Das Wasser des Zürichsees reinigt Leib und Seele

Nichts für Warmduscher: Die russisch-orthodoxen Kirchen haben am Zürichhorn die Grosse Wasserweihe gefeiert. Ein Einblick in das spirituelle Ritual.

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Nach der Grossen Wasserweihe gibt es am Zürichhorn Rosafarbene und Blaulippige. Die etwa 250 Blaulippigen sind die Warmduscher. Sie haben zwar eineinhalb Stunden für die Liturgie der beiden russisch-orthodoxen Kirchgemeinden Zürichs am eisig kalten Seeufer ausgeharrt, doch kneifen sie am Schluss: Rund 50 Gläubige steigen über eine Holzleiter ins sechs Grad kalte Wasser, bekreuzigen sich und tauchen dreimal unter. Dann steigen sie an Land, und der Kreislauf arbeitet auf Hochtouren.

Gestern Nachmittag haben die russisch-orthodoxen Kirchen am Zürichhorn die Grosse Wasserweihe gefeiert: Vor dem Bad im See gab es einen Gottesdienst am See. Zwei Prozessionsfahnen flankieren einen kleinen Altar, auf dem ein grosser goldener Kelch steht. Die Kerzen erlöschen immer wieder, obwohl der Wind nur sachte weht, der Weihrauch schwebt kurz an Ort und wird dann auf den See hinausgetragen.

Als ob der See nervös würde

Die drei bärtigen Priester tragen violette Hüte und stehen in festlichem Ornat auf dem Steg. Neben ihnen ein kleiner Chor, der im Wechsel mit den Gebeten singt. Vater Peter Sturm von der Auferstehungskirche ruft: «Dass dieses Wasser ein Wasser werde, das aufsprudelt in das ewige Leben, lasst uns den Herrn bitten.» Der Chor antwortet, die Gläubigen bekreuzigen sich. «Dass es zur Reinigung der Seelen und Leiber werde für alle, die gläubig daran teilhaben, lasst uns den Herrn bitten ...»

Kaum hat die Wasserweihe begonnen, nimmt der Wellenschlag zu. Als ob der See nervös würde. Das Wasser schwappt über die Steine am Ufer, wer zuvorderst steht, bekommt nasse Schuhe. Einige schauen verdutzt auf die leere graue Fläche hinaus, bis ein dumpfer Hornstoss die Erklärung ankündigt. Bisher vom Steg versteckt, nähert sich ein Kursschiff. Auf der Pfannenstiel drängen sich die Fahrgäste ans Fenster und schauen erstaunt auf das seltsame Bild, das sich ihnen am Ufer zeigt.

Der Zürichsee als Jordan

Die Grosse Wasserweihe ist ein hohes Fest im Kirchenjahr der orthodoxen Kirche. Sie symbolisiert die Taufe Jesu im Jordan und gehört zu den drei Erscheinungen (Epiphanie) Gottes als Mensch, die in der westlichen christlichen Kirche am 6. Januar gefeiert werden. Dazu gehören: die Geburt, die Taufe Christi im Jordan und die Hochzeit zu Kanaan, wo Christus Wasser in Wein verwandelte und damit sein erstes Wunder wirkte. In unserer Tradition wird am 6. Januar vor allem der Anbetung durch die drei Könige gedacht, wobei genau genommen auch die Taufe und die Hochzeit zu Kanaan mitgefeiert werden. Die Ostkirche konzentriert sich an diesem Kirchenfest auf die Taufe. Und da die russisch-orthodoxe Kirche den julianischen Kalender verwendet, der 13 Tage hinter dem gregorianischen hergeht, wird erst am 19. Januar gefeiert.

Bereits am Samstagabend um 17 Uhr haben sich die Gläubigen zur Nachtwache versammelt, und am Sonntagmorgen fand erst ein Gottesdienst in den Kirchen statt. Der Höhepunkt aber ist die eigentliche Wasserweihe am See. Rund eine halbe Stunde dauert der Wechselgesang. Dann treten die Priester nacheinander vor, tauchen ein an einer Schnur befestigtes Kreuz in das Wasser im Kelch, dann werfen sie es dreimal mit grossen Bewegungen in den Zürichsee. «Das Zürichseewasser ist nun geheiligt», verkündet ein Priester. «Und durch das Wasser die ganze Schöpfung.»

«Machen wir heute ein Fondue zum Znacht?»

Eine Frau watet ins Wasser, um PET-Fläschchen mit Seewasser zu füllen. Eine andere zieht ihre Daunenjacke aus, um sich für das Bad bereit zu machen. Bevor sie geht, fragt sie ihren Begleiter: «Machen wir heute ein Fondue zum Znacht?» Die Auferstehungskirche wurde 1936 in Zürich gegründet und untersteht dem Moskauer Patriarchat. In den 80er-90er-Jahren hatte sie nur wenige Mitglieder, es wurde nur sporadisch Gottesdienst gehalten. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion aber hat sie mehr Zulauf. 2002 baute sie sich an der Narzissenstrasse in Oberstrass eine Kirche. Sie hat rund 300 Mitglieder. Daneben gibt es in Zürich die russisch-orthodoxe Kirchgemeinde Hl. Pokrov, die zum Verband der Russischen Kirche im Ausland gehört.

Erstellt: 20.01.2014, 06:10 Uhr

Die Wasserweihe im Zürichsee.

Orthodoxes Bad.

Eiskaltes Ritual.

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