«Das Public Viewing ist tot»

Der mitreissende Final konnte die Bilanz nicht mehr retten: Grosse Public Viewings werden zunehmend zum Risikogeschäft. Eine Reportage.

Sie füllten die Public-Viewing-Arena am Turbinenplatz fast im Alleingang: Die kroatischen Fans. Fotos: Sabina Bobst

Sie füllten die Public-Viewing-Arena am Turbinenplatz fast im Alleingang: Die kroatischen Fans. Fotos: Sabina Bobst

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Spätestens als Ivan Perišic den Ball zum 1:1 ins Tor schoss, wurde klar, wie es hätte sein können. Über 3000 Zuschauer eng vereint, die meisten davon Kroaten, die sich in der Turbinen-Arena im Zürcher Kreis 5 in den Armen liegen. Die Sitzreihen steil abfallend, unten eine grosse Stehplatzfläche, überall riesige Bildschirme, die das Spiel ganz nah an die Zuschauer tragen.

Diese jubeln lauthals und verbreiteten im grössten Public Viewing der Stadt tatsächlich so etwas wie Stadionatmosphäre. So, wie es die Initianten ursprünglich geplant hatten. Leider war der hoch emotionale WM-Final eine Ausnahme. In vielen anderen Spielen herrschte in der Arena vor allem eines: Tristesse.

Als Beat Steinmann vor Monaten mit der Planung für das Public Viewing begann, hätte er niemals gedacht, dass er diese Worte einmal sagen würde: «Die Zeiten der grossen Fussballarenen sind vorbei. Das Public Viewing ist tot.» Hätten der Gastronom und seine Geschäftspartner das Fiasko ahnen können, sie hätten sich wohl kaum die Mühe gemacht, sich am acht Seiten dicken Auflagendossier der Stadt Zürich abzuarbeiten: 60 Toiletten, gleichermassen verteilt für weibliche und männliche Besucher und ein Sicherheitsdienst, der für die schlimmste Eventualität jederzeit gewappnet sein muss: Das sind nur zwei der Vorlagen, die Betreiber professioneller Public Viewings zu erfüllen haben.

Fanmässig in der Unterzahl, überlegen auf dem Platz: Die Franzosen.

Für Steinmann besonders tragisch: Zwischen den Spielen ist keine Musik und keine Unterhaltung erlaubt – aus Rücksicht auf Anwohner: «Da laufen dir die Leute davon», sagt Steinmann. «Vielleicht hätten wir es besser wissen sollen.»

Ab sieben Franken

Steinmann ist ein erfahrener Event-Organisator. Der Verein Probstei-Stube, dessen Präsident er ist, stemmt seit Jahren grosse Kisten: 2016 am Züri-Fäscht mit einer schwimmenden Plattform auf dem See, auf der fast 500 das Feuerwerk verfolgen konnten oder am Silvesterzauber 2017 mit dem grössten Fonduezelt. Steinmann weiss, was die Volksmasse lockt. Mit dem Public Viewing hat sich sein Verein jedoch verkalkuliert. Mehrere 100'000 Franken seien investiert worden. Zehn Gastrostände, eine Schminkequipe, die den Fans die gewünschte Landesfarbe auf die Backe malten, zwei VIP-Lounges für Firmen, sechs Screens – der grösste davon 90 Quadratmeter – und insgesamt 3500 Steh- und Sitzplätze. Die günstigste Tageskarte für einen Stehplatz kostete sieben Franken.

«Wir wollten den Leuten etwas bieten für das Geld. Ich denke, das ist uns gelungen», sagt Steinmann. Doch die Fussballfans wollten nicht kommen. Zu den Halbfinals erschienen nur halb so viele Leute wie prognostiziert, bei gewissen Spielen seien mehr Securitys als Zuschauer anwesend gewesen. Wie viel Geld genau umgesetzt wurde, lässt sich gemäss Steinmann erst nach der Abrechnung sagen. Klar ist jetzt schon: Es wird nur ein Bruchteil von dem sein, was investiert wurde. Und klar sei auch: «Ein derartiges Public Viewing haben wir zum letzten Mal gemacht.»


