Darf ich die Salatsauce auftunken? 10 Fragen an den Benimmpapst

Christoph Stokar legt einen Business-Knigge vor. Wie man sich im Büro verhält – und Ratschläge fürs Weihnachtsessen.

Christoph Stokar will nicht das Lächeln, sondern das Herz trainieren. Foto: Sabina Bobst

Christoph Stokar will nicht das Lächeln, sondern das Herz trainieren. Foto: Sabina Bobst

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O du fröhliches Weihnachtsessen – wir feiern das Jahr, das anstrengend war, wir witzeln mit den Kollegen, vielleicht singen wir gar Karaoke. Und die Firma bezahlt. Vorsicht! Bei alledem sind wir doch in der Arbeitswelt und sollten ein paar Dinge besser nicht tun. Zum Beispiel: der Kollegin ins Décolleté dauergaffen. Den Lehrling anbaggern. Dem Chef lang und breit erklären, wie man die Abteilung besser managt. Oder mit der Sekretärin ein Shot-Wetttrinken veranstalten.

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Nein, das Weihnachtessen ist kein ­Oktoberfest. Es ist aber auch keine Therapiestunde, in der man unter dem Einfluss eines Liters Rioja seine traurige Kindheit ausbreitet und dabei zu weinen beginnt.

Mann der träfen Diagnose

Die Beispiele stammen grosso modo aus dem eben erschienenen «Schweizer Business-Knigge» – und natürlich ist man vor dem Treffen mit dessen Verfasser nervös. Christoph Stokar ist ein Mann der träfen Diagnose. Wird das geschulte Auge des «Benimmpapstes» gleich erkennen, dass die Turnschuhe des Journalisten nicht ganz sauber sind, weil er am frühen Morgen auf dem Weg zur Arbeit vor der Wohnung die Abkürzung über den schmutzigen Rasen nahm? Und was ist mit der Jeans des Journalisten, die unten ein wenig sehr abgewetzt ist?

Ein Treffen mit der Zürcher Inkarnation des Herrn Knigge kann stressen.

Stokar, 56-jährig, hat Humor, zeigt sich. Das Gespräch fällt ziemlich amüsant aus, was vor allem an den Beispielen und Anekdoten liegt, die er beibringt; man fühlt sich nicht unangenehm taxiert, sondern gut unterhalten. Man fragt ihn: Darf ich beim Mittagessen mit dem Chef die Spaghetti klein schneiden, oder wirke ich dabei wie ein Psycho? Stokar antwortet: «Eher sieht es nach WK im Jura aus.»

Das Treffen findet im Volkshaus am Zürcher Helvetiaplatz statt. Stokar, braungrüner Anzug, schmale dunkelblaue Krawatte, weisses Hemd, der Bart vielleicht eine Spur zauselig, hat den Ort gewählt. Er wohnt um die Ecke und trinkt hier gerne Kaffee. Er liebt den Markt auf dem Platz und die Volkshaus-Buchhandlung zwei Türen weiter. «Der Buchhändler ist ein Literaturbegeisterter.» Selber hat er bereits fünf Bücher geschrieben. Zum Beispiel, das ist lange her, eine Rezeptsammlung für Eltern und Kinder, die gemeinsam kochen wollen. Aber auch einen Ratgeber, der jungen Leuten zeigt, wie man eine Lehrstelle findet. Vor drei Jahren landete Stokar einen Bestseller mit dem «Schweizer Knigge». 30 000 Exemplare wurden verkauft.

«Kein Lackaffe, kein Untertan»

Und jetzt legt er also nach mit dem «Schweizer Business-Knigge». Untertitel: «Was gilt in der Arbeitswelt?». Ja, was gilt da? Man wird im Gespräch immer wieder ins Philosophieren kommen über vermeintliche Gegensätze wie Natürlichkeit des Charakters und Künstlichkeit der Sitten. Stokar vertritt in Sachen Anstand so etwas wie eine mittlere Linie. «Man soll kein Lackaffe sein und kein Untertan», sagt er. Aber: «Soft Skills sind im Arbeitsalltag wichtig. Die Fachkompetenz allein reicht nicht aus, es braucht dazu Höflichkeit, Stil, Charme.»

