«Das Problem wird nur verlagert, nicht gelöst»

Für die Leiterin der Zürcher Frauenzentrale gehört Prostitution nicht in die Öffentlichkeit. Sage das Volk Nein zu den Sexboxen, müsse man ein Prostitutionsverbot prüfen.

«Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis andere die Auswüchse des Strassenstrichs zu spüren bekommen», sagt Andrea Gisler: Frauen bei der Arbeit am Sihlquai.

«Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis andere die Auswüchse des Strassenstrichs zu spüren bekommen», sagt Andrea Gisler: Frauen bei der Arbeit am Sihlquai. Bild: Keystone

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Sie lehnen den geplanten Strichplatz in Altstetten ab. Warum?

Die Quartierbevölkerung am Sihlquai wird zwar entlastet. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis andere die Auswüchse des Strassenstrichs zu spüren bekommen. Das geplante Strichplatzgelände liegt heute brach. In der Nähe werden jedoch Geschäfte, Restaurants und Wohnungen gebaut. Das Problem wird also nicht gelöst, sondern nur verlagert.

Die Frauen sollen besser vor Freiern und Zuhältern geschützt werden. Ist das nicht gerade aus Frauensicht ein stichhaltiges Argument?

Ich sehe keine substanziellen Verbesserungen. Der Strassenstrich ist und bleibt die gefährlichste Art der Prostitution. Nebst gesundheitlichen Risiken ist auch die Gefahr der Ausbeutung hier besonders gross. Die Bedingungen sind für die Prostituierten in jedem Fall unwürdig.

SP und Grüne, die sich traditionell für Frauenanliegen starkmachen, sind für die Sexboxen.

Nicht alle links stehenden Frauen denken so. Wir haben zahlreiche Rückmeldungen von feministischen Frauen, die unsere Position teilen. Obschon von den Parteien nur die SVP und EVP die Sexboxen bekämpfen, erwarte ich einen knappen Ausgang der Abstimmung.

Die Frauenbewegung ist bei dieser Frage gespalten. Überrascht Sie das?

Nein. Die europäische Frauenlobby, die Dachorganisation der Frauenorganisationen aus 30 europäischen Ländern, hat im letzten Sommer die Kampagne «Gemeinsam für ein Europa ohne Prostitution» lanciert. Nebst der Schweiz sind auch Deutschland, Österreich und Holland gegen ein Prostitutionsverbot. Sie wollen aus einer gesellschaftlichen Realität das Beste für die Frauen herausholen. Die menschenunwürdige Situation vieler Prostituierter auf dem Strassenstrich ist aber keine unabänderliche Realität.

Auch der Stadtrat wehrt sich gegen ein Verbot der Strassenprostitution. Sind Sie von den Stadträtinnen Corine Mauch, Ruth Genner und Claudia Nielsen enttäuscht?

Es geht auch ihnen darum, die Situation für die Frauen zu verbessern. Wir halten aber den Ansatz für falsch. Mit Steuergeldern will der Stadtrat eine teure Infrastruktur bauen für Männer, die auf der Strasse nach billigem, schnellem und häufig auch unsicherem Sex suchen. Wir haben dafür kein Verständnis.

Fachleute warnen: Ein Verbot würde die Prostituierten nur in die Illegalität drängen.

Das hängt von den flankierenden Massnahmen ab. In einer ersten Phase müsste die Polizei einschlägige Strassenabschnitte sicher vermehrt kontrollieren. Ganz verschwinden würde die Strassenprostitution wohl nie. Aber ihr Ausmass wäre erheblich kleiner. Prostitution gehört nicht an die Öffentlichkeit, sondern in Bordelle, wo die Arbeitsbedingungen besser überprüfbar sind. Die französische Sozialministerin geht noch weiter: Sie will Freier bestrafen, weil es die freiwillige Prostitution nicht gebe. Im französischen Parlament scheint dies mehrheitsfähig zu sein.

Der Stadtrat beruft sich auf ein Bundesgerichtsurteil, das Strassenprostitution ausdrücklich erlaubt.

Das Urteil ist fast 40 Jahre alt. Die Zustände damals sind nicht mit heute vergleichbar. Die Strassenprostitution und die damit verbundenen negativen Begleiterscheinungen haben in den letzten Jahren massiv zugenommen, auch als Folge der Personenfreizügigkeit. Eine gerichtliche Neubeurteilung würde ich daher begrüssen.

So weit ist es nicht. Bei einem Nein bleibt vorderhand alles beim Alten. Weshalb wollen Sie die Bewohner dort der Sauerei weiter aussetzen?

Das will ich nicht. Nach einem Nein am 11. März müsste ein Verbot der Strassenprostitution ernsthaft geprüft werden. Es geht auch darum, die Freier zu sensibilisieren und ein Unrechtsbewusstsein zu schaffen. Es ist nicht in Ordnung, zu Dumpingpreisen sexuelle Dienstleistungen zu kaufen oder riskante Sexualpraktiken zu verlangen. Fair Trade gibts nicht nur bei Produkten, sondern auch bei Dienstleistungen.

Erstellt: 25.02.2012, 07:14 Uhr

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Die Rechtsanwältin Andrea Gisler ist Leiterin der Zürcher Frauenzentrale. (Bild: ZVG)

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