Das Haus ist am Ziel

60 Meter in 19 Stunden: Das einstige Direktionsgebäude der Maschinenfabrik Oerlikon ist an seinem neuen Standort angekommen.

Ein spektakulärer Umzug im Zeitraffer: Das MFO-Haus in Oerlikon wird verschoben.


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Unter grossem Applaus der Zuschauer und Arbeiter legte das Verwaltungsgebäude der Maschinenfabrik Oerlikon (MFO) die letzten Millimeter zurück. Es hatte um 16.05 Uhr seinen neuen Standort wohlbehalten erreicht. Unzählige Schaulustige waren bei diesem grossen Moment anwesend. Auch wenn das Haus seinen Kurs am Mittwochmorgen kurzzeitig verlassen hatte und wieder justiert werden musste, verlief die Verschiebung ohne grössere Schwierigkeiten. Den rund 20 Arbeitern stand der Stolz nach getaner Arbeit ins Gesicht geschrieben.

Das Gebäude kam nicht nur heil, sondern auch zielgenau an seinem neuen Standort an. Die horizontale Abweichung betrug am Schluss lediglich 5 Millimeter, die vertikale rund 4 Millimeter. Ein lauter Knall kündigte die Ankunft des MFO-Hauses an. Danach schwebten von seinem Dach fünf grosse rote Ballontrauben himmelwärts. Projektleiter Reto Stadelmann sprach von einem «emotionalen Moment». Immerhin sei es das grösste Gebäude, das je in Europa als Ganzes über eine derart grosse Distanz verschoben worden sei. «Das ist ein grossartiges Gefühl. Die Mannschaft hat eine super Leistung erbracht», sagte er.

Wenn ein Haus plötzlich die Sicht versperrt

Von einem Tag auf den anderen verstellt nun ein Haus die Sicht von Hanna Schwander an ihrem Arbeitsplatz. Dabei hat sie ihn so ausgesucht, dass sie nicht an die Wand starren muss. Bis jetzt konnte sie ihren Blick frei über die Geleise schweifen lassen. Jetzt steht das MFO-Haus dazwischen. «Das stört mich aber nicht sehr, ich sehe ja immer noch ein Stück der Geleise.»

Da hat sie der Baulärm schon eher irritiert: «Man gewöhnt sich zwar daran, aber ich bin trotzdem froh, wenn es wieder ruhiger wird», sagt Schwander. Von blossem Auge habe sie die Bewegung des Gebäudes nicht gesehen. «Aber wenn ich nach einer halben Stunde Arbeit vom Computer aufgeschaut habe, war das Haus wieder ein Stück näher. Ich finde beeindruckend, das so etwas überhaupt möglich ist.»

Arbeiten, wenn das Fernsehen zuschaut

«Jede Verschiebung ist etwas Spezielles», sagt Christian Nussbaumer. Der Bauarbeiter muss es wissen, schliesslich arbeitet er seit über 30 Jahren bei der für die Hausverschiebung verantwortlichen Firma. Er war nicht nur bei der Verschiebung von Häusern, sondern auch von Brücken und Dächern mit dabei. Trotzdem ist die «Züglete» in Oerlikon für ihn ganz besonders: «Es ist schön, bei so einem grossen Anlass dabeizusein und die vielen Fernsehteams bei ihrer Arbeit zu sehen», sagt er.

Am strengsten seien nicht die beiden Verschiebungstage, sondern die ganze Vorarbeit gewesen. Nussbaumer arbeitet seit vergangenem August daran, dass gestern und heute alles reibungslos über die Bühne geht. «Wir mussten die Mauern des Hauses herausbrechen und etwa 350 Stahlstützen hineinstellen, sowie das Fundament für die Schienen millimetergenau erstellen.»

Vom Kurs abgekommen

Das MFO-Haus war am morgen leicht von seinem Kurs abgekommen, deshalb mussten die Bauarbeiter die Verschiebung unterbrechen. «Wir mussten die Rollen neu ausrichten um Gegensteuer zu geben. Das führte zu einer Verzögerung von einer guten halben Stunde», sagte Projektleiter Reto Stadelmann.

Damit habe man aber gerechnet: «Wir wussten, dass so etwas passieren würde. Deshalb waren wir auf das Szenario vorbereitet.» Stadelmann hofft am Vormittag, dass die Verschiebung trotzdem am pünktlich vollendet sein wird. «Wir konnten das Haus am Morgen um vier Meter bewegen. Wir sind gut im Zeitplan.»

«Grund für die Verschiebung könnte sein, dass die Rollen nicht gerade auf den Schienen lagen», erklärte Stadelmann. Es sei auch möglich, dass die Pressen nicht gleich stark vorwärts geschoben haben. Das MFO-Gebäude war nach dem kurzen Unterbruch jedenfalls wieder auf Kurs und bewegte sich westwärts.

Gästerekord am Zügeltag

Die Betreiber des Restaurants Gleis 9, die im MFO-Haus wirten, hatten neben der Baustelle ein Wurst-Zelt aufgebaut. «Weil unser Restaurant verschoben wird, dachten wir, wir verlegen unsere Küche neben das Haus», sagt Rahel Profos, eine Mitarbeiterin des Restaurants. Am Dienstag hätten sie sehr viele Kunden gehabt, augrund des schlechten Wetters seien heute jedoch weitaus weniger Leute vor Ort.

