Das Grossmünster für die Flüchtlinge

Verschiedene Kirchen haben begonnen, leer stehenden Wohnraum an Flüchtlinge zu vermieten. Dies sei ein Akt der Barmherzigkeit, sagt Pfarrer Christoph Sigrist.

So trostlos wie am Bahnhof Mailand soll es für die Bootsflüchtlinge in Zürich nicht werden. Foto: Luca Bruno (Keystone)

So trostlos wie am Bahnhof Mailand soll es für die Bootsflüchtlinge in Zürich nicht werden. Foto: Luca Bruno (Keystone)

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Die Kirchen haben heute zu wenig ­Gläubige und zu viel Platz. Deshalb hat die reformierte Zürcher Landeskirche ihre Mitglieder aufgefordert, leer stehenden Raum anerkannten Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen. Das Grossmünster ist diesem Aufruf gefolgt. In der Notwohnung des Kirchgemeindehauses Helferei wird Ende August eine junge syrische Familie einziehen. Sie wurde ausgewählt, weil das Ehepaar ein Kind hat, das hier geboren wurde. Dabei handelt es sich um eine Übergangslösung. Ziel ist es, die Familie bei der Integration zu unterstützen.

Das Grossmünster ist das ­Aushängeschild der reformierten Zürcher Landeskirche. Weshalb werden gerade hier Flüchtlinge einquartiert?
Gerade das Grossmünster hat eine lange und starke humanitäre Tradition.Schon im Mittelalter fanden Hugenotten Zuflucht, im 17. Jahrhundert ungarische Pfarrer, 2007 suchten Sans-Papiers im Grossmünster Schutz.

Gehört es zu den Aufgaben der Kirche, sich in die Politik ­einzumischen?
Ja. Wir können die Deutungshoheit in der Flüchtlings- und Asylfrage nicht nur der Politik überlassen. Die wichtigsten Partner müssen in einer modernen Gesellschaft zusammenarbeiten.

Wen meinen Sie konkret?
Staat, Familie, Organisationen wie ­Caritas, Flüchtlingshilfe, NGOs und initiative Gruppen sowie Kirchgemeinden und Pfarreien. Eine Kirchgemeinde übt in ihrem Quartier eine bedeutende zivilgesellschaftliche Kraft aus. Als Pfarrer am Grossmünster verfüge ich mit der Kirchgemeinde über zahlreiche Räume an bester Lage sowie ein grosses Frei­willigennetz. Gleichzeitig prägen die ­Kirchen ein christliches Menschenbild, mit dem sie Hoffnungsgeschichten schreiben.

Was kann die Kirche besser machen als der Staat?
Es geht nicht ums Bessermachen. Es geht darum, dass alle am gleichen Strick ziehen. Wir erleben derzeit die grösste humanitäre Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg. Das verlangt, dass wir aktiv werden, mit dem Staat zusammenarbeiten und uns anwaltschaftlich gegenüber von Einzelschicksalen verhalten.

Kritiker sagen, dies sei blinder ­Aktionismus, der höchstens für Einzelschicksale Hilfe bringen könne.
Wir stehen in der biblischen Tradition des barmherzigen Samariters. Er rettete nicht Hunderte oder Tausende, sondern jene, denen er begegnete. Es gilt, dieses Zeichen zu setzen, das Einzelschicksal hinter jeder Zahl zu würdigen, um so auch anderen Kirchgemeinden und Pfarreien Mut zu machen, Gleiches zu tun.

Wie viele Flüchtlinge können die reformierten Kirchen aufnehmen?
Eine genaue Zahl kann ich im Moment nicht nennen. Das hängt auch davon ab, wie sich die Flüchtlingssituation in den nächsten Monaten entwickeln wird. Das ändert nichts daran, dass die Kirchenverantwortlichen den Entscheid fällen müssen, ob sie Flüchtlinge aufnehmen wollen oder nicht.

