Das Klima macht den Bäumen in Zürich schwer zu schaffen

Die Stadt will nur noch Bäume pflanzen, die sich auch in einer Steppe wohlfühlen würden.

Strassenbäume stehen unter Stress: Dieser Baum an der Hinterbergstrasse stürzte beim Unwetter vom 21. Juni.

Strassenbäume stehen unter Stress: Dieser Baum an der Hinterbergstrasse stürzte beim Unwetter vom 21. Juni. Bild: Keystone

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Der Baum, ein Zweistämmer, ist vom Sturm von einem Grundstück über den Schäppiweg hinweg auf das benachbarte Grundstück gestürzt, die Stangen des Eisenzauns sind unter dem Gewicht des Riesen wie Zündhölzer zerborsten, Eisenstäbe und Äste sind über den ganzen Weg verstreut. Wie ein Schlagbaum versperrt der Stamm nun den Weg, Spaziergänger müssen unter dem Baum hindurchkriechen.

17-mal musste Schutz und Rettung nach dem Unwetter am Sonntag ausrücken, weil Bäume umgestürzt oder grössere Äste heruntergefallen sind. Nach dem ersten grossen Unwetter am 21. Juni waren es gar 46-mal. Personen sind jedoch keine zu Schaden gekommen.

Vor allem im Rigiviertel, in dem auch der Schäppiweg liegt, haben die Sturmwinde viele grosse Bäume gefällt, manche mitsamt Wurzeln. Andere sind einfach in der Mitte eingeknickt. Laut Lukas Handschin, Mediensprecher von Grün Stadt Zürich, ist es gut möglich, dass in diesem Viertel, das zum Grossteil um 1900 erbaut worden ist, viele Bäume altersschwach sind und deshalb dem Sturm nicht standhalten konnten. «Gemeinhin denkt man, dass Bäume die Menschen überdauern. Aber auch sie haben einmal ihren Zenit erreicht.»

Salzwasser, Hitze, Wind

Spezialisten von Grün Stadt Zürich kontrollieren deshalb jedes Jahr jeden einzelnen der 22'000 Bäume auf öffentlichen Strassen oder Plätzen auf ihre Standfestigkeit hin. Wachsen auf einer Baumscheibe Pilze oder hängen in der Krone viele abgestorbene Äste, ist dies ein Alarmzeichen. 300 bis 350 Bäume muss die Stadt jedes Jahr ersetzen.

Strassenbäume, sagt Lukas Handschin, stehen unter Stress. Im Winter bekommen sie Salzwasser zu trinken, im Sommer atmen sie trockene, mit Schadstoffen versetzte Luft und schmoren in der Hitze über den versiegelten Böden. Das ganze Jahr über sind sie zudem dem Wind ausgesetzt, der in den Zürcher Strassenschluchten grosse Wucht entwickeln kann. Sie leben praktisch in einem Steppenklima.

«Wir entfernen keinen Baum ohne Grund»

Die Besitzer von privaten Grundstücken müssen selber dafür sorgen, dass die Bäume auf ihrem Boden nichts und niemanden gefährden. Stürzt einer, weil er alt oder krank ist und schon längst hätte gefällt werden müssen, haftet der Besitzer für alle Schäden. Er muss auch die Feuerwehr bezahlen, damit sie den Baum wegräumt, und zwar auch dann, wenn er auf öffentlichen Grund gestürzt ist. «Oft wird es ein Versicherungsfall», sagt Urs Eberle, Mediensprecher von Schutz und Rettung. Dann müssen sich die Versicherungen des Geschädigten und des Baumbesitzers einigen.

Allerdings: Wenn irgendwo in der Stadt ein Baum gefällt wird, kommt es regelmässig zu Protesten. Anwohner rufen die zuständigen Grünflächenverwalter an und decken sie mit Mails ein. Oft sehe man einem Baum von aussen nicht an, dass er krank sei, erklärt Lukas Handschin. Erst kürzlich hat die Stadt im Rieterpark im Kreis 2 eine Linde gefällt, die von einem aggressiven Pilz befallen war. Ihr Stamm war völlig ausgehöhlt und sogar die Innenwände waren von einer Rinde überzogen – eine Abwehrreaktion des Baums.

«Wir entfernen keinen Baum ohne Grund», betont Handschin. Als Begründung gilt jedoch nicht nur ein krankhafter Pilzbefall, sondern auch die Ästhetik. Im Rieterpark etwa mussten schon Bäume weichen, weil sie eine Sichtachse verstellten.

Bewässerung wäre teuer

Laut Stephan Bader, Klimatologe bei Meteo Schweiz, ist jedes Jahr mit einem heftigen Hagelschlag wie am Sonntag zu rechnen. Ob die Klimaerwärmung zu einer Häufung beiträgt, kann er noch nicht sagen. Da sich solche extremen Ereignisse nicht oft zutragen, ist die Datenmenge zu klein. Mit Blick auf den Klimawandel empfiehlt Grün Stadt Zürich aber schon heute, nur noch Bäume zu pflanzen, die sich in einem Steppenklima wohlfühlen und extreme Witterungen aushalten. «Es ist schwer abzuschätzen, wie sich die Witterung entwickelt», sagt Handschin. Man könne nicht ausschliessen, dass die Bäume eines Tages bewässert werden müssten, und das würde sehr teuer.

Erstellt: 03.07.2012, 08:48 Uhr

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