Das Comeback der Spielzeugwaffen

Plastikpistolen mit Schaumstoffmunition erleben einen Boom. Der Spielzeughandel spricht von harmlosem Actionspielzeug. Die bei vielen Eltern umstrittenen Waffen gibt es schon für 6-Jährige.

Ganz vorne im Regal: Dartblaster in einem Zürcher Spielwarengeschäft.

Ganz vorne im Regal: Dartblaster in einem Zürcher Spielwarengeschäft. Bild: Nicola Pitaro

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«Erlebe ein ultimatives Feuergefecht», «Gründe deine eigene Spezialeinheit», dank Trommelmagazin und Schussautomatik «kannst du punkten und deine Gegner ausschalten» – so wirbt die Spielzeugbranche für Dartblaster der Marke Nerf. Die bunten Plastikgewehre des US-Herstellers Hasbro stehen derzeit bei Kunden hoch im Kurs und deshalb in vielen Spielzeugläden ganz vorne im Regal.

Dartblaster sind echten Waffentypen nachempfunden und verschiessen durch Luftdruck patronenähnliche Schaumstoffpfeile mit weicher Spitze. Die Reichweite der wiederverwendbaren Pfeile beträgt gegen 15 Meter. Trotz des hohen Tempos, mit dem die Projektile aus der Mündung schiessen, sind laut Herstellern gefahrlose Duelle möglich. Selbst bei empfindlichen Körperteilen wie Augen sollen die weichen Pfeile keine Schäden verursachen. Die Geräte – Kostenpunkt 50 bis 60 Franken – werden für Kinder ab 6 Jahren angeboten.

«Modernes Räuber und Poli»

Nerf-Pistolen sind seit 2009 auf dem Schweizer Markt erhältlich. Mit ihnen erlebten Spielzeugpistolen ein Comeback. Dartblaster füllten eine Lücke, die Ende 2008 nach Inkrafttreten des neuen schweizerischen Waffenrechts entstanden war. Dieses verbietet das Tragen von sogenannten Imitationswaffen wie Soft-Air-, Paintball- und Schreckschusswaffen in der Öffentlichkeit. Spielzeugpistolen, die echten Waffen gleichen, dürfen seither nur noch verkauft werden, wenn der Verkäufer über eine «Waffenhandelsbewilligung für Nichtfeuerwaffen» verfügt. Die Folge: Spielzeughändler nahmen sogenannte «Chäpseli»-Pistolen und dergleichen aus dem Sortiment.

Inzwischen haben sich die Dartblaster – es gibt sie sogar mit elektronischem Zielfernrohr – zu einem Kassenschlager entwickelt, wie es bei Manor, Franz Carl Weber, Migros und Coop übereinstimmend heisst. «Nerf-Sport-Blaster verkaufen sich das ganze Jahr über sehr gut, sie sind bei unseren kleinen und grossen Kunden stark gefragt», sagt Silvan Wipfli, Country-Manager von Hasbro Schweiz. «Wir haben Nerf-Produkte seit 2009 im Verkauf und verzeichnen eine starke Nachfrage seitens der Kunden», heisst es bei Manor. Und Migros-Sprecherin Christine Gaillet erklärt: «Die Marke Nerf wurde sehr erfolgreich im Markt eingeführt und etabliert.»

Vermeintlich sicherer Spielspass

Besonders beliebt sind die Ballergeräte bei Knaben. Zwei 12-Jährige schilderten gegenüber dem TA, wie sie jeweils abends rund um ihre Wohnhäuser zu Gefechten ausrücken – mit der Nerf im Anschlag. Dabei gehe es darum, den Stützpunkt des Gegners zu erobern. Spannend werde es, wenn man sich in der Dämmerung heimlich an den Gegner heranschleichen und ihn nach ausgedehntem Schusswechsel mit vorgehaltener Waffe («Sprich dein letztes Gebet!») in die Knie zwingen kann.

Beim Spielzeughandel betont man den Spassfaktor der Pistolen, es handle sich um harmlose Funsportgeräte. «Nerf bietet aktionsreichen und sicheren Spielspass für drinnen und draussen», sagt Hasbro-Sprecher Wipfli. Die Geräte funktionierten wie Wasserpistolen – mit dem Vorteil, dass man nicht nass wird. Mit Nerf würden die Kinder zudem von Fernseher oder PC weggelockt und zu gemeinsamem Spiel und Bewegung animiert.

