Das Schauspielhaus, das es nie gab

Zwei Zürcher Architekten haben am Computer das nie realisierte Schauspielhaus-Projekt des dänischen Stararchitekten Jørn Utzon rekonstruiert. Es hätte einst zum Wahrzeichen Zürichs werden sollen.

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«Dieses Projekt könnte von heute sein». Das sagt die Architektin Susanne Fritz vom Zürcher Büro Virtual Design Unit. Das Projekt, von dem sie spricht, ist allerdings 50 Jahre alt. Es stammt vom dänischen Architekten Jørn Utzon (1918–2008) und zeigt einen Neubau für das Zürcher Schauspielhaus am Heimplatz – genau dort, wo derzeit der Kunsthaus-Erweiterungsbau von David Chipperfield geplant ist. Utzons Theaterpalast wurde aus Kostengründen nie gebaut, doch Susanne Fritz hat zusammen mit ihrem Berufskollegen Patrick Schöll den Entwurf am Computer zum Leben erweckt, wie das Architektur- und Design-Magazin «Dezeen» kürzlich berichtete. «Wir waren neugierig, wie dieses Gebäude an diesem Standort wirken und wie es sich in die Umgebung einpassen würde, sagt Fritz. «Es gibt die Theorie, dass Utzons Projekt auch deshalb scheiterte, weil sich die Zürcher Bevölkerung nicht vorstellen konnte, wie es genau aussieht.» Damals existierten lediglich ein Holzmodell und Pläne. Die jetzige fotorealistische Visualisierung macht die Architektur greifbar.

Schöpfer der Sydney Opera

Utzon war 1964 als Sieger aus dem Wettbewerb für ein neues Zürcher Schauspielhaus hervorgeggangen. Der Schöpfer der spektakulären Sydney Opera galt damals als einer der weltweit populärsten Architekten. In Zürich träumte man von einem ähnlichen Wahrzeichen wie in Sydney, sagt Fritz. Die Architekturelite stand hinter dem Projekt, der berühmte Max Frisch sass in der Jury.

Mehr als fünf Jahre arbeitete Utzon an den Plänen für das Schauspielhaus. Doch als aus Sydney Berichte über massive Kostenüberschreitungen bei Utzons Opera nach Zürich drangen, wuchs der Widerstand gegen das Mammutprojekt. 1970 liess es der Stadtrat aus Kostengründen stoppen und renovierte stattdessen das alte Schauspielhaus. «Die Sache wurde chancenlos», schrieb der frühere Stadtpräsident Sigmund Widmer und bedauerte, dass die «prächtigen Pläne» irgendwo in städtischen Schubladen «vermodern».

Nachkommen wollen es wissen

Dafür lebt das Utzon-Theater jetzt als Computermodell wieder auf. Den Auftrag für die digitale Rekonstruktion erhielten Susanne Fritz und Patrick Schöll von den Nachkommen des Stararchitekten. Diese stellten Originalpläne aus dem Familiennachlasses zur Verfügung. Weiteres Material für die Visualisierung fanden sie im Baugeschichtlichen Archiv der Stadt Zürich. Wichtige Informationen steuerte auch Utzons damaliger Projektleiter bei, der heute in der Türkei lebt. Detektivarbeit erforderte die Rekonstruktion des Innern. «Da brauchte es einige Fantasie, Utzons Pläne dafür waren nicht sehr detailliert», so Fritz. Deshalb stützten sich die Architekten vorab auf sein Design für das Auditorium der Sydney Opera.

Statt Utzons Schauspielhaus wird am Heimplatz jetzt Chipperfields Kunsthaus-Erweiterungsbau realisiert. Susanne Fritz will die beiden Gebäude nicht gegeneinander ausspielen. «Wir haben das nicht rekonstruiert, um zu zeigen: ‹Utzons Projekt wäre für diesen Ort besser gewesen›», stellt sie klar. Fest steht für sie aber auch: Ein solches Gebäude würde noch heute an diesem Ort Gültigkeit besitzen.

Utzons Projekt mit seiner eleganten Formensprache und den Betonschalenelementen habe die Zeit überdauert und nichts von seiner gestalterischen Kraft eingebüsst. «Ich bin gespannt, ob das auch bei Chipperfields Werk der Fall sein wird.»

Erstellt: 25.11.2013, 10:43 Uhr

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