«Das Toni ist kein kuscheliges Nest»

Die Architekten des Toni-Areals, Daniel Niggli und Mathias Müller, wollen die Studierenden mit dem Gebäude fordern.

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Sie haben sich fast zehn Jahre mit dem Toni-Areal beschäftigt. Nun wird die gigantische Kunsthochschule eröffnet. Was bedeutet Ihnen das Gebäude?
Niggli: Es ist ein grosses Baby.
Müller: Ehrlich, es ist ein Glücksfall. Dass wir als Architekten überhaupt die Möglichkeit hatten, es zu realisieren, ist einmalig. International und schweizweit gibt es kaum ein Haus mit einer ähnlichen Kombination an Nutzungen durch Kunst, Kultur, Sozialarbeiter, Psychologiestudenten, Wohnen. Auch für unser Architekturbüro ist es ein wichtiges Haus. Nach dem Wettbewerbssieg mussten wir unser Büro verdoppeln.

Das Gebäude ist also ein einziges grosses Glücksgefühl.
Müller: Jetzt, so kurz vor dem Abschluss, schon. Aber natürlich gab es auch schwierige Zeiten.

Wann?
Niggli: Als uns bewusst wurde, dass es eine Bauverzögerung von eineinhalb Jahren gibt. Ursprünglich hätte das Gebäude ja bereits 2013 fertig sein sollen. Dank vieler Krisensitzungen konnten wir diese Zeit meistern.
Müller: Zu realisieren, dass sich der Bau verzögert, war wirklich ärgerlich. Aber wir sind sehr froh, dass damals alle involvierten Parteien gemeinsam eine Lösung finden wollten. Es gibt auch Baustellen, bei denen eine solche Situation in einem Streit unter Anwälten endet.

Wann hatten Sie sonst noch schlaflose Nächte?
Müller: Nie. Schlecht geschlafen habe ich vor Aufregung nur bevor der Wettbewerbssieger bekannt wurde.

Nun müssen Sie Ihr «grosses Baby» nach einer so langen Zeit loslassen. Schaffen Sie das?
Niggli: Ja. Ich freue mich sogar darauf – und bin vor allem neugierig.

Worauf? Niggli: Darauf, wie sich das riesige Gebäude mit Leben füllt. Wie die Studierenden den Raum in Beschlag nehmen, ihn verändern. Ich werde auf jeden Fall immer wieder zurückkommen und mir ansehen, wie sich das Haus entwickelt.

Zwei Studierende der Kunsthochschule zeigten sich bei einem Rundgang schockiert über die Dimension des Gebäudes und die rohe Gestalt der Räume. Überrascht Sie das?
Niggli: Nein, eigentlich nicht.

Wieso nicht?
Müller: Das Toni-Areal ist kein kuscheliges Nest. Es soll herausfordern. Wir hätten etwas falsch gemacht, wenn es die Leute herzig finden würden. Unser Ziel war, dass sich die Studierenden hier begegnen, dass es Reibung gibt, aus der Kunst entsteht. Sie sollen sich mit dem Haus beschäftigen, es gestalten müssen.

Sie wollen keine Harmonie.
Niggli: Ja. Es steht aber allen frei, sich Nischen zu schaffen. Wie soll die Kunst der Studierenden das Gebäude prägen?
Müller: Ich stelle mir das so vor: Eine Musikstudentin, ein Gamedesigner und ein Filmstudent spannen zusammen und kreieren gemeinsam etwas, das im Haus gezeigt wird.
Niggli: Oder Musikstudenten geben in der Kaskadenhalle ein Konzert. Und die Zuhörer sitzen auf der breiten Holztreppe. Das und noch viel mehr ist möglich. Wir hoffen, dass es die Hauswarte auch zulassen.

Das Toni-Areal könnte von aussen ein x-beliebiges Bürohaus sein. Wieso haben Sie darauf verzichtet, ihm einen Kunstanstrich zu geben – zum Beispiel mit Kunst am Bau?
Niggli: Weder wir, der Kanton noch die Zürcher Hochschule der Künste wollten Kunst am Bau. In diesem Haus wird schliesslich täglich Kunst produziert.
Müller: Wir haben viele Kunstschulen besichtigt, und es gibt eigentlich keine, der man von aussen die Kunst ansieht.

Weshalb haben Sie das Haus mit einer Fassade eingekleidet, die aussieht wie ein Fliegengitter?
Müller: «Fliegengitter» – ein witziger Name. Diese Fassade haben wir gewählt, weil die Räume unterschiedlich genutzt werden. Das hätte bedeutet, dass die Fenster zufällig auf unterschiedlichen Höhen gewesen wären. Das Toni-Areal hätte von aussen willkürlich ausgesehen. Deshalb haben wir es in ein Kleid aus Textil wirkendem Metall gehüllt. Die Metallfassade ist eine Anlehnung an die Gestalt der ehemaligen Milchfabrik. Diese war mit Trapezblech umgeben.

Für Sie ist das Toni-Areal ein Meilenstein im Berufsleben. Was soll es für Zürich bedeuten?
Müller: Jeder Zürcher, jede Zürcherin soll einmal im Jahr hierhin kommen. Ein Konzert hören, eine Ausstellung besuchen, einen Film schauen. Das Toni soll ein Leuchtturm in Zürich-West werden. Ein Ort wie der Schiffbau, der das Quartier lebendig macht. Hier soll man wie selbstverständlich ein und aus gehen.

Und falls das nicht funktioniert?
Niggli: Dass diese Vision Wirklichkeit wird, liegt nicht mehr in unserer Hand – und wird seine Zeit brauchen. Aber wir sind zuversichtlich.

Erstellt: 13.09.2014, 07:35 Uhr

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