Dada war in Zürich an vielen Orten da

Das Cabaret Voltaire an der Spiegelgasse 1 war die erste Bühne der Dadaisten. Doch bald schon trieben sie ihr Wesen auch in Zunfthäusern.

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«Eine in meinem Lokal («Meierei», Holländische Weinstube, Spiegelgasse) verkehrende Gesellschaft junger Künstler und Literaten ist mit der Bitte an mich herangetreten, den meiner Weinstube angegliederten Saal, der zur Zeit freisteht, als Künstlerkneipe einzurichten.» So altertümlich ehrerbietig schrieb am 19. Januar 1916 der Eigentümer und Wirt der «Meierei» an den Zürcher Polizeivorstand. «Ich habe den Herren, die ich persönlich als anständige und begabte Menschen kenne, gerne mein Lokal in Aussicht gestellt, möchte mich aber hiermit vergewissern, ob von seiten der Polizei keine prinzipiellen Bedenken bestehen.»

Bunte Abende an der Spiegelgasse

Der Polizeivorstand bewilligte am 28. Januar 1916 das Gesuch «auf Zusehen hin». Der kleine Saal an der Spiegelgasse, der nur etwa 50 Zuschauer fasste, wurde frisch gestrichen, schwarz die Wände, blau die Decke, und schon am 5. Februar 1916 fand die erste Vorstellung in der «Künstlerkneipe Voltaire» statt. Hugo Ball las eigene Dichtung und Texte von Voltaire, seine Partnerin Emmy Hennings sang Lieder zur Laute, Tristan Tzara rezitierte seine französischen Gedichte, ein russisches Balalaika-Orchester spielte, Hans Arp zeigte Bilder von sich, Picasso, und Augusto Giacometti. Es muss eine bunte Mischung gewesen sein, die von nun an mit täglich neuen Darbietungen über die kleine Bühne im kleinen Saal ging.

Dass diese Vorführungen in Zürich und nicht in München oder Berlin stattfanden, war eine Folge des Weltkriegs. Die meisten beteiligten Künstler waren Emigranten aus Krieg führenden Staaten, die vor ihrer Einberufung zur Armee in die neutrale Schweiz ausgewichen waren. «Wir hatten alle keinen Sinn für den Mut, der dazu gehört, sich für die Idee einer Nation totschiessen zu lassen», schrieb einige Jahre später Richard Huelsenbeck. Schweizer waren beim «Cabaret Voltaire», wie es sich bald nannte, nur am Rande beteiligt: Die Künstlerin und Tänzerin Sophie Taeuber war Partnerin von Hans Arp, der Schriftsteller Friedrich Glauser befreundete sich mit Hugo Ball, und einige Schweizer Musiker begleiteten die Cabaret-Abende.

Das Cabaret Voltaire lebte nur kurz

Die Dadaisten beschränkten ihre Aktionen nicht auf das kleine Hinterzimmer der «Meierei». Am 14. Juli 1916 luden sie zum «1. Dada-Abend» – ins Zunfthaus zur Waag am Münsterhof. Dort las Hugo Ball sein Manifest vor, das mit den Worten beginnt: «Dada ist eine neue Kunstrichtung. Das kann man daran erkennen, dass bisher niemand etwas davon wusste und morgen ganz Zürich davon reden wird. Dada stammt aus dem Lexikon. Es ist furchtbar einfach. Im Französischen bedeutets Steckenpferd. Im Deutschen: Addio, steigt mir bitte den Rücken runter, auf Wiedersehen, ein ander Mal! Im Rumänischen: Ja wahrhaftig, Sie haben Recht, so ist es.»

Ganz Zürich redete nicht von Dada, wohl aber nahmen einige Zürcher und Zeitungen – besonders aufgeschlossen die NZZ – die Dada-Produktionen zur Kenntnis. Das Cabaret Voltaire wurde kurz nach dem Abend in der Waag geschlossen. Dada brauchte das Nest, in dem es aus dem Ei gekrochen war, nicht mehr. Ball und Hennings gingen mit ihrem Programm auf Tournee, dann zogen sie ins Tessin. Die anderen Dadaisten arbeiteten ebenfalls an ihren individuellen Projekten.

Erst Anfang 1917 traten sie wieder gemeinsam auf: Han Corray lud in seiner neuen Galerie im Eckhaus Bahnhofstr. 19/Tiefenhöfe 12 zur «1ère Exposition Dada, Cubistes, Art nègre». Im März 1917 übernahmen Ball und Tzara von Corray das Lokal und nannten es «Galerie Dada». Das Verhältnis zum Vermieter David Robert Sprüngli blieb gespannt. Doch fanden in der Galerie neben Ausstellungen regelmässige «Dada-Soirées» statt. Ende Mai 1917 aber musste die Galerie mit einem Defizit schliessen. Ball zog sich von den Dadaisten zurück, Tristan Tzara gebärdete sich immer stärker als Dada-Papst.

Ein Manifest jagte das andere

Noch vor Kriegsende hatte das «Mouvement Dada» erste Auftritte im Ausland. Huelsenbeck proklamierte im April 1918 in Berlin das «Dadaistische Manifest». In Zürich organisierte Tzara die 7. Dada-Soirée am 23. Juli 1918 im Zunfthaus zur Meisen. Auch er präsentierte ein neues «Manifeste Dada 1918». Die 8. Soirée fand am 9. April 1919 im Saal zur Kaufleuten statt, wo Walter Serner seine manifeste «Letzte Lockerung» vortrug. Bald danach war Zürich nicht mehr die Hauptstadt der Dadaisten. Nun nahmen Paris und Berlin ihre Rolle als Kulturmetropolen wieder wahr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.09.2008, 22:15 Uhr

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