Das Wunder von St. Gallen

St. Gallen hat gerade, was dem Zürcher Fussball fehlt: das Extra-Ding, den Zauber.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Ich hasse St. Gallen.» Meine Söhne reden gerade darüber, wer dieses Jahr Fussballmeister wird, Bern, Basel oder St. Gallen? Und mit welcher Mannschaft sie leben könnten. «Wir haben mehr Fans als St. Gallen», sagt einer der Buben trotzig. «Du hast keine Ahnung», sagt der andere, «die haben über 10'000. Wenns gut läuft, noch mehr.» Bitter fügt er an: «Bei uns kommen immer weniger ins Stadion.»

Die Geschichte des FC St. Gallen kann man in jeder Tischrunde erzählen, selbst wenn kein Mensch sich für Fussball interessiert. Es ist die Geschichte eines Wunders. Der Club hat wenig Geld, viel weniger als Bern oder Basel. Einiges weniger auch als der FC Zürich. Es sind junge, meist namenlose Spieler. Aber im Fussball bedeutet Geld nicht alles. Nicht immer. Im Fussball zählen manchmal Intuition, Mut und Sachverstand. Und es geht manchmal um die Seele. Man muss im Hoch sein, um über eine längere Zeit gut spielen zu können. Sonst arbeitet man, rackert, kämpft, aber das Extra-Ding, der Zauber, der eine Mannschaft fast unverwundbar macht, der Schub, der sie über das Limit hinausträgt – das ist ein Geschenk, rätselhaft.

Im Fussball bedeutet Geld nicht alles. Nicht immer. Manchmal geht es um die Seele.

Anfang der Neunzigerjahre gab es eine Bar an der Brauerstrasse, das Escalet. Die Fussballer von GC hätten dort Karten gespielt, hat mir ein Kameramann erzählt, es war die grosse Mannschaft mit Murat Yakin, Alain Sutter, Ciri Sforza, Thomas Bickel, ein talentierter Haufen, der wenig zustande brachte. Alain Sutter ist heute Sportchef in St. Gallen und vollbringt dort Wunderdinge. Und Thomas Bickel ist Sportchef beim FC Zürich.

Ich sah ihn diesen Sommer an einem Trainingsspiel in der Provinz. Er war mit uns im Zug gewesen, schweigsam, melancholisch; hinter sich zog er einen Rollkoffer, als wir im Pulk auf dem Weg zum Sportplatz durch die Vorgärten stapften. Es war ein seltsamer Nachmittag, es stürmte, dann schien die Sonne. Am Spielfeldrand der ganze Stab des FC Zürich, zum Greifen nahe, das Präsidentenpaar samt Hund. Auf dem Platz standen die neuen Einkäufe, von denen man sich Wunderdinge erzählt hatte, vom Transfer des Jahres war die Rede. Ludovic Magnin, der Trainer, machte ein mürrisches Gesicht. Vielleicht sah er schon damals, was alle sahen: Dass die neuen Spieler nichts taugten. Ja, einer vielleicht war ein Versprechen, mit etwas Geduld würde er aufblühen.

Aber kein junger Wilder war dabei, keine Perle. Und vom Platz wehte keine Magie zu uns am Spielfeldrand, wir spürten kein Feuer, dabei waren wir ganz nahe. Ich hasse St. Gallen.


Miklós Gimes lebt in Zürich, ist Autor und Regisseur. Für den «Tages-Anzeiger» schreibt er jede Woche die Stadtgeschichte.

Erstellt: 10.02.2020, 07:00 Uhr

Artikel zum Thema

Das Leben in der Warteschlange

Kolumne Anstehen sollte man geniessen. Es schenkt uns Zeit, sinnlose, reine Zeit. Mehr...

Artikel zum Thema

In Zürich wird schnell ausgemustert

Kolumne In Wien ist vieles alt. In Zürich fast alles neu. Das macht die Stadt nicht unbedingt schöner. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Blogs

Mamablog Lust auf ein Sexdate, Schatz?

Sweet Home Lernen Sie besser wohnen

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Aufwändige Feier: Farbenfroh ist der Karneval in Macedo de Cavaleiros, Portugal. (25. Februar 2020)
(Bild: Octavio Passos/Getty Images) Mehr...