Das Haus mit den 70 elektronischen Augen

Wer an der Zürcher Kunsthochschule studiert oder arbeitet, wird auf Schritt und Tritt von Kameras beobachtet. Der Sicherheitsbeauftragte findet, 70 Stück seien «überhaupt nicht viel».

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Drei Fehlalarme innerhalb zweier Wochen: Studierende und Mitarbeitende der Zürcher Hochschule der Künste (ZHDK) erlebten nach dem Einzug in den Neubau auf dem Toni-Areal einige Überraschungen. Den letzten Amokalarm im vergangenen Dezember nahmen dann nicht mehr alle so ernst – was zu weiteren unerwarteten Einsichten führte.

Ein Mitarbeiter des Produktionszentrums erzählt, dass er während des Polizeieinsatzes kurz aufgestanden sei, um eine dringende Arbeit zu erledigen. Es dauerte keine Minute, da klingelte sein Telefon. Der Hausdienst forderte ihn auf, sich unverzüglich wieder auf den Boden zu legen. «Da wusste ich, dass ich durch die Kamera beobachtet werde», sagt der ZHDK-Angestellte.

Auf knapp 5000 Studierende und Mitarbeitende kommen im Toni-Areal rund 70 Überwachungskameras. Einige davon sind gut sichtbar, andere sind erst bei genauerem Hinsehen zu erkennen. Wer die Eingangshalle betritt, hat keine Chance, ihnen zu entkommen. «Ich habe ständig das Gefühl, dass mir jemand im Nacken sitzt», sagt ein Student des Lehrgangs Bilden und Vermitteln.

Aufnahmen werden 14 Tage aufbewahrt

Die ZHDK installierte die Kameras in Absprache mit dem Eigentümer und Vermieter Allreal. Das Videoüberwachungsgesetz erlaubt grundsätzlich ein solches Vorgehen. «Von dieser Möglichkeit wurde exzessiv Gebrauch gemacht», sagt ein ZHDK-Dozent, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Nach dem Umzug ins Toni-Areal im vergangenen September sei er erstaunt gewesen, «wie still und leise eine Überwachungskultur eingeführt wurde», sagt der Dozent.

Werner Triet, Sicherheitsbeauftragter der ZHDK, relativiert: «Das Areal umfasst etwa 100'000 Quadratmeter. Da erscheinen mir 70 Kameras überhaupt nicht viel.» Es gehe nicht darum, einzelne Personen zu überwachen. Die Videokameras hätten vielmehr den Zweck, Sicherheit zu garantieren. Diebstähle könnten damit aufgeklärt werden. Die aufgezeichneten Bilder werden 14 Tage aufbewahrt, danach werden sie automatisch überschrieben. Gemäss Triet ist diese Zeitspanne bewusst gewählt: Sie garantiere die Rückverfolgung eines Vorfalls – auch wenn er sich während der Ferien ereignet habe.

Datenschützer ist erstaunt

Auf die Kameras werden Studenten und Mitarbeiter hingewiesen, wenn auch dezent: An der Türe des Haupteingangs prangt ein kleines Kamerasymbol. Damit ist die Vorgabe des kantonalen Leitfadens für «Videoüberwachung durch öffentliche Organe» erfüllt. Der Datenschutzbeauftragte Bruno Baeriswyl ist dennoch skeptisch. «Obwohl Überwachungskameras an Fachhochschulen und Universitäten legitim sind, erstaunt mich die hohe Anzahl an der ZHDK.»

Auch die Aufzeichnungszeit von 14 Tagen sei zumindest ungewöhnlich: «Es ist nicht klar, weshalb die Aufnahmen so lange aufbewahrt werden müssen.» Baeriswyl vermisst zudem ein Reglement, das Sinn und Zweck der Videoüberwachung offenlegt: «Wenn die Videoüberwachung nicht transparent gemacht wird, wäre dies rechtswidrig.» Gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet bestätigt die ZHDK, dass Sinn und Zweck der Videonutzung nur intern kommuniziert wurden.

Die Uni musste ihren Kurs korrigieren

Die Kunsthochschule ist nicht die einzige Bildungsstätte, an der Big Brother präsent ist. Auch die Universität Zürich wird per Video überwacht, doch im Gegensatz zur Kunsthochschule herrscht dort mehr Transparenz. Im vergangenen Januar hat die Uni ihr seit 2011 geltendes Recht überarbeitet, worin auch die Gründe der Videoaufnahmen deklariert werden.

