Das Los der Strassenkünstler am Theater Spektakel

Jeden Abend entscheidet der Zufall aufs Neue, wo und wann die freien Artisten am Theater Spektakel auftreten dürfen.

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Samstagnachmittag, halb fünf. Hitze herrscht. Die Landiwiese, wo zwei Tage zuvor das Theater Spektakel begonnen hat, liegt träg in der Sonne, nur wenige Menschen huschen zwischen den Zelten und Baracken umher.

Vor der Zentralbühne hat sich eine Gruppe Menschen im Schatten versammelt; man hört Wortfetzen in Englisch, Spanisch, Portugiesisch. Zwei Schwarze üben sich in Akrobatik, ein blonder Surfertyp dehnt seine beeindruckenden Muskeln. Es sind die Strassenkünstler, die sich hier treffen. Jeden Abend um dieselbe Zeit, spätestens um 17.15 Uhr, sind alle da. Es ist der wichtigste Moment im Tagesablauf. Dann verlosen Miriam Walter Kohn und Ronja Rinderknecht, wer wann wo spielen darf. Die beiden Frauen sind seit diesem Jahr für die Strassenkunst zuständig.

Faires System

Bis vor vier Jahren organisierten sich die Strassenkünstler selbst. Aber dieses im Grunde anarchische System kam an den Anschlag, als immer mehr Künstler und Publikum auf die Landiwiese strömten. Aufs Jahr 2012 änderte die Festivalleitung deshalb die Spielregeln. Seither gibt es die Zentralbühne: Dort treten Strassenkünstler auf, die von Rinderknecht und Walter Kohn eingeladen worden sind. Für die freien Künstler stehen zwei Asphaltplätze zur Verfügung, die von 18 Uhr bis Mitternacht abwechselnd je eine halbe Stunden lang bespielt werden dürfen. Zudem gibt es fast jeden Abend bis zu vier Auftrittsmöglichkeiten für Freie auf der Zentralbühne.

17.15 Uhr. Die Spannung steigt. Etwa 30 Artisten versammeln sich um einen Tisch. Rinderknecht und Walter Kohn servieren Früchte und Guetsli, dann geben sie Zettel aus. Die Künstler notieren ihre Namen, werfen die gefalteten Zettel in einen Stoffbeutel. Zwei zufällig ausgewählte Kinder dürfen Glücksfee spielen. Die ersten Zettel werden mit viel Hallo quittiert. Zuerst gezogen zu werden, heisst, zuerst Auftrittszeit und -ort auswählen zu dürfen. Die Künstler haben klare Präferenzen. Am beliebtesten sind Auftritte zwischen 20 und 22 Uhr, möglichst auf der Zentralbühne oder auf der Kreuzung zwischen Nebeneingang und See. «Auf der Zentralbühne verdient man am meisten», sagt Rodrigo aus Chile. Der Neuseeländer Zac mag die Kreuzung am meisten: «Dort strömen die Leute aus Richtungen zusammen. Am Hauptplatz fühlt man sich wie auf einem Parkplatz. Und die Leute bleiben dort auch weniger stehen.»

Als das neue System 2012 eingeführt wurde, stiess es bei einigen Künstlern auf harsche Kritik. Manche fühlten sich abgedrängt. Und heute? «Das Lossystem ist fair», findet Zac. «Auch wenn ich gern öfter spielen würde.» Das sehen auch andere Künstler so. Rinderknecht sagt: «Zentralbühne und Verlosung haben sich etabliert. Grundsätzliche Kritik gibt es nicht mehr.» Aber die Verlosung sei halt eine Lotterie – bitter für jene, die leer ausgehen, weil zu viele Künstler um die Plätze buhlen. Am Samstagabend haben alle Glück, es gibt mehr Auftrittsmöglichkeiten als Künstler, sodass einige gar zweimal spielen dürfen.

Manche kommen nicht mehr

Dennoch, ganz verstummt ist die Kritik nicht. Manche langjährige Artisten kommen nicht mehr. Der Chilene Claudio Martinez, der seit 7 Jahren als Clown am Spektakel auftritt, sagt, die Atmosphäre sei in der Zeit vor der Zentralbühne schöner gewesen: «Früher durfte niemand von uns Verstärker und Licht benutzen. Wer Erfolg beim Publikum haben wollte, musste überzeugen können.» Dass auf der Zentralbühne Verstärker erlaubt seien, sei schade.

Trotz dem Wechsel gibt es sie noch, die freien Auftrittsmöglichkeiten ohne Zeitplan: als Sideshow am Wegrand, mit weniger Publikum und weniger Platz. Rodrigo hat sich am Samstag dennoch dafür entschieden: «So kann ich mehrmals auftreten.» Am Sonntag will er sein Glück bei der Verlosung probieren. Er hofft auf die Zentralbühne.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.08.2015, 20:27 Uhr

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