Um den Schaulustigen etwas anderes als Bratwurst und Cervalat anzubieten, hatte Thomas Killer, der Betriebsleiter des Restaurants Cityport, zusätzlich einen Pizzastand aufgebaut. Am Dienstag zählte der Gastronom 700 Gäste. «Das sind rund 100 mehr als an einem normalen Mittag», sagte er. Doch auch er bekam das Regenwetter am zweiten Verschiebungstag zu spüren. Deswegen bot er statt Glacé, Rumpunsch an.

Beispiel für den Physikunterricht

Laut Reto Stadelmann habe der Regen die Arbeiten etwas unangenehm gemacht, ein Hindernis sei das schlechte Wetter aber nicht gewesen. Das galt scheinbar auch für die vielen Zaungäste, die sich in regenfester Kleidung in Oerlikon eingefunden haben. Manche konnten sogar eines der Fünfrappenstücke ergattern, welche die Projektleiter am Vortag auf die Schienen warfen. Sie wurden von Mitarbeitern eingesammelt, nachdem sie das Backsteinhaus plattgedrückt hat.

Einer von ihnen ist Ömer Tutkun. Der Lehrer holte für seine Klasse 22 Stück der von der Walze plattgedrückten Münzen ab. Mit den Gymnasiasten will er am Freitag den Physikunterricht vor dem verschobenen Haus durchführen: «Die Schüler sollen die Geschwindigkeit, die Reibung der Räder und die freigesetzte Energie berechnen.»

Im Durchschnitt vier Meter pro Stunde

Seit Mittwochmorgen um 6 Uhr ist das einstige Direktionsgebäude der Maschinenfabrik Oerlikon (MFO) wieder in Bewegung. Seither ist das Haus etwas über einen halben Meter vorwärts gekommen. Über 40 Meter hat es seit Dienstagvormittag um 11 Uhr zurück gelegt. Das Haus hatte bereits zuvor seinen Kurs verlassen. Es sei vorne zu stark nach rechts gerutscht, ist aus dem Live-Bericht des «Schweizer Fernsehens» zu entnehmen. Die Arbeiter haben die Rollen, auf denen sich das Haus fortbewegt deshalb schräg gestellt und es so wieder auf seinen eigentlichen Kurs zurück gebracht.

6200 Tonnen schwer, 80 Meter lang und 12 Meter breit ist der Passagier der Ingenieure und Arbeiter, die seit gestern um 11 Uhr am Werk sind. Nach 10 Stunden wurden kurz nach 20 Uhr die beiden Hydraulikpressen, die das Gebäude auf 500 Stahlrollen zum Ziel bringen, abgestellt. Im Durchschnitt legt das 123 Jahre alte Gebäude vier Meter pro Stunde zurück. Alle 60 Zentimeter müssen die Hydraulikpressen, die das MFO-Haus vorwärts drücken neu gesetzt werden. Hält sich das Gebäude an den Fahrplan, wird es heute zwischen 14 und 17 Uhr ankommen.

Mit der westlichen Verschiebung wird das Backsteingebäude vor dem Abriss bewahrt. Denn es steht auf dem Gelände, welches die SBB für den Bau von zwei neuen Gleisen am Bahnhof Oerlikon brauchen. Mit der Verschiebung geht das Gebäude von der ABB an die Immobilienfirma Swiss Prime Site über. Das Unternehmen investiert laut eigenen Angaben 12 Millionen Franken, um das ehemalige Direktionsgebäude der Maschinenfabrik Oerlikon zu erhalten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.05.2012, 07:50 Uhr

Bildstrecke

Das MFO-Gebäude auf Reisen

Das MFO-Gebäude auf Reisen Es ist die grösste Hausverschiebung der Schweiz: Das 6200 Tonnen schwere MFO-Gebäude beim Bahnhof Oerlikon wird um 60 Meter versetzt.

(Video: Chantal Hebeisen, Pia Wertheimer)

Artikel zum Thema

Das Haus schaffte nicht den ganzen Weg

Beim Bahnhof Oerlikon startete heute die grösste Hausverschiebung Europas. Das 123 Jahre alte Gebäude sollte heute mehr als die Hälfte des Weges zurücklegen. Dabei bewegte es sich nicht nur vorwärts. Mehr...

«Wegen mir muss das Gebäude weg»

Die grösste Hausverschiebung Europas zog nicht nur Schaulustige an. Neben Passanten und Technik-Interessierten haben zwei Männer und zwei Frauen eine besondere Beziehung zum 6200-Tonnen-Gebäude. Mehr...

Notfalls hätte sie sich angekettet

SP-Politikerin Jacqueline Badran setzte alles daran, das MFO-Gebäude vor dem Abbruch zu bewahren. Sie erhob den Bau bei der ABB zur Chefsache – und machte damit die Hausverschiebung erst möglich. Mehr...

TA Marktplatz

Kommentare

Service

Für Selbstständige und KMU

Tragen Sie Ihre Firma im neuen Marktplatz des Tages-Anzeigers ein.

Die Welt in Bildern

Nichts für Tierliebhaber: Fuchspelze werden von einem Arbeiter auf dem chinesischen Chongfu Pelzmarkt verarbeitet (14. Dezember 2017).
(Bild: William Hong) Mehr...