Sponsoringpartner ab?

Nicht mehr dabei ist Sponsor Rivella. Offizieller Grund ist eine Strategieanpassung. Man lege den Fokus mehr auf Anlässe mit sportlichen Aktivitäten für die Familie, sagt Sprecherin Martina Zumsteg. Gut unterrichtete Quellen berichten indes, dass Ronner nach der Ausgabe 2010 nichts mehr von sich hören liess, Mails an ihn blieben unbeantwortet. Zumsteg: «Kein Kommentar.» In dieser Saison ist Rivella am Heitere in Zofingen, am Berner Gurtenfestival, am Paléo in Nyon sowie an einigen kleineren Festivals vertreten. Der Musiksender MTV, Medienpartner im 2010, weiss noch nicht, ob er seinen Namen für das Zürich Openair abermals hergeben wird. Man habe Ronner ein Angebot gemacht, warte aber noch auf eine Antwort.

Erstellt: 05.04.2012, 10:53 Uhr

Der 32-Jährige Organisator des Zürich Openair: Rolf Ronner. (Bild: PD)

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