Das Universitätsquartier will so bleiben, wie es ist

Wenn ein grosser Wurf auf Kleingeist trifft: Bei den Anwohnern kommen die Pläne für ein neues Hochschulquartier gar nicht gut an.

Aufstrebende Neubauten: So soll der nördliche Teil des Hochschulquartiers in 30?Jahren aussehen. Visualisierung: PD

Aufstrebende Neubauten: So soll der nördliche Teil des Hochschulquartiers in 30?Jahren aussehen. Visualisierung: PD

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Zürich – Grossandrang für ein Grossprojekt: Mindestens 200 Menschen – die meisten von ihnen Bewohner von Hottingen, Fluntern oder Oberstrass – wollten gestern Abend an der Universität mitreden, wie sich das Hochschulgebiet bis 2040 verändern soll.

So viele Zuhörer locken sonst nur Spitzenfächer an. Doch dann ist das Hörsaal-Publikum mindestens doppelt so jung und halb so aufmüpfig. Den Zuhörern passte gestern rein gar nichts von dem, was die Referenten vortrugen.

Streitgrund bildet die Planung für ein neues Hochschulquartier, die Kanton, Stadt, Universität und ETH letzten Herbst vorstellten. Es ist ein Stadterneuerungsprojekt von einem Ausmass, wie es in Zürich selten vorkommt. Für 6 Milliarden Franken soll die Nutzungsfläche von Universität, ETH und Unispital um 40 Prozent vergrössert werden. Zahlreiche neue Gebäude würden entstehen, eine neue Strasse, neue Pärke und Plätze. Mehrere denkmalgeschützte Gebäude müssten Neubauten weichen. Momentan befinden sich die Pläne im Kantonsrat. Konkrete Architekturprojekte stehen noch nicht.

Erst durften die Verantwortlichen ihre Arbeit anpreisen: Vor über 100 Jahren seien Zürich mit den «Kronenbauten» von Uni und ETH zwei grosse Würfe gelungen, sagte Baudirektor Markus Kägi (SVP). Nun sei es erneut Zeit, einen grossen Wurf zu wagen. Davon profitierten nicht nur ETH, Uni und Spital, deren Entwicklung und Zusammenarbeit erleichtert würden. Dem Quartier garantiere der Masterplan (Aussprache Kägi: «Maschterplan») bessere Freiräume und eine bessere Erschliessung.

Stadtrat André Odermatt (SP) sagte, dass eine solche Ballung von Wissen und Forschung an zentralster Stadtlage weltweit beinahe einzigartig sei. Der Campus sei von Beginn weg «mit dem Quartier» gedacht und nicht als abgeschottetes Gebilde geplant worden. Die Verdichtung werde deshalb mehr Lebendigkeit und mehr Urbanität bringen. Im Quartier solle sich ein vielseitiges öffentliches Leben entwickeln, das abends nicht mit dem Vorlesungsschluss endet.

Zu laut, zu hoch, zu dreckig

Der grosse Wurf traf bei den Anwesenden ausschliesslich auf Skepsis. Niemand wollte einstimmen ins magistrale Schwärmen, fast alle Aspekte wurden kritisiert: Das «inhumane» Projekt brauche zu viel Platz, nehme keine Rücksicht auf das Quartier. Die geplanten Gebäude versperrten den Anwohnern die Sicht, überragten viele bestehende Häuser. Die Politik könne nicht nachweisen, dass es einen solchen Ausbau mitten im Stadtzentrum brauche. Durch die Bauarbeiten entstünden jahrzehntelang viel Lärm und viel Dreck. Und die Verkehrs­erschliessung könne aufgrund der Menschenmassen nicht funktionieren.

Misstrauen herrscht auch gegenüber der «Wohnraum-Rückführung». Der Kanton verspricht, Dutzende Wohnhäuser, die derzeit von der Universität besetzt werden, freizugeben, um sie wieder zum Wohnen zu nutzen. Daran glauben die wenigsten. Ähnliches sei schon beim Bau der Uni Irchel versprochen worden. Geändert habe sich nichts.

Markus Kägi und André Odermatt versprachen, sinnvolle Bedenken der Anwohner zu berücksichtigen. Man werde die Baustellen so organisieren, dass sie möglichst wenig störten. Die Erschliessung lasse sich mit dem öffentlichen Verkehr bewältigen, der Hauptbahnhof liege ja nicht weit. Die räumliche Nähe von Uni, ETH und Spital fördere Innovationen, viele Städte beneideten Zürich um diesen «Trumpf».

Weil solche Argumente wenig bewirkten, wurde Markus Kägi grundsätzlich: «Wir wollen kein Ballenberg hier. Fortschritt ist immer mit Lärm verbunden. Und auch das Haus, in dem Sie wohnen, musste einmal gebaut werden.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.06.2015, 22:48 Uhr

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