Haben Sie dabei ein Vorbild?
Wir pflegen Kirchenpartnerschaften in Sizilien mit Methodisten und Waldensern. Sie waren in den letzten Wochen genötigt, nicht nur Kirchgemeindesäle, sondern auch Kirchenräume in Massenlager für Bootsflüchtlinge aus Lampedusa umzuwandeln. So schlimm sind die Zustände bei uns noch nicht.

Bisher sind nur wenige ­Kirchen dem Aufruf gefolgt. Weshalb?
Flüchtlinge brauchen nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern müssen auch begleitet werden. Das bedeutet grossen Aufwand, auch personell. Zudem will ich nicht verhehlen, dass das Engagement für Flüchtlinge polarisiert. Es führt zu Kontroversen innerhalb von Kirchgemeinden und Kirchenpflegen. Letztlich sind Umnutzungen von Räumen mit Emotionen und der Geschichte einzelner Kirchgemeinden verbunden.

Was, wenn sich die Situation weiter verschärft?
Wenn in Zürich Flüchtlinge im Freien oder in Zelten übernachten müssen, dann wird gehandelt. Da bin ich mir ­sicher.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.08.2015, 04:51 Uhr

Christoph Sigrist, Pfarrer am Grossmünster

Wohnungen für Flüchtlinge

Kirchnen öffnen ihre Türen nur zögerlich

Die reformierte Zürcher Landeskirche will Flüchtlingen Wohnraum zur Verfügung stellen. Sie setzt damit ein Zeichen gegen die verbreitete Abwehrhaltung in der Bevölkerung gegen Flüchtlinge. Andererseits hilft sie mit, ein dringendes Problem zu lösen. Die Unterkünfte für Asylsuchende platzen aus allen Nähten.

Konkret sieht die Situation wie folgt aus: Die reformierte Kirchgemeinde Neumünster hat bereits zwei Wohnungen im alten Kirchgemeindehaus an die Asyl-Organisation Zürich vermietet. Darin leben heute zwei Familien aus ­Syrien. «Der Beschluss, Flüchtlinge aufzunehmen, ist einstimmig gefällt worden», sagt Ueli Schwarzmann, Präsident der Kirchgemeinde.

Die reformierte Kirchgemeinde Oberstrass trägt sich mit der Idee, sich für Flüchtlinge im Quartier einzusetzen, sagt Pfarrer Daniel Frei. «Beschlossen ist noch nichts», fügt er hinzu und ergänzt: «Die Kirchgemeinde hat soeben eine grössere Spende für die Flüchtlingshilfe vor Ort an das Rote Kreuz überwiesen.» Die Kirchgemeinde Höngg hat das beschlossene Vorhaben «Pfarrhaus für Flüchtlinge» bis zum kommenden Frühjahr zurückgestellt, weil die Kirchenpflege mit der Eröffnung eines neuen Generationen- und Familienhauses ­beschäftigt ist.

In Bubikon steht die Zwischennutzung einer reformierten Pfarrhaus-Liegenschaft bevor. Die Sozialbehörde wird darin im September oder Oktober eine Flüchtlingsfamilie einquartieren. Diese Lösung ist an einem Informationsabend diskutiert worden. «Das Thema hat polarisiert», sagt Andreas Bosshard. «Aber letztlich ist der Sache zugestimmt worden, weil die Sozialbehörde die Familie beim Integrationsprozess unterstützt.»

Die Kirche ist bereits auf vielfältige Art in Sachen Flüchtlinge engagiert. Sie organisiert Mittagstische, Asyltreffs, Deutschkurse und Ferienlager für Flüchtlingsfamilien. Im Bundesasyl­zentrum Juch sind reformierte und ­katholische Kirchen mit Seelsorgern präsent. Und Freiwillige der Kirch­gemeinde Altstetten organisieren Ausflüge für die Bewohner. (mq)

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