Dazwischen bombardiert man ihn mit Fragen, die er alle gelassen beantwortet; er hat ursprünglich die Hotelfachschule absolviert, in dieser beruf­lichen Ursituation wurzelt seine Kompetenz in angewandtem Benimm.

Frage eins: Die Chefin wählt beim Essen in der Kronenhalle einen guten Wein, bemerkt beim Probieren aber nicht, dass er fürchterlich Zapfen hat; soll man es ihr sagen? «Nein, das hiesse sie blossstellen; mit etwas Glück verflüchtigt sich der Zapfen», antwortet Stokar. Frage zwei: Darf ich auf meinem Bürotisch eine kleine Bergkristallsammlung ausbreiten? «Ein Kristall geht in Ordnung. Viele Kristalle signalisieren, dass Sie lieber in den Bergen wären als im Büro.» Frage drei: Was darf eine oder einer an Privatem überhaupt im Büro zur Schau stellen? «Sicher kein Foto von sich selbst in der Badehose oder im Bikini. Und kein Selfie mit einem harpunierten Fisch.»

Stokar ist Autor und Werbetexter; er arbeitet eher für kleine Kunden und Betriebe. Für die Apotheke Stadelhofen denkt er sich seit 25 Jahren die Schaufenster aus, und die sind für ihren Witz bekannt. Er habe sicher schon 50 Wallwurzsalbe-Sujets entworfen, erzählt Stokar. Doch immer wieder sitze er neu vor einem Blatt Papier, das ihm quasi zuflüstere: «Alter Sack, meinst du wirklich, du bringst es noch einmal?»

Sein «Business-Knigge» sei, sagt er, eher für mittlere Kader, für Leute im KMU-Bereich gedacht als für Unternehmensspitzen und Topleute à la Sergio Ermotti. Für Menschen, die nicht in einem Mega-Apparat arbeiten und auch nicht über Leichen gehen müssen, um aufzusteigen oder sich eine stabile Position zu erarbeiten. Etwas, was Stokar seinen Leserinnen und Lesern empfiehlt, ist: Grosszügigkeit. Man könne sie trainieren, sie sei verwandt mit Offenheit, Humor oder Gelassenheit. Sich zu benehmen zu wissen, bedeute auch, dass man sich entspannen könne. Grosszügig werden, eben.

Ohne Freunde gehe es nicht, sagt Stokar. «Wer Egoismus zelebriert, Infos hortet, auf den kurzfristigen Vorteil sinnt, wird im Geschäftsleben langfristig nicht bestehen.»

Die Sache mit dem Lohn

Wieder ist Zeit für ein paar Fragen. Frage vier: Wie oft darf ich pro Jahr zum Chef, um mehr Lohn zu verlangen? «Besser als verlangen ist darüber sprechen. Je öfter Sie über den Lohn diskutieren, desto grösser ist die Chance, dass Sie mehr bekommen.»

Frage fünf: Darf ich als Chef die Lehrtochter Melanie darauf ansprechen, dass sie langsam, aber sicher zu grossflächig tätowiert ist? «Vielleicht einmal im ruhigen Rahmen. Traurig ist ja übrigens, dass die Qualität der Tattoos immer mehr abnimmt und dass die Motive derart gedankenlos sind.»

Frage sechs: Was mache ich gegen elf Uhr abends, wenn mein Bürokollege und seine Frau, die ich zum Essen eingeladen habe, nicht mehr aus der Wohnung wollen? «Dauergähnen geht nicht. In der Küche laut Geschirr verräumen auch nicht. Durchzug machen auch nicht. Am ehesten geht, dass man fragt: Mögt ihr noch einen Schnaps auf den Heimweg?» Wirklich? Man ist nicht immer einverstanden mit Stokar, findet diese Formulierung jetzt nicht supersouverän. Aber genau das ist ihm wichtig: Es gebe bei der Höflichkeit nicht immer ein Patentrezept. Mancher Satz, manche Geste stimme in einem bestimmten Zusammenhang und verstimme in einem anderen. Knigge sei keine exakte Wissenschaft, sagt Stokar.

