Das Duell am Rosengarten

FDP-Nationalrat Filippo Leutenegger kämpft für einen Rosengartentunnel als zukunftsgerichtetes Verkehrsprojekt. Für den Grünen Markus Knauss dagegen ist der Tunnel ein typisches FDP-Hirngespinst.

Das Duell der Verkehrsmittel: Velofahrer Markus Knauss und der (elektro-)motorisierte Filippo Leutenegger.

Das Duell der Verkehrsmittel: Velofahrer Markus Knauss und der (elektro-)motorisierte Filippo Leutenegger. Bild: Doris Fanconi

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Herr Leutenegger, wann sind Sie zum letzten Mal Auto gefahren
Leutenegger: Vor einer Woche für einen Geburtstagstransport meiner Kinder. Mein Auto, ein Toyota-Siebenplätzer, steht zu 95 Prozent auf dem Parkplatz. Ich brauche ihn vorwiegend für Kindertransporte und Grosseinkäufe.

Wie bewegen Sie sich in der Stadt?
Leutenegger: Je nach Wetter mit dem Tram oder auf zwei Rädern, heute zum Beispiel auf meinem Elektroroller. Überregional nehme ich den Zug. Und wenn ich aufs Land hinaus muss, miete ich am jeweiligen Bahnhof ein Mobility-Auto.

Herr Knauss, haben Sie überhaupt einen Fahrausweis?
Knauss: Klar, ich bin im Toggenburg aufgewachsen zu einer Zeit, als es als normal galt, einen Fahrausweis zu haben. Heute fahre ich bloss Auto für Transporte. Mit einem Mobility-Wagen.

Und in der Stadt?
Knauss: Meistens mit dem Velo. Kürzlich habe ich die S-Bahn nach Oerlikon genommen, weil ich nachts nicht über die Rosengartenstrasse fahren wollte.

Sie bezeichnen das Projekt mit dem Rosengartentunnel als Ablenkungsmanöver der Bürgerlichen. Warum?
Knauss: Es lenkt von den aktuellen Problemen ab, indem man einen Tunnel fordert, der in 20 Jahren vielleicht einmal kommt, statt heute schon dringliche Massnahmen zu realisieren. In diesem Projekt kommt die freisinnige Optik schön zur Geltung: Aus den Augen, aus dem Sinn. Das ist bereits das vierte Tunnelprojekt aus der Küche des Freisinns, alle waren unrealistisch. Auch die Idee von Kathrin Martelli, am Limmatquai einen Tunnel zu bauen, hat sich als unnötig erwiesen. Den Martelli-Tunnel gibt es zum Glück nicht, aber das Limmatquai ist trotzdem autofrei.

Leutenegger: Wir wollen etwas für die 30'000 von Lärm und Gestank belasteten Menschen machen, während Sie die Verkehrsprobleme bewirtschaften.

Knauss: Damit lösen Sie das Problem überhaupt nicht. Der Tunnel wäre bloss eine Verlagerung. Am Wipkingerplatz, beim Tunnelausgang, fahren immer noch die gleichen 56'000 Autos durchs Quartier. Wir haben auf der Rosengartenstrasse seit 2010 eine Abnahme des Verkehrs um 20 Prozent. So müssten wir weitermachen, statt 20 Jahre auf einen unsinnigen Tunnel zu warten. Und die Tramlinie von der Hardbrücke her über die Rosengartenstrasse verlängern.

Würden Sie als Stadtrat wie Ruth Genner für diesen Tunnel weibeln
Knauss: Ich werde mich sicher nicht für einen Tunnel einsetzen, weil er ganz offensichtlich das Problem nicht löst. Als Stadtrat würde ich in erster Linie – ob mit oder ohne Tunnel – alles dafür tun, dass das Quartier eine längst versprochene Verkehrsberuhigung bekommt.

Wie denn?
Knauss: Die Rosengartenstrasse muss zu einer kommunalen Strasse werden. Auf den übrigen Strassen – auch entlang der Limmat – bestimmt leider immer der Kanton mit. Dass der Kanton sich nicht sonderlich fürs Wohl der Stadtzürcher Anwohner sorgt, wissen wir ja.

Leutenegger: Stadt und Kanton wachsen, zusätzlicher Verkehr wird durch die neue Tramlinie aufgefangen, zum Beispiel entlastet es den Knoten HB, weil weniger Leute mit Tram und Bus Umwege fahren müssen. Wir müssen heute vorausplanen und auch an unsere Kinder denken. Mein Appell: Betrachten Sie Zürich nicht bloss als Insel, und verteufeln Sie den Autoverkehr nicht generell! Ich setze mich für eine Verkehrspolitik ein, die alle Verkehrsträger als Ganzes miteinbezieht, auch den Veloverkehr.

Knauss: Aber Herr Leutenegger, es geht nicht darum, den Autoverkehr zu plafonieren. Mit der Städteinitiative gibt uns die Bevölkerung sogar eine Reduktion von 30 Prozent vor.

