Das Bellevue wird zur Grossbaustelle

Im Frühling 2015 fahren am Zürcher Verkehrsknotenpunkt die Bagger auf. Auf der Quaibrücke stehen den Autos nur noch drei Spuren zur Verfügung. In den Sommerferien wird der Trambetrieb eingestellt.

Das Bellevue hat schon mehrere Neugestaltungen hinter sich: Aufnahme von Bauarbeiten im Mai 1937. Foto: Archiv VBZ

Das Bellevue hat schon mehrere Neugestaltungen hinter sich: Aufnahme von Bauarbeiten im Mai 1937. Foto: Archiv VBZ

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Die Freunde krasser Baustellen kommen nächstes Jahr auf ihre Kosten: Von Mitte April bis Ende November wird am Bellevue und auf der Quaibrücke im 2-Schicht-Betrieb gearbeitet mit häufigen Nachteinsätzen, im Juli und August gar an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr. Mit 7 Tram-, 2 Bus- und 16 Nachtbuslinien ist das Bellevue die grösste Haltestelle der VBZ, und mit 60'000 Autos täglich ist die Quaibrücke ein halber Gubristtunnel. Am Bellevue möchte die Stadt eigentlich nicht bauen, muss es aber, weil die Gleise abgefahren und die Haltestellen nicht behindertengerecht sind. Die Quaibrücke wiederum wurde 2008 nur zum Teil saniert, jetzt stehen der Ersatz der Gleise, der Fahrbahn und der Abdichtung an. Das alles kostet rund 52 Millionen Franken.

«Sehr komplex und kompliziert», nannte Stadtrat Filippo Leutenegger (FDP) das Projekt gestern vor den Medien. Als Mitglied einer Partei, die ­jeden Parkplatz mit Adlerblick bewacht, musste er die Aufhebung von 20 bis 30 Parkplätzen neben der Stadthaus­anlage und am Limmatquai in Aussicht stellen – sie haben vorübergehend den Baustelleninstallationen zu weichen. ­Ersatz werde gesucht, versprach Leuten­egger. Sein Tiefbauamt wird auch die Abbiegespur am Utoquai aufheben, für deren Erhalt seine Partei 2012 erfolglos eine Volksabstimmung erzwungen hatte. In Leuteneggers Worten: «Der Spurabbau wird jetzt operativ.»

Freie Fahrt fürs Auto

Das Komplizierteste an dieser Grossbaustelle ist, den Verkehrsfluss im Nadelöhr Quaibrücke aufrechtzuerhalten. «Wir versuchen, das fast Unmögliche bestmöglich zu machen», versprach Esther Arnet, die Direktorin der Dienstabteilung Verkehr, doch Begeisterungsstürme erwarte sie keine. Während der ganzen Bauzeit bleiben zwei Fahrspuren Richtung Bürkliplatz und eine Fahrspur zum Bellevue offen.

Damit dieselbe Verkehrsmenge mit drei statt mit vier Spuren bewältigt werden kann, fallen drei Abbiegemöglichkeiten und vier Zebrastreifen weg, was den Autoverkehr – in Kombination mit der Anpassung oder Abschaltung der Lichtsignale – schneller und stetiger macht. So entstehe fürs Auto eine Art «störungsfreie Bobbahn», meinte die ­Direktorin. Für die aufgehobenen Abzweigungen – zum Beispiel Quaibrücke–Rämistrasse – werden Umleitungen ­signalisiert. Die Fussgänger können die Strasse über zwei Passerellen queren, die fünf Meter hoch am Bürkli- und am Sechseläutenplatz stehen. Auch wird die Quaibrücke auf beiden Seiten mit drei Meter breiten Auskragungen verbreitert für den Fuss- und den Veloverkehr.

Fünf Wochen ausser Betrieb

Noch mehr Menschen als im Auto stört die Grossbaustelle die Tram- und Buspassagiere. 76'000 steigen am Bellevue jeden Werktag ein oder aus. Im Jahr sind es über 23 Millionen – dreimal die Schweizer Bevölkerung. 18 Weichen und 1,5 Kilometer Gleise werden ersetzt, wozu die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) die Haltestelle Bellevue während der Sommerferien vom 11. Juli bis zum 14. August aufheben. Die gröbsten ­Arbeiten – der sogenannte Gleisschlag – finden an den Wochenenden vom 11./12. und 18./19. Juli statt.

In diesen fünf Wochen erfordert das Tramfahren erhöhte Aufmerksamkeit: Alle Linien, die übers Bellevue führen, werden umgeleitet oder vorzeitig gewendet. Die übrigen Linien verkehren normal. Auf dem Limmatquai zwischen Bellevue und Central kommt ein Shuttle-Bus im 7,5-Minuten-Rhythmus zum Einsatz, der auch den Bürkli- und den Paradeplatz bedient. Möglicherweise wird er über die Münsterbrücke fahren, was ­jedoch auf die Baustelle Münsterhof ab­gestimmt werden muss. Dort wird von April 2015 bis März 2016 der Platz neu und parkplatzfrei gestaltet. Die Tram­linie 5 wird in den Sommerferien ganz eingestellt; die Linie 15 verkehrt nur zwischen Stadelhofen und Klusplatz. Die Regionalbusse 912 und 916 wenden auf der Falkenstrasse hinter dem Opernhaus.

Gleise werden gerade

Die Haltestelle Bellevue erhält neben den neuen Gleisen auch neue Haltekanten. Sie werden behindertengerecht erhöht, wofür aber erst die Gleise begradigt werden müssen. Dies geschieht vor dem Haus Bellevue (Tramlinien 5, 8, 9)und vor dem Vorderen Sternen (Linien 4, 15). An beiden Orten baut die Stadt neue Wartedächer, die in ihrer Form Bezug nehmen zum grossen Rondell, das aus dem Jahr 1939 stammt und hoch­gradig denkmalgeschützt ist.

Wegen der Grossbaustelle Bellevue hat die Stadt mehrere Grossveranstaltung verschoben: Ironman (19. Juli), Theater Spektakel (6. bis 23. August), Street-Parade (29. August). Das Sechseläuten am 13. April findet normal statt, und für die Schlusskundgebung am 1. Mai auf dem Sechseläutenplatz konnte soeben auch eine Lösung gefunden werden. Das sei aber eine gröbere Sache gewesen, meine Stadtrat Leutenegger.

Erstellt: 02.12.2014, 20:44 Uhr

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Die grössten Baustellen

Rückblick und Ausblick

2002: Schaffhauserplatz
2004: Bahnhofplatz
2006: Walche-/Gessnerbrücke
2008: Quaibrücke
2009: Stadelhoferplatz
2010/11: Hardbrücke
2012: Ulmbergtunnel
2013/14: Bahnhofstrasse
2015: Bellevue/Quaibrücke
Dreikönigstrasse
Rosengartenstrasse
Glattalstrasse
Albisriederplatz
2016/17: ev. Mythen-/General-Guisan-Quai
2018/19: eventuell Bellerivestrasse

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