Das Gefecht der alten Dame

Adelheid von Muralt schenkte der Stadt Zürich ihre Höngger Villa – und machte das Versprechen wieder rückgängig, nachdem es zu einem Parkplatzstreit kam. Der Stadtrat will die Schenkungsurkunde nicht rausrücken.

Um dieses Anwesen ist der Zwist entbrannt: Adelheid von Muralt gestern vor ihrer Villa in Höngg.

Um dieses Anwesen ist der Zwist entbrannt: Adelheid von Muralt gestern vor ihrer Villa in Höngg. Bild: Doris Fanconi

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zwei antike kleine Kanonen stehen im Garten der Casa von Muralt an der Limmattalstrasse nahe dem Meierhofplatz. Die 85-jährige Besitzerin des herrschaftlichen Hauses, Adelheid von Muralt, würde sie wohl am liebsten in Richtung des Werd-Hochhauses feuern, um Stadtrat Martin Vollenwyder (FDP) aufzurütteln.

An der gestrigen Medienorientierung beliess es die Dame im schwarzweissen Deuxpièces bei einer verbalen Breitseite gegen den Finanzvorstand: Vollenwyder habe ein Gesprächsprotokoll gefälscht, sie verunglimpft und ignoriert. «Ein krasser Fall von Beamtenwillkür», sagte Beatrice Tschanz, die von Muralt gestern sekundierte. Das unwürdige Spiel müsse endlich ein Ende haben und Vollenwyder das schriftliche Schenkungsversprechen zurückgeben.

Verfahrene Situation

Der Streit zieht sich mittlerweile über sieben Jahre hin. Angefangen hat die Geschichte harmonisch. Von Muralt wollte, dass nach ihrem Ableben die Villa der Stadt gehört. Am 26. September 1997 beurkundete sie ihr Schenkungsversprechen öffentlich. «Das ging alles reibungslos über die Bühne», sagt Alt-Stadtpräsident Thomas Wagner, der damals mit ihr in Kontakt stand. Zum aktuellen Streit will er sich nicht äussern, weil er keinen Einblick in die Akten hat. Wagner bedauert die verfahrene Situation.

Zum Bruch zwischen von Muralt und der Stadt führten verschiedene Ereignisse: Zum einen hat die Stadt aus Sicht von Muralts beim Verkauf der Nachbarsiedlung Tobelegg Fehler begangen. Am schlimmsten wiegt für von Muralt, dass sie beinahe ihre angestammten Parkplätze vor der Villa Tobelegg verloren hätte. Die Stadt vergass, das gewährte Recht auf die Benützung der Parkplätze im Grundbuch festzuhalten. Dieser Fehler ist laut Peter Saile, Rechtskonsulent der Stadt, längst behoben worden. Von Muralt kritisiert auch, dass die Tobelegg weit unter ihrem Wert verkauft worden sei. Auch diesem Vorwurf widerspricht die Stadt.

Schenkungsversprechen rückgängig gemacht

Bei von Muralt kamen erste Zweifel, wie zuverlässig sich die Stadt an Abmachungen hält. Im Jahr 2004 machte sie ihr Schenkungsversprechen rückgängig und erhielt von den Behörden einen Brief. Man bedauere den Rückzug und retourniere bereits ausgehändigte Dokumente zur Casa von Muralt. Sie erhielt alles zurück – mit Ausnahme des schriftlichen Schenkungsversprechen. Das liegt immer noch im Notariat Höngg. Für Tschanz ist der Brief des Bedauerns der Beweis dafür, dass die Stadt auf die Schenkung verzichtet.

Von Muralt bat Vollenwyder mehrfach, das Schenkungsversprechen auszuhändigen. Ohne Erfolg. Am 25. Januar 2005 trafen sich die beiden das letzte Mal persönlich. Sie habe weder eine Begleitperson mitnehmen noch das Gespräch aufnehmen dürfen. Am schlimmsten sei gewesen, dass das Gesprächsprotokoll nachträglich gefälscht worden sei, sagte von Muralt mit tränenerstickter Stimme. Im Protokoll sei festgehalten worden, dass sie die Villa der Stadt schenken wolle, doch sie habe Vollenwyder genau das Gegenteil gesagt.

Vollenwyder schweigt

Auch von obskuren Drohungen und einem belauschten Gespräch war gestern die Rede. Vollenwyder habe im kleinen Kreis gesagt, «dass die Alte sowieso nicht mehr richtig im Kopf sei», behauptete von Muralt. Im Jahr 2009 beauftragte sie eine Immobilienfirma mit dem Verkauf. Am Ende ist ein Zürcher bereit, einen zweistelligen Millionenbetrag zu bezahlen. Ein Kaufvertrag wird allerdings nie unterschrieben.

Die Situation sei für die 85-Jährige sehr zermürbend, weil sie sich jeden Tag mit der Schenkung beschäftige, sagte Tschanz. Sie glaube fest daran, in den nächsten Tagen persönlich mit Martin Vollenwyder die Sache klären zu können. Doch der Finanzvorstand wollte sich gestern nicht zur Angelegenheit Casa von Muralt äussern.

Die Stadt stellt sich auf den Standpunkt, dass sie alle Bedingungen im Schenkungsversprechen erfüllt hat und das Versprechen weiterhin gilt. Wem Adelheid von Muralt die Villa schenken oder verkaufen will, ist unklar. Sie möchte, dass die Villa in «gute Hände kommt». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.03.2012, 10:24 Uhr

Artikel zum Thema

161 neue Wohnungen für Höngg

Im Zürcher Kreis 10 sollen 94 Wohnungen dem Projekt «Sandkastenliebe» weichen. In zwei Etappen will die Baugenossenschaft Höngg ihre Siedlung am Schwarzenbachweg ab 2012 erneuern. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Leuchtende Präsidentengattinnen: Melandia Trump und Akie Abe besuchen zusammen das Museum der digitalen Künste in Tokyo (26. Mai 2019).
(Bild: Koji Sasahara) Mehr...