ÖV und Hotels als Quelle

Er fuhr früher mit dem Velo von der Wohnung im Kreis vier in sein Büro im Kreis fünf. Heute nimmt er in der Stadt gern den Bus oder das Tram. Velofahren sei so isoliert, man erlebe nichts, begründet er den Wechsel. Im öffentlichen Verkehr könne er Menschen studieren, höre er Geschichten, sehe er prägnante Szenen.

Wie aber hat er seinen Business-Knigge zusammengestellt? Manches weiss er aus der Hotelfachzeit, in der er auch einmal ein halbes Jahr in Japan verbrachte. Anderes stammt aus dem Verkehr mit seinen Kunden. Wer als Texter arbeitet, ist ein intellektueller Kleingewerbler, ein Verkäufer des eigenen Kopfprodukts: zuhören, auf den anderen eingehen, Einwände aufnehmen – alles Selbstverständlichkeiten in diesem Gewerbe.

Dazu führte Stokar Interviews mit Leuten aus dem Banken- und Versicherungsmilieu. Durch seine Freundin kenne er viele Leute aus der Wirtschaft, sagt er. Sie sei 19 Jahre bei einer Grossbank im Marketing gewesen und arbeite jetzt beim Bankenombudsmann.

Und nun noch einmal ein paar Fragen. Siebtens: Darf ich meinen Bürocomputer dekorativ verschönern? «Hasenohren am PC finden nicht alle soooo lustig», sagt Stokar.

Frage acht: Was sind Tabuthemen beim Small Talk? «Die Tabus sind je nach Land verschieden. Erkundigen Sie sich in einem Gespräch mit einem Araber nicht zu ausführlich nach seiner Gattin! Diskutieren Sie nicht mit einem Chinesen über Pressefreiheit! Und vergleichen Sie in Australien ja nicht Australien mit Neuseeland!»

Vorsicht bei Gambas und Poulet

Frage neun: Was esse ich mit Vorteil nicht, wenn mich der Personalchef nach dem Bewerbungsgespräch ins Restaurant einlädt? «Keine öligen Spaghetti mit Gambas, die Sie mühsam aufbrechen müssen. Und keine Poulets, der Knochen wegen, und weil Sie die Finger einsetzen müssen, was nicht sehr elegant wirkt. Bestellen Sie nicht das teuerste und nicht das billigste Gericht.»

Frage zehn: Darf ich bei einem solchen formellen Anlass die Salatsauce auftunken? «Sie dürfen die Sauce mit Brot auftunken. Sie brauchen ja nicht gerade den Teller blitzblank zu polieren, als müsse er wieder in den Service und hätten Sie seit Tagen nichts gegessen.»

Am Schluss des Gesprächs sagt Stokar, dass er im Zeitungsartikel vielleicht wirken wird wie einer, der zu allem und jedem festlegt, wie man es richtig macht. Wie ein, dieser Ausdruck stammt vom Journalisten, Linienrichter der gesellschaftlichen Sitten. Stokar fügt an, der Anstand, der ihm vorschwebe, sei nur dann sinnvoll, wenn er von einem entsprechenden Charakter gestützt sei. Wenn innen und aussen übereinstimmten. «Ich will nicht das Lächeln der Leute trainieren, sondern ihr Herz.»

Erstellt: 16.12.2015, 23:23 Uhr

Zürcher Begegnungen (1)

Christoph Stokar

In loser Folge präsentiert diese Serie ­bemerkenswerte Leute in Zürich. Heute: Christoph Stokar (56). Nach der Ausbildung im Hotelfach arbeitet er seit vielen Jahren als Werbetexter und Autor. Eben ist sein neues Buch erschienen, «Der Schweizer Business-Knigge» (Beobachter-Edition, 224 S., 29.90 Fr.). (TA)

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