Das Comeback von Mr. 105

Ein Jahr nach der Pleite kehrt Giuseppe Scaglione ins Zürcher Medienbusiness zurück. Wohl nicht zur Freude Roger Schawinskis.

Will es mit 105 nochmals wissen: Giuseppe Scaglione. (Bild: Keystone)

Will es mit 105 nochmals wissen: Giuseppe Scaglione. (Bild: Keystone)

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«Es war eine brutale Zeit», beginnt Giuseppe Scaglione seine Schilderung. Alles sei plötzlich sehr schnell gegangen. Damals, im Januar 2014, als er die Bilanz seines Jugendradios 105 deponierte. Eine vierstündige Sondersendung konnte er noch moderieren, dann standen die Konkursverwalter vor der Tür. Er habe zehn Minuten gehabt, um die Belegschaft zu informieren. Dann war Schluss. Er stand mit seinem Team vor verschlossenen Türen. «Es war wie im Film», erinnert sich Scaglione. «Ich wurde vom Akteur zum Zuschauer.» Die Bilder werde er nie vergessen.

Die Bewältigung der Pleite sei ihm nicht leichtgefallen, sagt der Radiopionier. 105 sei sein Leben gewesen, 18 Jahre habe er gegen alle Widerstände gekämpft. Scaglione macht kein Geheimnis daraus, dass er im letzten Jahr auch nah am totalen Absturz gewesen sei. Mit seiner Frau habe er schliesslich den Entschluss gefasst, nochmals anzutreten. Trotz der Ratschläge der engsten Freunde, doch etwas Neues zu versuchen, entschied er sich für das «Haifischbecken», wie er den Zürcher Medienbetrieb nennt. «Musik ist mein Leben», sagt Scaglione.

Neustart mit Streamingplattform

Ein Jahr nach dem Konkurs lud Scaglione ins Restaurant Clouds im Zürcher Prime Tower und informierte über seine Pläne. Ende Mai geht der 45-Jährige mit einer Streamingplattform an den Start. Unter dem Namen my105 will er – aus der Cloud – einen Onlinemusikdienst lancieren. Für Scaglione ist Streaming «das Radio des 21. Jahrhunderts». Die Zeiten, mit nur einem Sender alle glücklich machen zu können, seien vorbei. Die «Generation Kopfhörer» konsumiere heute Medien sehr selektiv, erklärt er.

Mit my105 will Scaglione über Internet «kuratierte, handverlesene Musikstreams für verschiedene Stilrichtungen» anbieten. Dabei fungiert er als Filter: Aus 30 Millionen Songs will er das Beste für sein Publikum zusammenstellen und so «das Leben der Hörer vereinfachen». Dabei setzt Scaglione auf den alten Markennamen 105.

Und das wohl kaum zur Freude des Zürcher Radiounternehmers Roger Schawinski. Dieser ersteigerte im letzten Jahr für 1,585 Millionen Franken den konkursiten Radiosender 105. Vier Monate später meldeten sich die Anwälte der italienischen Firma Gruppo Finelco, die für 105 die Namensrechte in der Schweiz besitzen. Statt horrende Lizenzgebühren zu zahlen, benannte Schawinski das Radio in Planet 105 um.

Scagliones Ratschlag an Schawinski

Dass bald zwei 105-Marken in Zürich auf Hörerfang gehen, ist für Scaglione nicht bedenklich. Die Werbekunden hätten positiv auf seine Pläne reagiert und befürchteten keine Irritationen im Markt. Scaglione zeigt sich sichtlich erfreut darüber, dass er sich im Gegensatz zu Schawinski die originalen 105-Markenrechte sichern konnte. Die Marke sei bei seiner Zielgruppe «bestens bekannt». Dies sei wichtig, weil die Orientierung mit zunehmendem Medienangebot immer wichtiger werde. Angesprochen auf Schawinski Planet 105, sagt Scaglione: «Wir legen Roger Schawinski nahe, künftig mit einem anderen Namen aufzutreten. Das wäre konsequent.»

Bisher brachte die Zahl 105 Schawinski wenig Glück. Seit er im Besitz des Senders ist, verlor er im Hörermarkt massiv. Im zweiten Semester 2014 hatte der Sender eine Nettoreichweite von täglich 74'000 Hörern – knapp 30'000 weniger als noch im ersten Semester 2013. Was Roger Schawinski von Scagliones Plänen hält, war nicht in Erfahrung zu bringen. Er liess mehrmalige Anfragen unbeantwortet. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.04.2015, 15:28 Uhr

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