Einer der Auslöser, weshalb damals ein Reglement eingeführt wurde, war ein unrühmlicher Vorfall: Ein Studierender entdeckte eine Kamera, die den Toilettenbereich überwachte. Der Student demontierte das Gerät, konfrontierte damit die Unileitung und löste eine öffentliche Diskussion über Datenschutz und Privatsphäre aus.

Heute erfolgt die Überwachung der Uni dezenter. Kameras würden nur eingesetzt, wenn es dafür keine Alternative gebe, sagt Annette Hofmann, Leiterin der Abteilung Sicherheit und Umwelt. Dies sei in erster Linie in den Unimuseen der Fall, wenn der Einsatz einer Aufsichtsperson nicht verhältnismässig erscheine. Dennoch werden auch an der Uni «einige Dutzend» Kameras eingesetzt. Die genaue Zahl und die Standorte werden nicht genannt – «aus Sicherheitsgründen».

Studenten lancieren Vorstoss

An der ZHDK regt sich mittlerweile Widerstand gegen die leise eingeführte Überwachung. «Wir lancieren einen Vorstoss mit der Forderung nach mehr Transparenz im Verwendungszweck des Überwachungssystems», sagt Fernando Scarabino. Als Präsident des Studierendenrats hat er eine Vermittlungsfunktion zwischen Hochschulleitung und Studierenden.

Die Kameras stossen nicht nur auf Ablehnung. Im Gegenteil: Im Toni-Areal gebe es einige Ecken, wo eine Überwachung sinnvoll erscheine, sagen mehrere Studenten und Dozenten. In den langen, teilweise dunklen Gängen fühlen sich einige unwohl.

Ausgerechnet an diesen Stellen werde aber auf Kameras verzichtet, sagt der Dozent, der anonym bleiben will. «Mir wurde klar, dass nicht der Personenschutz im Vordergrund steht, sondern die Überwachung.» Ihm sei zudem aufgefallen, dass viele seiner Kollegen und Studenten die Kameras mit einem Achselzucken zur Kenntnis nähmen. «Diese Gleichgültigkeit stört mich.»

«An den Smartphones stört sich ja auch niemand»

Der Dozent ging in die Offensive und thematisierte die Kameraüberwachung in seinem Unterricht. Bei einem Rundgang durchs Studiengebäude hätten sich viele der Studenten erstaunt gezeigt über die vielen Kameras. «Wir leben in einem sensorischen Haus, das Daten über Menschen, Systeme und Zustände generiert und aufzeichnet», sagt der Dozent. Er wünschte sich, dass die Schulleitung transparenter informierte. «Ein öffentliches Dokument könnte einen Dialog fördern und über Ziel und Zweck der Überwachung informieren.»

Der Sicherheitsbeauftragte Triet reagiert auf die Vorwürfe. Beunruhigten oder interessierten Personen werde auf Wunsch Auskunft über das Videosystem erteilt. Dennoch hält sich sein Verständnis für die Aufregung in Grenzen. Triet weist darauf hin, dass heute fast alle ein Smartphone besitzen, mit einer registrierten Einkaufskarte bezahlen und bereitwillig persönliche Daten auf Facebook teilen: «An dieser Form der Überwachung scheint sich fast niemand zu stören.»

Erstellt: 25.03.2015, 12:58 Uhr

Dezenter Hinweis auf Überwachungskameras: Haupteingang des Toni-Areals. (Foto: Martin Sturzenegger)

Artikel zum Thema

Wolff stellt sich gegen die Absichten seiner Polizei

Zürichs Stadtpolizisten wünschen sich mehr Videokameras zur Gewaltprävention – auch wegen der eigenen Sicherheit. Polizeivorsteher Richard Wolff macht ihnen nun einen Strich durch die Rechnung. Mehr...

Zürich installiert 800 Kameras gegen Schulvandalen

Im Kampf gegen Vandalismus rüstet die Stadt Zürich Schulhäuser mit Überwachungskameras aus. Allein dieses Jahr kommen 200 zusätzliche Kameras dazu. Jetzt werden kritische Stimmen laut. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Warten auf den Papst: Ein Mann schaut aus seinem Papst-Kostüm hervor. Der echte Papst verweilt momentan in Bangkok und die Bevölkerung feiert seine Ankunft. (20. November 2019)
(Bild: Ann Wang) Mehr...