Das Leben in der Warteschlange

Anstehen sollte man geniessen. Es schenkt uns Zeit, sinnlose, reine Zeit.

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Samstag vor einer Woche sah ich um die Mittagszeit auf dem Sechseläuteplatz eine endlose Schlange von Wartenden, sie reichte vom Opernhaus bis zum Taxistand am Bellevue. Vielleicht, dachte ich, gibt es günstige Karten für eine berühmte Sängerin, für die neue Maria Callas. Ich war gerührt, dass Menschen, die sich ein reguläres Opernticket nicht leisten können, stundenlang für schöne Musik anstehen.

Menschenschlangen haben ihre eigene Ausstrahlung. Ihr eigenes Image. Gut ist, wenn man vor dem Club für ein Konzert von Element of Crime im Schlafsack übernachtet. Aber Anstehen in der Bruthitze vor dem Louvre oder den vatikanischen Museen, das ist schlecht. Stundenlang warten vor einem Wahlbüro in Italien oder in Istanbul ist positiv - man nimmt die Strapazen auf sich für sein Land. Aber negativ sind Menschenschlangen für eine leere Wohnung oder für einen Job. Weil einem die Leute leidtun, weil man weiss, dass sie Lotto spielen mit dem Schicksal. Und weder gut noch schlecht, sondern ein soziologisches Phänomen ist das Warten auf die Eröffnung der ersten Kentucky Fried Chicken Bude im Zürcher Unterland.

Das Stehen im Stau schafft ein Gemeinschaftsgefühl. Man weiss, wo man hingehört.

Ich warte nicht gern. Wenn es irgendwie geht, meide ich den Stau, lieber mache ich einen Umweg. Am zweiten Januar mussten wir an einer Bergbahn eine Stunde warten, ich sah schon von weitem die Ansammlung der Rucksäcke und Skimützen, wollte sie aber nicht wahrhaben. Dann begann ich, die Leute in der Schlange zu studieren, man hofft auf ein paar vordrängende Idioten, über die man sich ärgern kann. Aber es gab keine Drängler, der Pulk bewegte sich geordnet auf das Kassenhäuschen zu, wie die Schweizer Schlachtformation vor Marignano. Ich dache nach über die Absurdität der Welt, was unser Leben doch für ein Rattenrennen ist, eingespurt von der Wiege bis zum Grab. Und unsere Aufgabe ist es, die Löcher im Zaun zu finden. Die Nischen des Glücks.

In der Bergbahn war ich erstaunt, wie gelassen ich die ganze Zeit geblieben war. Ich beginne die Menschen zu verstehen, die über Ostern in den Süden fahren. Der Stau schafft ein Gemeinschaftsgefühl, man weiss, wo man hingehört. Es wird uns Zeit geschenkt, sinnlose, reine Zeit. Wobei, mit dem Smartphone merkt man die geschenkten Stunden gar nicht mehr.

Auf dem Sechseläuteplatz war die Stimmung friedlich. Die Leute standen nicht für die neue Callas an, sondern für den Kostümverkauf des Opernhauses. Alle zwei Jahre öffnet der Fundus seine Tore. Dann ist die Zeit der Schnäppchen.


Miklós Gimes lebt in Zürich, ist Autor und Regisseur. Für den «Tages-Anzeiger» schreibt er jede Woche die Stadtgeschichte.

Erstellt: 19.01.2020, 17:59 Uhr

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