Leutenegger: Das geschieht, wenn wir das Verkehrswachstum mit dem ÖV auffangen, etwa mit der präsentierten Lösung. Aber Sie ideologisieren einseitig gegen einen Verkehrsträger, das Auto.

Ist ein Volksentscheid für Sie ein ideologisches Problem?
Leutenegger: Nein, überhaupt nicht. Wir fangen den zusätzlichen Verkehr ja mit dem ÖV auf. Aber Mobilitätsbedürfnisse kann man nicht einfach zum Verschwinden bringen.

Knauss: Die Zahlen deuten auf viel weniger Verkehr hin. In den letzten fünf Jahren hatten wir einen Einwohnerzuwachs von 20'000 Personen und eine Abnahme von 3500 Autos. Am Rosengarten sind die Frequenzen von 70'000 auf 56'000 zurückgegangen. Da ist es widersinnig, eine Einfallachse mit 56'000 Autos auf 20 Jahre hinaus zu garantieren.

Auch mit 30'000 Autos wäre das Rosengartenquartier noch belastet.
Knauss: Eine stetige Reduktion des Verkehrs wäre deutlich spürbar. Vor allem aber möchte ich schon heute geeignete Massnahmen zum Schutze der Wohnbevölkerung, zum Beispiel Fussgängerstreifen.

Leutenegger: Die erwähnte Verkehrsreduktion am Rosengarten ist dem Uetlibergtunnel zu verdanken, den gerade Herr Knauss bekämpft hat. Jetzt haben wir wieder ein konkretes Projekt. Ob dieses zustande kommt, hängt auch vom Widerstand gewisser Kreise ab, zum Beispiel von Ihnen. Sie sind bekannt als Erbsenzähler. Sogar Ihre Stadträtin Genner, die ja nicht bekannt ist für ihr bürgerliches Denken, nennt das Projekt eine ideale Lösung. Doch nun kommt der Herr Knauss und kämpft weiter für Fussgängerstreifen auf der Rosengartenstrasse.

Knauss:Dann sagen Sie doch klipp und klar, dass Sie gegen Verbesserungen in den nächsten 20 Jahren sind!

Leutenegger: Es gibt sicher Massnahmen, die man treffen könnte.

Knauss: Zum Beispiel?

Leutenegger: Indem man diesen Tunnel nicht verzögert sowie eine kluge Verkehrssteuerung. In der Behinderung des Privatverkehrs ist Herr Knauss besser bewandert als ich.

Herr Knauss, wenn der Tunnel nicht kommt, gibts auch kein Tram.
Knauss: Mit guten Investitionen in den öffentlichen Verkehr und der dritten Gubriströhre wäre ein Tram auch auf der heutigen Rosengartenstrasse möglich.

Leutenegger: Sie wollen den Privatverkehr einseitig behindern. Das Volk hat das Rosengartentram abgelehnt, weil es keinen Abbau von vier auf zwei Spuren wollte, denn es fürchtete sich zu Recht vor einer zusätzlichen Belastung auf Quartierstrassen. Ihre Milch wird aber nicht in der Stadt produziert, die wird mit Lieferwagen in die Stadt gefahren.

Knauss: Der Uetlibergtunnel hat gezeigt, wie man eine Umfahrungsstrasse positiv für die Stadt nutzen kann. Die FDP hatte sich damals vehement gegen die flankierenden Massnahmen gewehrt. Heute sind die Kreise 3 und 4 massiv vom Verkehr entlastet. Genau gleich kann man den Ausbau der Nordumfahrung nutzen, um die Stadt mit flankierenden Massnahmen zu entlasten.

Leutenegger: Ihre Partei hat die Autobahn, welche die Verkehrsentlastungen ermöglichte, bekämpft. Sie wollen einfach ihre Verkehrspolitik durchstieren.

Knauss: Das Volk hat gegen die FDP Ja gesagt zur Städteinitiative, die den Autoverkehr in Zürich um ein Drittel senken will. Da stiere ich nichts durch.

Wie wollen Sie die Städteinitiative erfüllen, Herr Leutenegger?
Leutenegger: Durch die Förderung von ÖV und Velo, bei der die FDP, wo sinnvoll, Hand bietet. Doch das ist ein langfristiges Ziel.

Knauss: Das ist es nicht, wir haben nur zehn Jahre Zeit.

Leutenegger: Wir haben in der Schweiz immer wieder Volksentscheide, die mehr Zeit brauchen. Ich denke etwa an die Alpeninitiative.

Heisst das: Die Städteinitiative ist nicht realisierbar, also müssen wir sie nicht ernst nehmen?
Leutenegger: Ich nehme sie sehr ernst. Der Rosengartentunnel mit dem neuen Tram ist ein Schritt in diese Richtung.

Eine Idee zur Verkehrsreduktion müssten Sie doch haben?
Leutenegger: Der Rosengartentunnel mit Tram entlastet das Verkehrssystem in Zürich und rund 30'000 Bewohner in den angrenzenden Quartieren.

Knauss: Was heisst Entlastung, es gibt eben nötigen und vor allem unnötigen Privatverkehr in Zürich.

