«Dagegen ist die Street Parade ein Kindergeburtstag»

Nächtlicher Baulärm und überall Absperrgitter: Das Zürcher Formel-E-Rennen ärgert viele Anwohner – Besuch im Quartier, wo es am heftigsten ist.

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Ein Bagger reisst Teerstücke aus dem Asphalt, nebenan stellt ein Gabelstapler Holzbalken bereit. Der Hafen Enge gleicht einer Baustelle. Am 10. Juni fällt hier auf dem Mythenquai der Startschuss für das erste Formel-E-Rennen der Schweiz. Die Veranstalter rechnen mit bis zu 150'000 Besucherinnen und Besuchern, die das surrende Spektakel miterleben wollen.

Gleich nebenan steht der Hafen-Enge-Kiosk. Der Imbiss ist von Tischen unter Sonnenschirmen und kleinen Bäumchen umrahmt. Zwischen den Maschinen wirkt er etwas eingeklemmt. «Hier ist seit Tagen die Hölle los», sagt Pächterin Eva Germann. Bald unterbricht sie das Gespräch, telefoniert, fotografiert den Bagger. Dann kommt sie zurück und sagt: «Ich fühle mich enteignet.»

Eva Germann auf dem Platz vor ihrem Imbiss beim Hafen Enge. Bild: Urs Jaudas

Anfang März hätten die Veranstalter sie vor vollendete Tatsachen gestellt: Der Parkplatz werde ab dem 4. Juni gesperrt, der Kiosk während des Rennens nicht zugänglich sein. Bereits am Montag, zwei Wochen vor dem Rennen, habe das grosse Bauen begonnen. «Mein Umsatz ist zurückgegangen, Personal und Lieferanten müssen grosse Umwege fahren», sagt Germann. Am Rennwochenende muss sie ihr Lokal schliessen, da es an den Start und die Boxenstrasse angrenzt.

Viele Events am gleichen Ort

Wer sich entlang der Rennstrecke umhört, spürt viel Unmut. Am Montag habe er 40 Prozent weniger Boote vermieten können als an einem vergleichbaren Tag, sagt René Sutter von der Bootsvermietung beim Mythenquai. «Hier finden so viele Events statt, Street Parade, Marathon und so weiter – langsam genügt es.» Die Veranstalter seien aber ungewohnt offen auf ihn zugegangen. Am Renntag stellt er sein Floss für einen Boot-Taxi-Dienst zur Verfügung. «Die Entschädigung ist angemessen.» Auf dem Mythenquai stadtauswärts fahren vorwiegend Autos mit Brennmotoren – noch. Die Strasse ist aber bereits umrahmt von blau gestrichenen, je vier Tonnen schweren Betonelementen mit hohen Gittern, welche die Elektroboliden von den Zuschauern trennen sollen. Regler in orangen Schutzanzügen sorgen dafür, dass Verkehr und Bauarbeiten aneinenander vorbeikommen.

Am Ende des Streckenabschnitts treffen Mythenquai und Alfred-Escher-Strasse aufeinander. Dazwischen steht die «VIP Race Box» bereit. Wer am 10. Juni hier sitzt oder steht, hat 1500 Franken bezahlt – und dafür beste Sicht auf die Haarnadelkurve. Teurer ist das Spektakel nur noch auf der nebenan geplanten «Overlay-Brücke»: 2500 Franken kostet hier ein Ticket.


Mit dem Weltmeister im E-Boliden durch Zürich. Video: Lea Koch


Beim Abbiegen in die Alfred-Escher-Strasse bietet sich das gleiche Bild wie eben: Betonblöcke, Zäune. Nur säumen nicht mehr vorwiegend Geschäfts-, sondern auch Wohnhäuser die Strasse. Bei einer temporären Brücke warten acht Anwohner, die schon jetzt genug haben vom Event. Unter ihnen ist der 78-jährige Rolf Preisig, der seit 31 Jahren an der Sternenstrasse wohnt. Von seinem Balkon sieht er direkt auf die Rennstrecke. «Gegen das Formel-E-Rennen ist die Street Parade, vor der ich jährlich aus der Stadt fliehe, ein Kindergeburtstag.»


