«Das Albisgüetli ist nichts als ein Restaurant»

Mythen-Forscher Dieter Sträuli erklärt die Albisgüetli-Tagung. Und er sagt, weshalb die SVP heute Abend im Schützenhaus kein asiatisches Curry auftischt.

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Woher kommt der Mythos Albisgüetli?
Der Mythos Albisgüetli ist seit 1899 mit dem Zürcher Knabenschiessen verknüpft, insofern auch mit der Tradition einer wehrhaften Schweiz à la Wilhelm Tell.

Welche Rolle spielt der Ort, ein Schützenhaus?
Letztlich ist das Albisgüetli nichts als ein Restaurant. Der Chef de Cuisine ist wichtiger als wackelige Heldenschwüre auf blutgetränktem Boden.

Die Inszenierung wirkt für Aussenstehende unheimlich. Ist das gewollt?
Sigmund Freud zeigte, dass das «Heimelige» mit dem Unheimlichen zusammenfällt. Es kommt nur darauf an, wo man steht beziehungsweise sitzt. Entweder man sitzt gemütlich im Schützenhaus bei währschafter Schweizer Kost beisammen, dann ist das Unheimliche draussen bei den anderen. Oder man steht sich an einem Zürcher Bahnhof die Beine in den Leib und schlingt asiatische Kost herunter, dann können das gemütliche Beisammensein der SVP und das abgeschottete Albisgüetli ganz schön unheimlich wirken.

Was würde passieren, wenn man den SVPlern heute Abend ein scharfes Curry servieren würde?
Das ist eine schockierende Idee. Dadurch würden die kulturellen Grenzziehungen und Zuweisungen ausser Kraft gesetzt. Andererseits: Welcher «Linke und Nette» denkt nicht manchmal sehnsüchtig an einen Puurezmorge?

Sie sind Sektenexperte. Ist die SVP auf Ihrem Radar?
Tatsächlich kann man die Assoziation «SVP gleich Sekte» immer wieder hören. Die Schweiz braucht aber eine konservative Partei, die die politische Energie und die Ideen von Bewahrern des Bestehenden bündelt. Das allein macht die SVP noch nicht zur Sekte. Das Phänomen Sekte könnte man definieren als eine Gruppendynamik, bei der die Mitglieder die eigene Gruppe stark überschätzen: «Wir sind die Hüter einer Wahrheit, wir können uns nicht irren.» Sektenmitglieder definieren sich mittels einer massiven Abgrenzung von realen oder vorgestellten Feinden. Oft nehmen die Phantasien sektenartiger Gruppen kosmische Dimensionen an.

Eben.
Tatsächlich scheint die SVP solche Tendenzen manchmal zu streifen. Sie ist nicht nur kämpferisch, hemdsärmlig und holzschnittartig, sondern fühlt sich auch sehr schnell missverstanden, ungerecht behandelt und verfolgt. Ihre Anhänger wirken dann manchmal fast weinerlich. Man würde sich eine Verschiebung in Richtung eines Stils von Sachlichkeit und Dickhäutertum wünschen. Natürlich hacken alle auf der SVP herum, das ist eben Politik. Die SVP hat aber wie alle Parteien eine Chance, sich öffentlichen Respekt für ihre Leistungen zu verdienen.

Was macht Christoph Blocher zum Popstar?
Das «Pop» der SVP ist natürlich der Populismus und der kocht gelegentlich derart obenaus, dass die Reaktionen darauf zwischen Empörung, «ui peinlich» und «gröhl» wechseln. Das Rezept scheint aber zu funktionieren: Ziele in deinen Reden und Gleichnissen auf die typischen Gefühle heutiger Menschen, nämlich diffuse Angst vor anderen Kulturen und der Zukunft, Minderwertigkeitsgefühle gegenüber erfolgreichen Nationen, und verstärke diese Gefühle noch, statt ihnen mit einem Gegenkonzept entgegenzutreten. Die Gefahr liegt darin, dass so Massenbewegungen ausgelöst werden, bei denen niemand mehr denkt, sondern alle nur noch handeln.

Erstellt: 17.01.2014, 14:12 Uhr

«Welcher ‹Linke und Nette› denkt nicht manchmal sehnsüchtig an einen Puurezmorge»: Dieter Sträuli ist Psychologe, Präsident der Fachstelle für Sektenfragen (Infosekta) und Lehrbeauftragter am Institut für Populäre Kulturen an der Universität Zürich.
(Bild: PD)

Die Albisgüetli-Tagung auf Tagesanzeiger.ch

Heute Freitagabend um 19 Uhr startet die 26. Albisgüetli-Tagung. Als Gastreferent wird Bundespräsident Didier Burkhalter (FDP) ans Rednerpult treten. Dies werden auch die SVP-Nationalräte Alfred Heer und Christoph Blocher tun.
Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtet ab 19 Uhr live aus dem Schützenhaus Albisgüetli.

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