Das Rauschen von Meilen bis Mailand verstummt

Im HB Zürich wird der alte mechanische Generalanzeiger durch einen riesigen LED-Bildschirm ersetzt.

Der Klassiker mit seinen ratternden Fallblättern kommt ins Museum. Fotos: Doris Fanconi

Der Klassiker mit seinen ratternden Fallblättern kommt ins Museum. Fotos: Doris Fanconi

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Es herbstet im Hauptbahnhof – buchstäblich. Die Tausenden von bedruckten Blättern fallen am 18. Oktober zum letzten Mal. 27 Jahre alt ist der Fallblattanzeiger, wie die grosse Anzeigetafel der Querhalle fachtechnisch heisst. Sobald es in der Halle kalt oder feucht ist, wird die Elektromechanik zunehmend erfinderisch. Wenn die dünnen Kunststoffblätter aneinander kleben, fährt eine S 12 auch mal direkt von Stadelhofen nach Milano Centrale – und der Schnellzug nach Bern steht auf Gleis 99.

Der Lieferant des Generalanzeigers existiert nicht mehr. «Neue Destinationen mussten wir in letzter Zeit selber mit Siebdruck auf die Plättchen drucken», sagt SBB-Mediensprecherin Lea Meyer. In einem Bündel haben zudem nur 80 Tafeln Platz. Die Verdichtung des Taktfahrplanes und die Inbetriebnahme der Durchmesserlinie brachten den Generalanzeiger ans Limit. Und auch technisch pfiff – oder vielmehr raschelte – er aus dem letzten Loch. Jedes einzelne Blattbündel wird von einem Schrittmotor angetrieben und bei Erreichen der richtigen Anzeige gestoppt.

In der Nacht vom 18. auf den 19. Oktober fahren die Krane in die HB-Halle. Die sechs Tonnen schwere und 13,6 Meter lange Anzeige wird demontiert. Sie hat bereits eine neue Bleibe: Das Museum of Digital Art im Hochhaus Migros Herdern übernimmt den Anzeigeklassiker und lässt ihn durch Künstler umprogrammieren. Aus Gleisangaben und Zielbahnhöfen werden neue Muster.

4,6 Millionen LED-Lämpchen

Der neue Anzeiger ist noch nicht startklar. In einer Halle in Schlieren werden zurzeit fast 1000 LED-Module in ein riesiges Stahlgerüst eingebaut. 19 Meter breit, 3,4 Meter hoch und 12 Tonnen schwer wird der Bildschirm. Je 2,3 Millionen Pixel – vorne und hinten – oder feinste, dreifarbige LED-Lämpchen verleihen ihm eine scharfe Auflösung. Wenn eines dieser kachelartigen Module nur um einen Millimeter falsch eingebaut wird, sieht man das von weitem. Deshalb arbeiten die Techniker doppelt genau: Sie kontrollieren die Position jedes Moduls mit einem Laser – aber auch mit der guten alten Richtschnur.

Eingebaut wird der neue Riesenbildschirm in der Nacht auf den 20. Oktober. Einen Tag und vielleicht einen Morgen lang müssen die Pendler ohne Generalanzeiger auskommen. Um verwirrte Touristen werden sich Kundenlenker kümmern, ausserdem bleiben die Bildschirme auf den Perrons in Betrieb. Allergrösste Sorgfalt verwendet SBB-Projektleiter Roberto Compagnino auf die Vorbereitung; ein Unfall beim Transport oder bei der Montage wäre eine Katastrophe. Um Zeit zu gewinnen bei der Inbetriebnahme, wird der neue Anzeiger auf dem Schwertransporter noch ein letztes Mal ausgemessen und durchgetestet. Eines weiss Compagnino: «Das Dach des alten Spanischbrötlibahnhofs ist stark genug, das haben wir gründlich geprüft.»

Wenn es nach dem Willen der SBB gegangen wäre, würde der Bildschirm noch drei Meter breiter sein. Mit der Denkmalpflege habe man sich dann aber auf das jetzige Modell geeinigt, um die Halle optisch nicht zu trennen.

Ein Viertel gehört der Werbung

Wenn der neue, um ein Drittel grössere Generalanzeiger am 20. Oktober in Betrieb geht, wird es aus der Bevölkerung mit Garantie Proteste hageln. Der Bildschirm ist viergeteilt: Ein Viertel ist für den Fernverkehr reserviert, zwei Viertel für die S-Bahnen – und das letzte Viertel für Werbung. SBB-Sprecherin Lea Meyer relativiert. «Im Störungsfall kann die Werbefläche als schnell einsetzbare Informationsplattform verwendet werden.» Die übrigen Bildschirmteile für Abfahrts- und Gleisinformationen sind nach wie vor blau-rot-weiss gestaltet, aber kontrastreicher und flexibler programmierbar als bei den vorgedruckten Tafeln. Ein Zückerchen hat die SBB für all jene bereit, die wegen der neuen Werbefläche motzen werden: Der grosse LED-Werbebildschirm aus dem Jahr 2001 auf der Seite des Bahnhofplatzes wird verschwinden.

Vier Millionen Franken wird der Ersatz des Generalanzeigers kosten. Positiv zu Buche schlagen minime Wartungskosten für die langlebige LED-Technologie. Bei Störungen kann zudem jedes der tausend Module einzeln ausgetauscht werden. Insgesamt ersetzen die SBB an 16 Bahnhöfen in der Schweiz ihre alten Generalanzeiger. Einer von ihnen kommt ins Verkehrshaus, andere werden an Bahnnostalgiker verkauft – und sei es nur als einzelnes Plättchen mit einem bestimmten Lieblingsbahnhof.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.10.2015, 20:30 Uhr

Der neue, deutlich grössere LED-Anzeiger wird in Schlieren zusammengebaut.

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