Leutenegger: Und wie wollen Sie das bestimmen?

Knauss: Es ist unbestritten und nötig, dass das Gewerbe auf der Strasse unterwegs ist. Aber der Verkehr in der Innenstadt wird zu 30 Prozent von Leuten verursacht, die weder kaufen noch liefern.

Wie wollen Sie diese davon abhalten, in die Stadt zu fahren?
Knauss: Man müsste Parkplätze reduzieren und Parkgebühren erhöhen.

Sie meinen: den Reichen die Strasse und den Armen die vollen Trams?
Knauss: Sicher nicht. Aber wir müssten auch den Veloverkehr fördern. Heute ist Velofahren in Zürich immer noch relativ gefährlich. Es gibt Städte mit einem viel höheren Anteil an Veloverkehr als Zürich. Das will ich verbessern.

Leutenegger: Die klassische Aussage eines VCS-Geschäftsführers. Ich sehe Veloförderung nicht einfach als Mittel zur Behinderung des Individualverkehrs.

Knauss: Ich bekämpfe nur den unnötigen Individualverkehr.

Leutenegger: Wie wollen Sie beurteilen, wer jetzt unnötig herumfährt und wer nicht? Es gibt in einer liberalen Gesellschaft auch die freie Wahl des geeignetsten Verkehrsmittels.

Aber die Velofahrer können sich in Zürich auch nicht so bewegen, wie sie möchten.
Leutenegger: Ich habe nichts gegen Velowege, im Gegenteil, denn ich benutze sie auch. Aber der Raum ist in Zürich leider begrenzt. Wir sind nicht Hamburg oder Bologna. In Zürich geht es hinauf und hinunter. Auf vielen Strecken kann das Velo also nicht als ideales Verkehrsmittel gesehen werden. Versuchen Sie doch, eine Gesamtoptik zu behalten, Herr Knauss. Prügeln sie nicht den einen Verkehrsträger, um dem anderen einen Heiligenschein zu geben!

Wer soll denn in Zürich Auto fahren dürfen, Herr Leutenegger?
Leutenegger: Ich will kein DDR-Regime in der Stadt. Es liegt nicht an mir, das zu entscheiden.

Es dürfen also alle kommen.
Leutenegger: Es können natürlich nicht alle miteinander kommen, sonst stehen sie im Stau. Wichtig ist, dass wir den Bürgern eine Wahl der Verkehrsmittel ermöglichen. Ich will, dass wir den öffentlichen Verkehr beschleunigen.

Knauss: Was Sie sagen, ist einfach nicht greifbar. Der Raum in Zürich ist beschränkt. Autofahren ist am ineffizientesten, weil es am meisten Raum braucht. Es verursacht Luftverschmutzung und ist lärmig. Wir brauchen den Raum in Zürich auch noch für andere Dinge als für Strassen, etwa für Grünraum, Fussgängerinnen und Velofahrer.

Wäre der Parkplatzkompromiss mit Ihnen im Stadtrat hinfällig?
Knauss: Er gilt ja nur für die Innenstadt. Aber ich sehe ihn trotzdem nicht als sakrosankt an.

Zurück zum Tunnel. Warum sind alle sieben linken Stadträte für diesen Rosengartentunnel?
Knauss: Das kann ich nicht beantworten. Dieser Tunnel ist keine Lösung, ich kann ihn nicht bejubeln.

Aber Ruth Genner hat ihn bejubelt. Oder hat sie nur so getan?
Knauss: Sie hat einfach eine Vereinbarung unterschrieben. Das hätte ich persönlich nicht gemacht.

Was wäre für Sie denn eine gute Lösung am Rosengarten?
Knauss: Kein Tunnel, aber ein Tram.

Leutenegger: Und ich ein Ende von 42 Jahren unhaltbarer Verkehrszustände an der Rosengartenstrasse.

Erstellt: 05.10.2013, 07:39 Uhr

Filippo Leutenegger (FDP)

«Die Stadt ist keine Insel»
Der 60-jährige Leutenegger ist seit 2003 FDP-Nationalrat. Im Februar will er Zürcher Stadtrat werden; er kandidiert auch fürs Stadtpräsidium. Als Student engagierte er sich für Umweltthemen und gründete die WOZ. Der studierte Ökonom und Jurist war beim Schweizer Fernsehen «Arena»-Moderator und Chefredaktor. Heute ist er Unternehmer und Präsident des «Basler Zeitung»-VR.

Markus Knauss (Grüne)

«Der Tunnel ist eine Scheinlösung»
Der 52-jährige Knauss studierte Geschichte und Germanistik an der Uni Zürich. Seit 20 Jahren ist er mit seiner Frau Gabi Petri Co-Geschäftsführer des VCS Zürich, seit 15 Jahren sitzt er in Zürich für die Grünen im Gemeinderat, seit 2009 als Fraktionspräsident. Er ist einer der Hauptinitianten für Tempo 30, autofreies Limmatquai, beruhigte Weststrasse und die SBB-Durchmesserlinie.

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