Verrohende Wirkung befürchtet

Migros-Sprecherin Christine Gaillet will nicht von Waffen reden, sondern von Actionspielzeug: «Nerf ist die moderne Version des altbekannten Räuber-und-Poli-Spiels.» Im Vergleich zu den Dartblastern, die weiche Schaumstoffpfeile verschiessen, sei das Spielen mit Stöcken, Ästen oder selbst gebastelten Steinschleudern deutlich gefährlicher. Auch für Manor-Sprecherin Elle Steinbrecher wird beim Spiel mit der Nerf-Pistole ein sportlicher Wettbewerb mit spielerischen Elementen verbunden. Wie bei allen Spielwaren sei es auch hier wichtig, dass Eltern ihren Kindern klare Regeln und Grenzen aufzeigen würden.

Während manche Eltern kein Problem haben mit der Ballerei in Kinderzimmer und Garten, lösen sie bei andern gemischte Gefühle aus. «Ich will nicht, dass meine Kinder Krieg spielen und Hinrichtungen nachahmen», sagt die Mutter eines 11-Jährigen, die diesem die Nerf-Pistole verboten hat. Sie befürchtet eine verrohende Wirkung. Vor allem jüngere Kinder hätten Schwierigkeiten damit, Fakten von Fantasie zu trennen. Eine Kundin im Franz Carl Weber bekundet zwar ebenfalls Mühe mit den Gewehren, findet aber: «Besser, sie toben sich jetzt auf diese Weise aus als später mit richtigen Waffen.» Als Geburtstagsgeschenk hat sie deshalb für ihren 9-jährigen Sohn eine Turnhalle gemietet, wo er und seine Kollegen nach Lust und Laune mit Dartblastern aufeinander schiessen dürfen.

Keine Verherrlichung von Waffen

Im Herkunftsland USA sorgten die Spielzeugwaffen im letzten Oktober für Schlagzeilen. Eine Schule in Missouri verwies einen Kindergärtler für zehn Tage von der Schule, weil er eine Nerf-Pistole mit in den Unterricht gebracht hatte. Waffen irgendwelcher Art seien auf dem Schulgelände verboten, beschied der Schulleiter den verdutzten Eltern.

Jugendpsychologe Allan Guggenbühl hält die Nerf-Pistolen für eher unbedenklich. Sie seien als Spielzeug und nicht als Waffenimitation erkennbar, zudem drohe kaum Verletzungsgefahr. Buben seien in der Regel fasziniert von Pistolen. Jahrelang habe man gedacht, wenn keine Spielzeugwaffen mehr verkauft würden, verschwinde diese Faszination. «Aber man kann ihnen das nicht aberziehen», so Guggenbühl. Es gebe das Bedürfnis, sich in eine aggressive Szenerie zu begeben, in der man Angst verspürt. Wichtig sei, dass Eltern sagen, was sie von der Ballerei halten und eine zeitliche Begrenzung festlegen. Und: Es dürfe nicht zu einer Verherrlichung von Waffen kommen wie zum Teil in den USA.

«Verwischende Grenzen zwischen Spiel und Realität»

Der Erziehungswissenschafter Bernhard Hauser von der Pädagogischen Hochschule St. Gallen reagiert zurückhaltender. Zwar konnte der Einsatz von Waffenimitaten mit erkennbarem Spielzeugcharakter in Untersuchungen bisher nicht als Ursache für aggressives oder sonst wie unerwünschtes Verhalten in Zusammenhang gebracht werden. Solche Zusammenhänge fänden sich dagegen für gewalthaltige mediale Spiele, besonders bei Ego-Shootern.

Allerdings ist Hauser skeptisch, ob die «sich verwischenden Grenzen zwischen Spiel und Realität» nicht doch unerwünschte Folgen haben können – etwa erhöhte Aggressivität und Gewalttätigkeit bei einzelnen Kindern, emotionales Abstumpfen oder Aufbau von Handlungsmustern für Gewalt und verstärkte Lust an Gewalt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.03.2013, 07:18 Uhr

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