Das Rätsel der unbewohnten Villa

In Oerlikon steht ein stattliches Anwesen seit Jahren leer. Eine Spurensuche führt zur ungewöhnlichen Geschichte der einflussreichen Zürcher Familie Scotoni.

Stammsitz des einstigen Kino-Königs: Die Scotoni-Villa an der Ringstrasse 26 in Oerlikon.

Stammsitz des einstigen Kino-Königs: Die Scotoni-Villa an der Ringstrasse 26 in Oerlikon. Bild: Dominique Meienberg

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Ein Namensschild ist nicht zu finden. Einziger Hinweis auf die Eigentümer sind die geschwungenen Initialen «ES», mit welchen das schmiedeeiserne Tor geschmückt ist. Dichte Büsche bieten Sichtschutz. Dahinter sind die Umrisse einer Villa zu erkennen. Nachbarn sagen, hier wohne seit Jahren niemand mehr. Dennoch ist der Garten einwandfrei gepflegt, und die Bäume sind zurückgeschnitten. An einem Mast flattern eine Zürich- und eine Schweizer Flagge. Ein Geisterhaus, mitten in bestem Wohngebiet?

Eine Anfrage beim lokalen Notariat ergibt, dass das Haus der Haldenhof AG gehört. Hinter dieser Aktiengesellschaft steht die Familie Scotoni. Damit ist das Rätsel gelöst: Das Anwesen ist die Villa Scotoni, der Stammsitz des einflussreichen Clans. Eugen Scotoni-Gassmann, Bauunternehmer und Immobilienbesitzer, hat die Villa in den Jahren 1914/15 gebaut – daher die Initialen «ES» am Tor. Vor seinem Tod 1961 verfügte er: Bis Ende des Jahres 2010 darf die Villa Scotoni weder verändert noch abgebrochen werden.

Er holte Filmstars nach Zürich

Nach dem Ableben des Vaters führte dessen jüngster Sohn Anton-Eric Scotoni das Familienunternehmen fort. Die Villa an der Ringstrasse 26 wurde zum Zentrum von Anton-Erics schillerndem Leben. Der promovierte Ökonom baute, verkaufte und verwaltete Immobilien; darüber hinaus war er in zahlreichen weiteren Branchen aktiv. Zeitweise kontrollierte er in Zürich zusammen mit der Jean-Frey-Gruppe zwölf Kinos, was ihm den Übernamen «Kino-König» einbrachte.

Er holte die Stars nach Zürich: Audrey Hepburn, Sophia Loren, Gina Lollobrigida, Roger Moore, Jean-Paul Belmondo – sie alle kamen, wenn «AES» zur Premiere rief. Einheimische Grössen gingen am Scotoni-Stammsitz ein und aus; Friedrich Dürrenmatt kam gerne auf ein Glas Wein vorbei.

Scotoni baute und betrieb zudem das Hotel Ascot, später kam das Hotel Wellenberg hinzu. Nebenbei importierte er Flugzeuge, die er als passionierter Pilot manchmal gleich selbst in die Schweiz flog. 1961 gründete er die Fluggesellschaft Alag, die erstmals Flüge von Zürich nach Samedan anbot. Von 1967 bis 1975 sass er für die FDP im Zürcher Gemeinderat; von 1974 bis 1978 im Kantonsrat.

Seit 20 Jahren unbewohnt

Nachdem zwei Ehen in die Brüche gegangen waren, heiratete Anton-Eric Scotoni 1983 zum dritten Mal. Mit Renate Scotoni lebte er bis 1989 an der Ringstrasse 26. «Damals musste mein Mann sich einer Knieoperation unterziehen», sagt Renate Scotoni. Danach sei das Leben in der Villa mit den vielen Treppen zu beschwerlich geworden. Deshalb zog die Familie in den obersten Stock eines benachbarten Mehrfamilienhauses, das ebenfalls zu den Scotoni-Immobilien gehört. Seither steht die Villa Scotoni leer.

Anton-Eric habe zwar mit dem Gedanken gespielt, das Haus der Stadt Zürich zu schenken, sagt Renate Scotoni. «Aber er hängt viel zu sehr an seinem Stammhaus.» Mit der Scheidung im März letzten Jahres habe ihre Ehe mit Anton-Eric nach 27 Jahren ein unglaubliches Ende genommen. Renate Scotoni spricht von grossem Leid, das ihr sowie den beiden Söhnen Antonio-Eric und Christian zugefügt worden sei. Anton-Eric Scotoni sei heute sehr einsam. Der inzwischen 94-Jährige lebt zurückgezogen im Hotel Dolder Waldhaus; für ein Gespräch stand er nicht zur Verfügung.

Die Villa bleibt vorerst leer

Bei der Aufteilung der ehelichen Güter gingen sämtliche Immobilien an Renate Scotoni – darunter auch die Villa. Im Gegenzug wurde Anton-Eric Scotoni ausbezahlt, und Renate Scotoni übernahm die Schulden der Familie.

Was soll nun mit dem Anwesen geschehen, zumal die Umbausperre von Eugen Scotoni-Gassmann abgelaufen ist? «Ich habe mich noch nicht entschieden», sagt Renate Scotoni. Am liebsten möchte sie das Anwesen an eine Familie vermieten. «Von uns möchte niemand mehr dort wohnen, in der Villa sind einfach zu viele Erinnerungen.»

So bleibt das Haus vorerst leer. Es wird aber weiterhin in Schuss gehalten: Zweimal im Monat kommt der Gärtner, und der Hausmeister schaut jede Woche nach dem Rechten. Sie werde die Villa immer in Ehren halten, sagt Renate Scotoni. «Ich verweile so oft wie möglich darin, um Kraft zu tanken.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.03.2011, 22:28 Uhr

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