Das Überding landete

Samstagnacht traten Kraftwerk am Zürich Openair auf. Die deutsche Band inszenierte ihr monolithisches Roboter-Set, den Zuschauern derweil blieb das ehrfürchtige Staunen.

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«Ist da schon dunkel, oder was?», fragte Ralf Hütter einmal gegen Ende des Konzerts und blickte hoch in die ausgelöschten Scheinwerfer, die über ihm in imposanter Zahl und zu verschiedensten Show-Zwecken angebracht worden waren. Hütter, Kraftwerks unbestrittener Spiritus rector, sagte den Satz beiläufig und ohne Betonung, und doch blieb er in Erinnerung: als einzige spontane Regung während eines knapp zweistündigen, minutiös durchgeplanten Sets. 3D-Brillen wurden vorgängig im Publikum verteilt; Musik und Video korrelierten taktgenau.

In den 1970er-Jahren revolutionierten Kraftwerk den Pop. Nicht einmal der Hip-Hop blieb von ihrem aseptischen Synthie-Sound unbeeinflusst (Afrika Bambaataa coverte für seine legendäre Scheibe «Planet Rock» den Song «Trans Europa Express»). Die Ansicht, dass die Periode von «Autobahn» (1974) bis «Die Mensch-Maschine» (1978) ihre künstlerische Blütezeit gewesen sei, scheint die Band mit Fans und Experten zu teilen. Die Band startete das Zürcher Konzert kurz vor Mitternacht gleich mit den drei ersten Songs von «Mensch-Maschine», nämlich «Roboter», «Spacelab» und «Metropolis». Der einzige Klassiker von damals, auf den die Düsseldorfer verzichteten, war «Das Model».

Wie kaum eine andere Band aktualisiert Kraftwerk alte Songs, ihre Hits durchliefen mehrere technische und musikalische Updates. Es ist sehr erstaunlich, wie die mittlerweile teils ergrauten, teils kahl, teils füllig gewordenen Kraftwerker dem Techno-Boom der 90er begegneten; ihre umsichtigen Adaptationen verhinderten, dass sie als Väter der Revolution von ihren eigenen Kindern in Grund und Boden geravt wurden. «Spacelab» etwa pumpte gestern dermassen, da lief das eine oder andere überraschte Lächeln über die Teenie-Gesichter. Und auch «Radioaktivität» brauchte den Vergleich selbst mit den pfundigsten Gassenhauern der Chemical Brothers nicht zu scheuen. Wobei jener Song in seiner definitiven Umpolung vom Radio- zum Anti-Atomstrom-Song auch etwas Problematisches an sich hatte; die eingestreute Parole «Stoppe Radioaktivität!» wirkte bemüht und angesichts der Technologie-Obsession der Band wenig glaubwürdig. Auch war das Wechselspiel zwischen Beat und Radioaktivitäts-Zeichen definitiv zu catchy, als dass es das Publikum zum Nach- oder gar Umdenken hätte bewegen können.

Gelungener war da die Inszenierung der neueren Songs, die zwischen den populären Songs platziert wurden. «Vitamin» etwa, ein wenig bekanntes Stück vom letzten Album «Tour de France Soundtracks» (2003), überzeugte mit nonchalantem Sound und einer witzigen Visualisierung. Dank den Klassikern, einzelnen Überraschungen wie «Vitamin» und den kongenialen 3D-Animationen lohnte sich der Besuch also über den musikhistorischen Erinnerungswert («Einmal Kraftwerk sehen!») hinaus.

Dass einige eine Zugabe einforderten, nachdem Hütter sich letztmals verbeugt hatte und backstage gegangen war – das war selbstverständlich vergeblich. Denn Kraftwerk ist wohl die unspontanste Band der Welt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.08.2012, 07:14 Uhr

Ein Ausschnitt aus dem Zürcher Gig.

Clip

«Trans Europa Express» (1977)

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