Video: Fans feiern an der Langstrasse

Kroaten und Franzosen feiern in Zürich friedlich nebeneinander. (Video: Tamedia)


Das frühe Ausscheiden grosser Namen (Deutschland, Portugal, Spanien) hat gemäss Steinmann zum Misserfolg beigetragen. Sein Angebot habe aber auch aufgrund eines Paradoxons gefloppt: Während Veranstalter grosser Public Viewings mit eigens errichteter Infrastruktur immer mehr Auflagen erfüllen müssten, seien diese für kleine Anbieter gesunken.

Konkret: Seit 2014 müssen keine teuren Fifa-Gebühren mehr bezahlt werden, um WM-Spiele zu zeigen. Eine Regelung, die zurzeit nur in der Schweiz gilt. Mit der Folge, dass nahezu jeder Kebab-Stand einen Fernseher und ein paar Stühle aufstellte. Misst der Bildschirm in der Diagonale weniger als drei Meter, ist die Übertragung kostenlos. So kam es zu einer eigentlichen Public-Viewing-Flut.

Erfolgsrezept: «Fuck Fifa»

Das Café du Bonheur am Bullingerplatz ist eines der Lokale, das sich diesen bürokratischen Freiraum erfolgreich zunutze machte: «Wir haben uns gewundert, dass so viele Leute vorbeikamen», sagt Geschäftsführerin Nushin Coste.

Dabei habe sie keinerlei Werbung gemacht. Bei schönem Wetter vereinte sich abends das halbe Quartier auf dem Quartierplatz und schaute gemeinsam die Spiele. Der Bullingerplatz wurde zum erweiterten Wohnzimmer. An zahlreichen warmen Abenden seien die Umsätze gut gewesen, sagt Coste. Beim ersten Schweiz-Spiel seien gar die kalten Getränke ausgegangen, danach habe man aufgerüstet. «Wir konnten schon etwas profitieren. Reich wurden wir aber nicht.»

Ohne kommerzielle Ambition sind die Betreiber des Public Viewings Parkplatz zur WM gestartet. Als Zwischennutzer der Brachfläche beim Bahnhof Letten wollten sie eine politische Botschaft vermitteln: «Meh Fussball, weniger Fifa». Das Ziel war ein alternatives Programm, ohne Konsumzwang und fern der «Machenschaften» von Fifa & Co. Dazu wurden kritische Dokumentarfilme über zweifelhafte Fifa-Methoden gezeigt und Podiumsgespräche über Sexismus und Homophobie im Fussball organisiert. Die Spiele wurden trotzdem gezeigt. Neben der Leinwand prangten jedoch keine Sponsorenplakate, sondern ein herzhaftes «Fuck Fifa».

Das kam offenbar gut an. «Wir sind sehr zufrieden», sagt eine Mitorganisatorin. «Nicht weil es sich finanziell gelohnt hätte, aber weil wir hoffentlich etwas Aufklärung mitgeben konnten.»

Wie fest die WM die Gastronomen in die Zange nahm, zeigt das Beispiel von Michel Péclard. Der Besitzer von rund zehn Restaurants in und um Zürich hält eigentlich nichts von Fussball und würde am liebsten auf Public Viewings verzichten. Dennoch liess er in einigen Lokalen Bildschirme aufstellen – ohne, dass es viel gebracht hätte. Im Gegenteil: In gewissen Lokalen sei der Umsatz um bis zu 20 Prozent gesunken. «Wenn du jedoch gar nichts tust, bleiben dir die Kunden fast ganz weg», sagt Péclard.

Bei der Schiffsstation, seinem neuen Lokal in Männedorf ZH investierte Péclard gar über 30’000 Franken für ein Public Viewing. Daraus resultiere nun ein Verlust von mehreren Tausend Franken. Viele Junge hätten ihr eigenes Aldi-Bier mitgebracht. Das sei okay. «Grosse Public Viewings lohnen sich finanziell nicht mehr.» Jenes in Männedorf bucht der Gastronom nun einfach als Werbeaktion ab für sein neues Lokal.

Erstellt: 15.07.2018, 22:22 Uhr

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