Das Einzimmerhotel im Riesencampus

Zwei Kunststudentinnen eröffnen heute auf dem Toni-Areal ihre mobile Schlafkoje. Den Initiantinnen geht es um mehr als nur einen Schlafplatz in einem ungewöhnlichen Raum.

Inspiriert von der Jugendstilzeit: Colette und Clodette alias Evelyne Hofer (l.) und Laura Zachmann mit ihrem Hotel Portable. Foto: Dominique Meienberg

Inspiriert von der Jugendstilzeit: Colette und Clodette alias Evelyne Hofer (l.) und Laura Zachmann mit ihrem Hotel Portable. Foto: Dominique Meienberg

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Colette und Clodette empfangen einen in der Eingangshalle der Kunsthochschule auf dem Toni-Areal. In Liftboyunformen gekleidet geleiten sie einen die Treppe hoch zum Empfangsdesk mit goldener Lampe, Tischklingel und Bonbonglas. Willkommen im Hotel Portable. So heisst das mobile Schlafzimmer der beiden Studentinnen Evelyne Hofer und Laura Zachmann alias Colette und Clodette. Das Einzimmerhotel aus Holz ist das Resultat ihrer Bachelorarbeit im Studiengang Art Education, der Vermittlung von Kunst und Design. Ab morgen kann das Zimmer für eine Übernachtung in der Kunsthochschule gebucht werden. Doch das Hotel ist vorerst nur für eine Woche geöffnet.

Das Prinzip ist simpel: Die beiden Holzelemente auf Rädern passen durch jede Tür und können an sechs Standorten im Gebäude platziert werden. Als Bad dienen die Duschen und Toiletten der Hochschule. Doch das kleine Hotel ist mehr als ein Schlafplatz in einem ­ungewöhnlichen Raum. «Uns geht es um die Auseinandersetzung des kleinen Raumes mit dem grossen, zwischen Aussen- und Innenraum, und wie der Wirt mit dem Parasiten umgeht», sagt Hofer.

Der Kokon als Vorbild

Am Anfang der Arbeit stand ihre eigene Überforderung mit dem riesigen Campus. Am früheren Standort ihres Instituts in Altstetten war die Atmosphäre ­familiär. Über Mittag kochten die Studenten gemeinsam. Auf dem Toni-Areal fühlten sie sich eingeschränkt. Die mobile Küche, die sie gebaut hatten, um sich weiterhin selbst zu verpflegen, durften sie nicht gebrauchen. Die Sicherheit ging vor. «Deshalb kamen wir schnell auf diesen Schlafkokon, der ­einem in diesem modernen Gebäude eine gewisse Geborgenheit bietet», sagt Laura Zachmann. Inwiefern diese Geborgenheit bei einer intimen Tätigkeit wie dem Schlafen wirklich gegeben ist, werde sich weisen.

Vorsichtig ziehen Colette und Clodette die taubenblauen Holzelemente ihres Hotels heraus, fixieren die Fussstützen auf dem Betonboden und öffnen die Tür. «Bitte treten Sie ein», sagt Colette. Und plötzlich steht man in einer anderen Welt. Zwei Wandleuchten aus der Jugendstilzeit, goldene Wandtapete, gerahmte Bilder – unter anderem vom Grand Budapest Hotel –, blauer Teppichboden und weisse Bettwäsche verströmen eine gediegene, aber warme Atmosphäre. «Die Hotels aus der Jugendstilzeit haben uns inspiriert», sagt Hofer.

Die beiden Studentinnen haben an alles gedacht: Hotelpantoffeln, Frotteewäsche, Duschgel mit dem Logo, dazu eine goldene Zahnbürste. Wer fernsehen will, schiebt ein Fensterelement hinaus und sieht so die Umgebung. Eine Spiegelfolie verunmöglicht den Blick nach innen. Frischluft gibts über die aufklappbare Dachluke. Verpflegung über die Minibarschublade.

Sämtliche Elemente haben die beiden selbst konzipiert und deshalb auch das halbe Studium in der Werkstatt verbracht. Ungewollt viel gelernt haben sie über die Sicherheit im Gebäude. Ihr ­Hotel muss nämlich sämtliche Brandschutzvorschriften erfüllen Die Kosten für das Projekt, rund 3500 Franken, ­haben sie über eine Crowdfunding-­Plattform zusammengetragen. Ein Teil finanziert sich aus den Übernachtungen, 80 Franken als Doppelzimmer genutzt, 50 als Einzelzimmer.

Nach der einwöchigen Platzierung im Toni-Areal möchten die beiden Studentinnen mit ihrem Projekt auf Tournee gehen. Schiffsbau, Zoo, eine Galerie oder das Polizeipräsidium schweben ihnen vor. Die Aussichten sind gut. Die Nächte im Toni-Areal sind schon fast ausgebucht. Und vielleicht hilft das Projekt, einmal ausgefeilt, den beiden ja tatsächlich beim Sprung in die ­Selbstständigkeit.

Das Hotel-Projekt im Toni-Areal ist beendet, Anfragen sind keine mehr möglich.

Erstellt: 22.01.2015, 22:02 Uhr

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