Das Landesmassiv

Die Architekten Christ & Gantenbein ergänzen das Landesmuseum mit einem verspielten und wuchtigen Betonfalter. Er beweist den Mut der Schweiz.

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Nun also steht es, dieses Projekt aus der Vergangenheit. 14 Jahre ist es her, seit das Basler Architekturbüro Christ & Gantenbein den Wettbewerb für die Erweiterung des Landesmuseums gewonnen hat mit einem Projekt, das den Bestand zackig weiterführt. Ein Land erweitert sein Museum und offenbart sich so der Welt. Was sagt der Anbau über die Schweiz, ihren Bezug zur Geschichte und über ihre heutige Architektur?

Erstens: In der Schweiz haben junge Architekten eine Chance, solange sie Durchhaltewille beweisen. Emanuel Christ und Christoph Gantenbein waren 30 Jahre alt, als sie im Wettbewerb bekannte Architekten ausstachen. Ein zartes Alter für einen solchen Auftrag, zumindest heute. War Gustav Gull doch auch erst 34-jährig, als er 1892 die ersten Striche für das Landesmuseum im Stile eines neugotischen Schlosses zeichnete.

«Die Erweiterung ist in Beton gegossener Nationalstolz.»

Das Erweiterungsprojekt musste bis zur Grundsteinlegung 2013 allerdings durch die planerische Hölle. Der Bund schob es hinaus, das Parlament missgönnte es Zürich, Landesmuseum und Bundesamt stritten sich. Zudem verschleppten ein Rekurs und eine Stimmrechtsbeschwerde bis vor Bundesgericht den Baustart. Das Budget für Erweiterung und Teilsanierung wurde auf 111 Millionen Franken zurückgestutzt, von denen der Bund 76 Millionen, der Kanton 20, die Stadt 10 und Private 5 Millionen übernahmen. Der Gebäudeteil zur Sihl wurde weggespart, der Kunstgewerbetrakt blieb stehen – als Zugeständnis an den Denkmalschutz.

Trotzdem: Die Erweiterung ist weder aus der Zeit gefallen noch eine Spar­krücke. Sie ist ein kompakter Flügel, der den Hof zum Rundlauf schliesst und mit dem Altbau ein bewegtes Ensemble bildet. Dass diese Grundidee heute noch überzeugt, beweist: Die auffällige Form ist kein Leichtsinn zweier Jungarchitekten. Sie ist behutsam aus dem Kontext begründet, als Ableitung oder als Antithese. «Rationalen Expressionismus» nennen die Architekten diese Haltung.

Wie eine mittelalterliche Mauer

Die Erweiterung lehrt zweitens: Die Schweizer akzeptieren Verdichtung im Bestand, wenn sie sorgfältig geplant ist. Das Projekt erhitzte die Gemüter, lange bevor das Unwort Dichtestress erfunden wurde. Die Landschaftsschützer tobten, die Heimatschützer murrten. Die Gegner fürchteten um den Platzspitz, den die Erweiterung auffresse. Im Abstimmungskampf malten sie bedrohliche Bilder, auf denen der Neubau einen dunklen Schatten auf den Altbau warf. Argumente, die aus der Luft gegriffen waren, was die Urnengänge unterstreichen: Die Stadtzürcher stimmten mit 54,2 Prozent für das Bauvorhaben, die kantonale ­Bevölkerung hiess es mit wuchtigen 62,3 Prozent gut. Der Neubau erdrückt weder den Bestand noch den Park. Zwar mussten einzelne Bäume gefällt werden. Doch springt der Anbau gezielt bei der Gruppe alter Ginkgobäume zurück, die ihre Äste in den Himmel strecken, als wäre nie gebaut worden.

Sicher: Die Erweiterung schiebt sich abweisend wie eine mittelalterliche Wehrmauer zwischen Park und Schloss. Eine Provokation. Der geknickte Durchgang lädt jedoch mit einer grossen Geste in den Hof ein. Bei der Bibliothek und den Ateliers öffnen zudem Klappen die Fassade, die sonst nur von kleinen Bullaugen durchbrochen wird. Und vom umgestalteten Vorplatz aus, den Bar und Restaurant beleben, verschwindet der Neubau gar hinter den Türmchen und lässt Stadtkonservierer durchatmen.

Der Neubau zeigt drittens: Die Architekten haben ein unverkrampftes Verhältnis zur Vergangenheit – wie Gustav Gull damals. Nonchalant dockt die Erweiterung am Altbau an. Keine Fuge vermittelt zwischen Tuffstein und Beton. Die Architekten wissen: An die Märchenarchitektur können sie nur abstrakt anschliessen. Dabei bedienen sie sich ähnlich wie Gull bei verschiedenen architektonischen Stilen. Die Fassade erinnert an den Brutalismus der 60-Jahre, gepaart mit einem Minimalismus der 90er. Der Beton funktioniert fast postmodern historisierend: Die Architekten haben ihm Tuffstein beigemischt und suchen so den Bezug zum Naturstein. Ähnliches gilt für den Umbau des Bestandes, der 2020 abgeschlossen ist. Christ & Gantenbein sanierten und ergänzten ohne Furcht vor der Vergangenheit. Selbstverständlich resultiert ein neues Ganzes, bei dem neben den alten Säulen auch mal ein Nachbau aus Beton steht.

Säle, die Kreative fordern

Das Landesmuseum beweist viertens: In Zürich sind mutige Bauten möglich, wenn die Landesehre auf dem Spiel steht. Die Erweiterung erscheint waghalsiger als David Chipperfields Box für das Zürcher Kunsthaus. Sie ist räumlich spannender als Barozzi Veigas Neubau für das Bündner Kunstmuseum in Chur. Sie wirkt selbst überraschender als Christ & Gantenbeins eigene Erweiterung des Kunstmuseums in Basel. Dabei ist der Anbau in Zürich wie Gulls Schloss: ein übermütiger Sonderfall. Das gilt insbesondere für die Ausstellungsräume. Monumental führt die Treppe in die Höhe, keck biegen die Hallen um die Ecken, schief schiesst die Decke über den Kopf. Und immer wieder durchschneiden Gucklöcher die gedämpfte Lichtstimmung und geben den Blick in den Park frei wie harte Schnitte in einem Film. Die Architekten bauen eine dramatische Abfolge von grossen und kleinen Sälen, die die Kreativität der Ausstellungsmacher fordert.

Das Gebäude verdeutlicht fünftens: Die Schweiz baut sorgfältig. Die Erweiterung ist in Beton gegossener Nationalstolz, der das Klischee der Eidgenossen als Zementhautfetischisten hochhält. Keine einzige Fuge stört die Fassade. Die Innenräume prägt Recyclingbeton; grob an den Wänden, geschliffen am Boden. An der Decke bleiben die Lüftungs­kanäle und Aufhängeschienen sichtbar – in grauer Einheit orchestriert platziert.

Die Architekten sprechen von einem Werkhallen-Charakter auf Kulturbauniveau. Dafür sorgt insbesondere die Baubronze, das Material mit dem viele Details gefertigt sind, die Handläufe etwa, die elegant in Lampen übergehen. Diese Mehrdeutigkeit und Widersprüchlichkeit zieht sich durch das Gebäude wie durch die Geschichte der Schweiz, die darin ausgestellt ist. Das Land baut sich einen wundersamen Betonfalter, brachial wie eine Felswand, feingliedrig wie ein Origamivogel, technoid wie ein Kraftwerk. Und ebenso wenig geradlinig wie Gustav Gulls Märchenschloss.

Erstellt: 29.07.2016, 22:56 Uhr

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