Das Ende der perfekten Bähnlerwohnung

Ein sehr spezieller Wohnort verschwindet: Die SBB bauen das Obergeschoss des Bahnhofs Wiedikon aus Renditegründen zu Büros um.

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Zürich verliert in diesen Tagen zwei der verrückteren Wohnungen, die es in dieser Stadt gab – und die doch fast niemand kannte. Die Lage mag für sensible Ohren ein Albtraum gewesen sein, aber das Nonplusultra für all jene, die eine innige Liebe für Achsen und Räder aller Art entwickelt haben.

Wenn man morgens auf die grosse Terrasse trat, sah man zur Linken die Autokolonnen der Seebahnstrasse in der Sonne blitzen, zur Rechten die Busse und Postautos über den Wendeplatz manövrieren, hörte man im Rücken die Trams im Zweiminutentakt vorbeirumpeln. Aber das Allerbeste war der Blick geradeaus. Hier kamen die Züge in direkter Linie auf das Haus zugerollt, früher auch jene mit Destination Gotthard, sie kamen immer näher und verschwanden dann nur wenige Meter unter den eigenen Fusssohlen in einem Tunnel.

Zuletzt eine Bleibe für Leute mit wenig Geld

Die zwei Wohnungen befanden sich im Bahnhof Wiedikon, dem einzigen sogenannten Reiterbahnhof des Landes, der so heisst, weil er quer oberhalb der Gleise sitzt. Das denkmalgeschützte Gebäude aus der Zwischenkriegszeit ist seit kurzem eingerüstet, obwohl die letzte Renovation noch keine zwanzig Jahre zurückliegt. Ging es damals um den öffentlichen Bereich, nehmen sich die SBB diesmal jenen Teil vor, zu dem die Passanten keinen Zugang haben: das Obergeschoss.

Dort, in zwei Viereinhalbzimmerwohnungen, lebten seit dem Bau im Jahr 1927 lange die Bahnhofsangestellten der SBB, denn bis vor etwa 25 Jahren war eine solche Nähe zum Dienstort Pflicht. Später waren es dann ehemalige Bähnler und in jüngster Zeit schliesslich Leute ohne SBB-Bezug, die einfach nur eine preiswerte Bleibe suchten.

Sie werden die Letzten bleiben, die diesen ungewöhnlichen Ort ihr Zuhause nennen konnten, denn die SBB bauen die Wohnungen nun zu Büroräumen um, die sie vermieten wollen. Die Arbeiten sind schon in vollem Gang. Die Räume im Obergeschoss seien renovationsbedürftig gewesen, heisst es auf Anfrage, und aus wirtschaftlichen Gründen habe man sich entschieden, die Wohnungen aufzuheben.

Das rostige Blechhäuschen bleibt

Hand anlegen werden die Arbeiter demnächst auch an einer anderen Besonderheit des Bahnhofs: am früheren Stellwerk, einem Blechhäuschen über den Gleisen, das aussieht wie ein dort angeschwemmter Zirkuswagen. Dieses bleibt erhalten, muss aber überholt werden, weil der Rost daran nagt. Im kommenden Jahr wird überdies laut SBB auch das Café im Erdgeschoss des Bahnhofs umgebaut.

Erstellt: 21.07.2014, 11:05 Uhr

Der Bahnhof Wiedikon

Einst Teil eines Megaprojekts

Der Bahnhof Wiedikon ist ein Werk von Hermann Herter, der in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen als Stadtbaumeister von Zürich waltete und der Stadt mit auffälligen Gebäuden seinen Stempel aufdrückte. Von ihm stammen zum Beispiel die geschwungenen Tramhäuschen am Bellevue und am Paradeplatz, das City-Hallenbad oder das Tramdepot Kalkbreite mit seiner endlos wirkenden Glasfront.

Der Bau des Bahnhofs Wiedikon war Teil eines gewaltigen Eisenbahnprojekts in den Zwanzigerjahren. Bis 1927 verliefen die Gleise vom Hauptbahnhof Richtung linkes Zürichseeufer oberirdisch durchs Quartier, auf einer Brücke über die Sihl und durch den heute als Tunnelstrasse bekannten Tunnel zum Bahnhof Enge. Wegen der vielen Strassenkreuzungen brachten die Züge regelmässig den Verkehr zum Erliegen.

Seit dem grossen Umbau verlaufen die Gleise ab Hauptbahnhof eine Etage tiefer durch die Seebahnschlaufe und verschwinden in Wiedikon schliesslich ganz im Boden – daher auch der Reiterbahnhof oberhalb des Tunnelportals. Die Bahn fährt von dort unter der Sihl hindurch, was auf Höhe der Sportanlage Sihlhölzli von Auge gut zu erkennen ist: der dortige Wasserfall der Sihl ist nichts anderes als der Fluss, der über die Tunnelröhre stürzt. (hub)

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