Das Vorbild heisst Köln

Mit repressiven Massnahmen wird man den Auswüchsen des Strassenstrichs nicht Herr. Die Kölner erkannten: Strassenprostituierte brauchen Schutz und einen Platz an Stadtrand.

Unerträglich für die Anwohner: Strassenstrich am Zürcher Sihlquai.

Unerträglich für die Anwohner: Strassenstrich am Zürcher Sihlquai. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Situation beim Sihlquai ist ausser Kontrolle. Anwohner klagen über kopulierende Freier an allen möglichen Orten und beschweren sich über Exkremente vor Hauseingängen. Mit den kürzlich montierten WC-Kabinen hat die Stadtpolizei etwas gegen die Fäkalienplage unternommen – damit aber nur einen Teil des Problems gelöst. Die bis zu 80 Prostituierten, die an dieser wichtigen Einfallstrasse und in unmittelbarer Nähe von Schulen und Wohnungen aggressiv um Freier werben, sind für das Quartier untragbar.

Neuer Strichplan ist notwendig

Der aus dem Jahr 1993 stammende Strichplan ist längst überholt und muss deshalb neu definiert werden. Während sich Politiker und Milieu damals um Standplätze in der City und an der Langstrasse stritten, sieht sich die Polizei heute mit ganz anderen Problemen konfrontiert: Es ist die grosse und stetig wachsende Zahl der Prostituierten, die seit Frühling 2006 vor allem aus Osteuropa nach Zürich und an das Sihlquai strömt. Damals trat die Personenfreizügigkeit mit acht neuen EU-Ländern in Kraft, darunter mit Ungarn. 2009 kamen Bulgarien und Rumänien dazu.

Wollen die Prostituierten arbeiten, müssen sie lediglich beim Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) 25 Franken bezahlen und ihren Pass vorlegen, um eine Meldebestätigung zu erhalten. In einem Kalenderjahr dürfen sie während 90 Tagen anschaffen.

Die Stadt will mit dem Projekt «Rotlicht» bis Ende Jahr konkrete Lösungen präsentieren. Es ist zu hoffen, dass sie sich dabei an Vorbildern orientiert, die mit ähnlichen Schwierigkeiten konfrontiert waren und sie erfolgreich bewältigten. Köln ist eine solche Stadt. Mit einer Million Einwohnern ist sie zwar bedeutend grösser als Zürich. Doch auch Köln kämpfte gegen die Auswüchse des Strassenstrichs in einem Wohnquartier.

Auch für Prostituierte sicherer

Mit der Verlegung des Strichs an einen Ort an der Peripherie und dem Aufstellen von sogenannten Verrichtungsboxen haben die Verantwortlichen dort den richtigen Weg eingeschlagen. Für die Prostituierten ist das Arbeiten wesentlich sicherer geworden. Sie müssen nicht mehr mit den Freiern in Hinterhöfe oder an Waldränder fahren, wo sie ihnen bei einem allfälligen Übergriff praktisch schutzlos ausgeliefert wären. In den Boxen kann die Prostituierte aus dem Wagen aussteigen und in einer Notsituation den Alarmknopf drücken. Die Türe des Fahrers ist wegen einer Mauer blockiert.

Andere deutsche Städte haben das Konzept übernommen. In Essen ist seit der Einführung vor zwei Jahren zweimal Alarm ausgelöst worden. In beiden Fällen konnte der Täter festgenommen werden. Anfängliche Bedenken, dass die Freier wegen der Massnahmen ausbleiben würden, haben sich nicht bewahrheitet.

Bewährter Pragmatismus

Vor allem auf repressive Massnahmen zu setzen, führt zu keinem Erfolg. Der Stadtrat hat das bereits 2004 erkannt: Bedeutsamer sei, die Prostitution quartierverträglich zu gestalten, schrieb er als Antwort auf eine Interpellation.

Deshalb sollte sich der Zürcher Stadtrat daran erinnern, dass er bereits früher mit Pragmatismus aus scheinbar ausweglosen Situationen herausfand, beispielsweise bei der offenen Drogenszene. Dem neuen Polizeivorsteher Daniel Leupi (Grüne) dürfte es leichter fallen, neue Wege zu beschreiten. Er hat bereits bewiesen, dass er für neue Lösungen offen ist.

Erstellt: 16.08.2010, 14:17 Uhr

Artikel zum Thema

Toiletten am Sihlquai zeigen Wirkung

Die am letzten Mittwoch aufgestellten WC-Häuschen am Stassenstrich zeigen die erhoffte Wirkung. Die Prostituierten verrichten ihre Notdurft nicht mehr an der Strasse oder zwischen den Wohnhäusern. Mehr...

Stadt stellt Prostituierten WC-Häuschen zur Verfügung

Kothaufen und Uringestank gehören für die Anwohner am Sihlquai zu den unangenehmsten Nebenerscheinungen der Strassenprostitution. Jetzt ergreift die Stadt eine Sofortmassnahme. Mehr...

Stadt erwägt Aufhebung des Strassenstrichs

Neue WC-Anlagen sollen die Situation am Sihlquai entspannen. Doch die Pläne der Stadt gehen viel weiter als diese Notmassnahmen. Mehr...

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Die Kunst des Überlebens: In der Royal Academy of Arts in London schwimmen 50 Ohrenquallen als Teil einer Kunstinstallation in ihrem Aquarium. Die Meerestiere sind einige der wenigen, die vom Klimawandel profitieren. (20. November 2019)
(Bild: Hollie Adams/Getty Images) Mehr...