Das Böögg-Massaker

Selten zeigte sich das Wetter an einem Sechseläuten von so garstiger Seite. Trotzdem: Nie zerfetzte es den Schneemann in den letzten zehn Jahren schneller als gestern.

«They put Brandbeschleuniger on it», erklärte ein deutscher Student. Damit hatte er recht. Kaum ritten die ersten Zünfter um den Böögg, knallte es schon.

«They put Brandbeschleuniger on it», erklärte ein deutscher Student. Damit hatte er recht. Kaum ritten die ersten Zünfter um den Böögg, knallte es schon. Bild: Dieter Seeger

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Zürich – Beim Sechseläuten ändert nur das Wetter. Der Rest ist Repetition: Zug zum Feuer, Ritt ums Feuer, päng. Nach viel Sonne und heissen Temperaturen im letzten Jahr war es diesmal nass und kalt. Das mag dem Hafenkran gepasst haben, der raues Klima gewohnt ist, der Stimmung am Zürcher Frühlingsfest tat es jedoch nicht gut. Beim Bellevue fanden sich deutlich weniger Leute ein, um der traditionellen Opferung des Schneemanns beizuwohnen.

Wer trotzdem gekommen ist, hat Freunde zu Besuch. So wie der deutsche Student, der auf Englisch erklärt: «Je länger er brennt, desto besser der Sommer, ach nein, schlechter.» Der sei doch dermassen vollgesaugt mit Wasser, dass alle Hoffnung vergebens sei, meint der Tourist. Worauf der Deutsche: «Yes, but they put Brandbeschleuniger on it.»

Und wie sie das tun. Im strömenden Regen umkreisen Männer mit schwarzen Hüten und leuchtgrünen Westen den Scheiterhaufen und schütten literweise von der Flüssigkeit ins Holz. Langsam treffen die Zünfte ein, die Märsche und das Getrommel ihrer Musiken schluckt der Nebel, der dicht über dem neuen Sechseläutenplatz liegt.

Die Leute auf den Dächern suchen Schutz unter Partyzelten, die Leute am Boden drängen unter die Bäume am Utoquai. In der linken Hand der Schirm, in der rechten Hand das Cüpli oder das Bier. Es riecht nach Raclette, Glühwein und Pferdemist. Einmal hätten ein paar Autonome den Böögg geklaut, erzählt ein Mann mit FCZ-Schal seinem indischen Freund. «Weisst du noch, als der Blocher vom Podest gestürzt ist?», fragt ein anderer seine Freundin, die gelangweilt dreinschaut. Die alten Geschichten vom Sechseläuten machen das Warten nicht interessanter. Ein Kind rutscht auf einem nassen Kabel aus, fällt hin und schreit zetermordio.

Grünbrauner Qualm

Gegen halb sechs sind die besten Plätze rund um den abgeriegelten Sechseläutenplatz besetzt. Ein älterer Herr klettert auf einen wackligen Container, um dennoch etwas zu sehen, alle recken die Hälse zum Böögg. Weit vorn zieht ein rollender Weinkeller aus Pappmaché vorbei, und ein riesiger Schwan.

Pünktlich um sechs Uhr – noch sind längst nicht alle Zöifter auf dem Platz angekommen – schreiten die mit Fackeln bewehrten Henker zur Tat. Sofort züngeln Flammen aus dem Scheiterhaufen, grünbrauner Qualm zieht übers Bellevue Richtung Limmatquai. Als sich die erste Reitergruppe aufmacht, den Böögg erstmals auf neuer Unterlage zu umkreisen, lodert das Feuer schon fast bis ganz nach oben. Die Männer mit den schwarzen Hüten und den leuchtgrünen Westen haben ganze Arbeit geleistet. Dieser Böögg, und mit ihm das frierende Publikum, wird nicht lange leiden.

Und tatsächlich, die erste Note des Sechseläutenmarschs ist noch nicht einmal erklungen, knallt es schon. Kinder zucken zusammen, Teenager zücken ihre Handys, um das baldige Ableben des Böögg auf Instagram oder Facebook zu verkünden.

Poetische Pointe

Sekunden später zerfetzt es den Schneemann. Kein langsamer Tod, bei dem ein Böller den Unterleib wegsprengt, dann die Brust und schliesslich – als Grande Finale – den Kopf. An diesem Sechseläuten gehts schnell, schneller als in den letzten zehn Jahren. Unter lautem Getöse verjagt es den Böögg nach wenigen Minuten in tausend rauchspeiende Teile, die über den verdutzten Zöiftern niedergehen. Und während die Fernsehstationen der Nation schon die Lebensdauer des Böögg mitteilen, 7 Minuten und 23 Sekunden, trudeln immer noch mehr Menschen in historischen Gewändern auf dem Sechseläutenplatz ein.

Auf der anderen Seite des Gitters zieht das Volk von dannen. Mit kalten Füssen und der Hoffnung, dass wenig­stens die Prognose stimmt. Fast unbemerkt und ganz sanft fällt nach rund zehn Minuten auch noch der Hut des ­Böögg vom Pfahl – die poetische Pointe an diesem tristen Nachmittag.

In der Bahnhofstrasse machen sich die Putzmannschaften ans Werk. Es sieht aus wie nach einem Fanmarsch: ein Müll-Massaker. Nur prangen auf den liegen gelassenen Papiertaschen und Flaschen die Namen exklusiverer Marken.

Erstellt: 29.04.2014, 07:51 Uhr

Der Schneemann explodierte bereits nach knapp acht Minuten, doch der Kopf blieb stecken.

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