Bilder: Formel E in Berlin


Auch Bettina und Andi Wunderli sind entnervt. Der nächtliche Baulärm lasse sie kaum noch schlafen. Zu allem Überfluss sei das Lager der Absperrgitter direkt vor ihrem Haus platziert. In einem Flyer der Organisatoren sind ihnen «lärmarme Arbeiten» in der Nacht angekündigt worden. «Das ist ein Hohn», sagt die 49-jährige Wunderli. «Das Aufstellen der Betonblöcke mit Gittern und der Aufbau der Brücke waren alles andere als lärmarm.» Der Flyer sei zudem die einzige Information gewesen, die bis zu ihnen gekommen sei.

Bettina Wunderli wohnt an der Strecke – und schläft wegen des Aufbaus kaum noch. Bild: Urs Jaudas

«Die Aufbauarbeiten finden zum Teil in der Nacht statt, um den Verkehr möglichst wenig zu behindern», sagt Stephan Oehen, Mediensprecher des Veranstalters Zurich E-Prix. Den Vorwurf der fehlenden Information lässt er nicht gelten. Zusätzlich zu den Flyern habe man im Januar und im April zusammen mit den Quartiervereinen Enge und Wollishofen informiert und die Anwohner zu Wort kommen lassen. Ausserdem würden Anfragen telefonisch und per Mail entgegengenommen. «Viele Anwohner sind vom Rennen übrigens begeistert», sagt er. Für die exklusive Besichtigung der Boxengasse hätten sich bereits über 200 Menschen aus dem Quartier angemeldet.

Auch Markus Gumpfer, Präsident des Quartiervereins Enge, bezeichnet die Informationspolitik als vorbildlich. An den Informationsabenden sei der Aufmarsch mit 50 bis 80 Leuten zudem vergleichsweise klein gewesen. «Bei solchen Anlässen herrscht auch eine gewisse Holschuld.» Er habe aber Verständnis, wenn die Nachtarbeiten stören. Und grundsätzlich komme das Quartier mit der Anzahl an Veranstaltungen langsam, aber sicher an eine Grenze.

Das nächste grosse Politikum?

«Ich habe nichts gegen Autorennen per se», sagt Anwohnerin Wunderli. Ihr achtjähriger Sohn sei begeistert davon. Das Problem seien das Ausmass und die Dauer. «So etwas gehört nicht mitten in die Stadt, egal ob vor meiner Haustür oder nicht. Warum kann das Rennen nicht auf dem Gelände des Flughafens Dübendorf stattfinden?» Stossend sei auch, dass es kaum einen echten politischen Prozess gegeben habe. «Ein weiteres Rennen will ich verhindern», sagt Wunderli. Nach dem 10. Juni will sie dafür Unterschriften sammeln. Diese Forderung hat auf linker Seite im Gemeinderat durchaus Unterstützung, wie eine Debatte vorletzte Woche gezeigt hat.

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Nachdem sich die Anwohnergruppe aufgelöst hat, geht Rolf Preisig über die wenigen offenen Stellen der Rennstrecke vorbei am Imbiss von Eva Germann zur Badi Enge. Wer entlang der Rennstrecke keinen Platz findet und kein Ticket ergattert hat, für den wird auf dem Arboretum ein Fanbereich eingerichtet.

Schweift der Blick von hier über das Seebecken, fällt noch bis morgen das Zelt des Circus Knie auf dem Sechseläutenplatz ins Auge. Über dessen Nutzung werden die Zürcher und Zürcherinnen am Renntag befinden. Das Formel-E-Rennen spaltet Stadt und Quartier und ist auf bestem Weg, ebenso zum Politikum zu avancieren. Bei Sechseläutenplatz und Formel E geht es um die Frage, wie der öffentliche Raum genutzt werden soll – und wer darüber bestimmt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.06.2018, 08:47 Uhr

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