Da stand plötzlich Frau Müller nackt in der Uni

Das Universitätsgebäude verursachte, kaum war es 1914 eröffnet, einen handfesten Skandal. Die nackten Figuren in Paul Bodmers Wandmalereien seien der bildsamen Jugend nicht zumutbar, hiess es.

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Kaum hatte sich in Zürich die Aufregung über die immer höher wachsende Kuppel des 1914 eröffneten Universitätsgebäudes gelegt (TA vom Dienstag), sorgte der Neubau des Architekten Karl Moser für die nächsten Schlagzeilen. Moser hatte für die Wanddekoration Maler der umstrittenen «Hodler-Clique» zugezogen, junge, noch wenig bekannte Künstler wie der damals 26-jährige Paul Bodmer. Und diese setzten sich prompt über das Kunstideal des Bildungsbürgertums hinweg.

Die zumeist nackten und flächig gemalten Frauen und Männer führten zu einem hitzigen Streit – insbesondere in einem Umfeld, das sich der klassischen Bildung verpflichtet sah. Erwartet wurden griechische Göttinnen, Allegorien auf die Wissenschaften, Erbauliches für die Jugend. Und da malte dieser Lümmel Bodmer direkt neben dem Rektorat einen nackten Jüngling und beim Senatszimmer nackte Frauen, die mit Katzen spielen!

«Diese sehr persönlichen, antiakademischen Malereien waren sehr überraschend in dieser Umgebung», sagt Kunsthistoriker Stanislaus von Moos. Er hat zusammen mit Sonja Hildebrand ein Buch zum 100-Jahr-Jubiläum herausgegeben, in dem der Publizist Matthias Vogel den Kunstskandal aufarbeitet. Von Moos gibt zu bedenken: «Da stand statt Venus plötzlich Frau Müller ohne Kleider in der Universität.» Das sei vonseiten der Künstler durchaus als Provokation gedacht gewesen, sagt von Moos. Dass diese aber zu einem derartigen Sturm der Entrüstung führte, war nicht voraussehbar und gewiss nicht gewollt.

Mit Schirmen gegen Malereien

Professoren, Politiker und Journalisten wetterten los, und Studenten traktierten die Wandgemälde mit Stöcken und Schirmen. Eine solche «abgrundtiefe Geschmacklosigkeit» sei dem Streben der Studentenschaft nach Geistigem hinderlich, hiess es damals. Keine anständige Frau dürfe die «Schmierereien in höchster Potenz» sehen. Diese «Höhlenmalerei» sei «Nahrung für Psychiater».

Der Germanistikprofessor und Kunsthistoriker Ferdinand Vetter nannte die Malereien Bodmers und seiner Künstlerkollegen «Farbengemüse von abschreckender Hässlichkeit»: «... die Weiber besonders, mit gesuchter Vermeidung alles dessen, was gefällt und erfreulich ist – flachbrüstig und fleischlos, mit geradlinigen, ewig unfruchtbaren Hüften; die Männer mit geflissentlicher Schaustellung der hässlichsten Teile, aber ohne Muskeln, ohne Knochen, gleich als gölte es, die beiden Geschlechter recht voneinander abzuschrecken.» Der Kunststreit ging aber über die Prüderie hinaus und löste auch einen Diskurs über Sinn und Zweck der Kunst aus. Der Künstler habe nicht das Recht, die Formen nach seiner Empfindung und der augenblicklichen Inspiration zu bilden, erklärte beispielsweise der zuständige Regierungsrat Heinrich Mousson. Der Archäologieprofessor Hugo Blümner befand, Richtschnur für die Künstler sei «ein absolut Schönes». Studenten und Dozenten müssten hier als «Versuchs­kaninchen» für die Wirkung der modernen Malerei herhalten. Das Beste sei, wenn ein «derber Maurerpinsel» darüber hinwegfahre.

Eigenhändig übertüncht

So kam es denn auch. Paul Bodmer musste 1916 seine Malereien in der Wandelhalle zwischen Rektorat und Senatsraum eigenhändig übertünchen. Unten in der Altstadt eröffnete derweil Hugo Ball das Cabaret Voltaire und begründete damit den Dadaismus.

Einige Figuren Bodmers wurden zum 100-Jahr-Jubiläum wieder freigelegt. Und? Wir sehen stilisierte, noch leicht dem Jugendstil verhaftete nackte Figuren, die sich, etwas esoterisch angehaucht, mit der Natur eins fühlen. Die heutigen Studenten würdigen sie – im besten Fall – eines kurzen Blickes.

Doch wurde um das neue Universitätsgebäude vor hundert Jahren nicht nur gestritten; es wurde auch gefeiert. Die Einweihung fand mit einem grossen Festakt am Samstag, 18. April 1914, im neuen Lichthof statt. Am Montag darauf war Sechseläuten. Um der Begeisterung über die neue Universität Ausdruck zu verleihen, veranstalteten die Zünfte einen speziellen Festumzug, der voll und ganz dem Thema «Bilder aus der Geschichte des wissenschaftlichen Lebens» gewidmet war.

Karl Mosers Universitätsgebäude ist mittlerweile ein Wahrzeichen der Stadt. «Und es erfüllt seinen ursprünglichen Zweck als lebendiges Haus des Wissens auch heute noch», sagte gestern vor den Medien Alt-Rektor Andreas Fischer zum Start der Jubiläumsveranstaltungen, die er koordiniert. Unirektor Michael Hengartner fügte an, dass es der Universität ein Anliegen sei, nicht nur für Studierende ein offenes Haus zu sein. «Die Universität Zürich wurde 1833 durch den Willen des Volkes gegründet, und wir wollen mit unseren Jubiläumsaktivitäten die Gemeinschaft mit Stadt und Kanton Zürich betonen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.04.2014, 02:28 Uhr

Jubiläum

Ausstellungen, Rundgänge, eine App und ein Konzert

Die Universität Zürich feiert zwischen dem 17. April und dem 15. Mai das 100-jährige Bestehen ihres Hauptgebäudes. Eine Architekturausstellung im Lichthof und dem Foyer zeigt die Baugeschichte des von Karl Moser (1860 bis 1936) erstellten Baus, und ein reich bebildertes Buch («Kunst, Bau, Zeit», Hg: von Moos und Hildebrand) nähert sich dem Thema aus verschiedenen Blickwinkeln.

Das Zoologische Museum hat die Sonderausstellung «Stand-Fest» zusammengestellt. Exponate sind Tiere wie das Riesenfaultier oder das madagassische Fingertier, welche seit der Eröffnung des Hauptgebäudes dort ausgestellt werden. Daneben werden regelmässig Führungen angeboten, die unter anderem zeigen, dass einige der einst umstrittenen Wandmalereien den Bildersturm überlebt haben. Beim Infoschalter ist zudem ein Multimedia-Guide zu beziehen, der zwei verschiedene Rundgänge anbietet – einer ist besonders für Familien mit ­Kindern geeignet. Ab 17. April sind die Ent­deckungstouren auch als App verfügbar.

Musikalischer Höhepunkt ist ein Konzert in der Tonhalle (am 24. April um 19.30 Uhr), an dem Friedrich Hegars Festkantate aufgeführt wird, die für die Hochschulweihe geschrieben wurde. Zur Uraufführung kommt zudem das eigens zum Jubiläum komponierte Werk «Concrete» von Edward Rushton. Infos auf: www.haus-der-wissenschaft.uzh.ch (net)

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