Das Haus, das 50 Jahre der Autobahn trotzte

Das einsame Gebäude unter dem Autobahnkreuz bei der Zürcher Allmend ist eine der kuriosesten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Sogar asiatische Touristen fotografierten es. Nun wird es nach über 130 Jahren abgerissen.

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Wer schon einmal mit dem Auto oder der Bahn vom Stadtzentrum nach Leimbach gefahren ist, dem sticht das Haus an der Allmendstrasse 77 sofort ins Auge. Das dreistöckige, verwitterte Gebäude liegt direkt unter der Autobahnbrücke, eingepfercht zwischen der Strasse und der Bahnlinie. Seit hier auch noch das Autobahnkreuz Zürich-Süd hingebaut wurde, wirkt sein Anblick noch trostloser. Und seit dem Abriss des benachbarten Restaurants Höcklerbrücke und des Musikclubs Dillons im Jahr 2005 ist das Haus noch einsamer.

Nun verschwindet auch das letzte Gebäude, das der Autobahn trotzte. Noch diese Woche werden die Abbruchbagger auffahren, bestätigt Sektionsleiter Peter Bieber von der kantonalen Baudirektion eine Meldung der Lokalzeitung «Zürich 2». Es wird ein Abschied ohne Tränen sein, obwohl Zürich mit dem hässlichen Haus eine seiner kuriosesten Sehenswürdigkeiten verliert.

Vom Wohn- zum Gewerbehaus

Einer, der die Geschichte der Liegenschaft gut kennt, ist Richard Rosenberger. Der Ingenieur koordiniert als Bauleiter seit 1997 die Bauarbeiten auf dem Areal des Autobahnkreuzes und hat sein Büro im Erdgeschoss des Gebäudes. Seit damals diene das Haus ausschliesslich als Sitz für die örtliche Bauleitung, sagt Rosenberger. Der Kanton Zürich habe es 1991 seinem früheren Besitzer abgekauft, der darin ein Baugeschäft betrieb. Dass das Haus nach dem Ende der Bauarbeiten abgebrochen werde, sei damals mit der Planauflage der Westumfahrung bereits festgelegt worden.

Der ältere Teil des Hauses wurde zwischen 1880 und 1890 als Wohnhaus gebaut, weiss Rosenberger. In den 1950er-Jahren kam der Anbau mit den Balkonen und dem heutigen Haupteingang hinzu. Peter Meier, der Sohn des früheren Hausbesitzers, ist einer der Letzten, die noch an der Allmendstrasse 77 wohnten. «1963, bevor die Bauarbeiten für die Autobahnbrücke begannen, mussten wir ausziehen», erzählt der Architekt, der damals 23 Jahre alt war. «Neue Vorschriften verboten die Nutzung als Wohnhaus.» Sein Geschäft für Innenausbau beliess Meiers Vater jedoch bis zu seinem Tod 1997 in der Liegenschaft.

Beliebtes Fotosujet

Was mit dem Grundstück nach dem Ende der Abbrucharbeiten geschieht, steht bereits fest: Es wird zu einem Schotterfeld wie die übrigen Stellen zwischen den Strassen unter dem Autobahnkreuz. Weil die Brücke den Regen abhalte, würde dort sowieso nichts wachsen ausser Unkraut, erklärt Bauleiter Richard Rosenberger den unspektakulären Plan.

Wegen seiner aussergewöhnlichen Lage ist das Haus unter der Autobahnbrücke ein beliebtes Fotosujet. «Ab und zu kommen sogar asiatische Touristen vorbei, um es zu fotografieren», sagt Rosenberger nicht ohne Stolz. Ein bisschen tue es ihm schon weh, das Haus zu verlassen, gibt er zu, immerhin sei es 15 Jahre lang sein zweites Zuhause gewesen. Zumindest jemand wird es also doch vermissen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.10.2012, 11:46 Uhr

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