Das Zahnrad neu erfunden

Der Schwamendinger Max Maag hat die Zahnradtechnik einen grossen Schritt weitergebracht. Bei der Suche nach einem Fehler kam ihm ein genialer Gedanke.

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Viel Ehre für einen Studienabbrecher. Im Oktober 1955 verlieh die ETH Zürich ihrem ehemaligen Studenten Max Maag den Ehrendoktortitel. So würdigte sie die «schöpferischen Leistungen auf dem Gebiet der Verzahnung und der Her­stellung hochwertiger Zahnräder», wie der Rektor der Hochschule in seiner Laudatio sagte. Die «Schweizer Illustrierte» sah darin eine «besonders sympathische» Geste der ETH, «galt sie doch einem Mann, dessen Ideen eine blühende Industrie begründeten, der aber selber nur in geringem Masse von seinen Erfindungen profitierte». Dieser Satz fasst das Leben des Max Maag ziemlich treffend zusammen: Der Mann hat viel erreicht, daran verdient haben, wenn überhaupt, andere.


Max Maag, 1883–1960

Am 16. Februar 1960 stirbt Max Maag 77-jährig in Schwamendingen. Im kurzen Nachruf auf den «international bekannten Konstrukteur» schrieb die NZZ: «Nur wenig deutete in dieser letzten Stunde auf den Glanz der Leistung und der Persönlichkeit des Verstorbenen hin.» Mehr noch: «Hätte nicht Freiherr Hubert von Thüngen (. . .) ausdrücklich darauf hingewiesen, dass dieser Lebensweg durch Stationen der Geschichte der modernen Technik geführt hat, dann würde man wahrscheinlich kaum etwas davon gemerkt haben, dass (. . .) die letzten Abschiedsworte dieser Trauerfeier einem wirklich Prominenten galten.»

Ein Fehler weckt Interesse

Wäre es nach seinem Vater gegangen, dem Dorflehrer von Schwamendingen, wäre Max Journalist oder Pfarrer geworden. Doch der entschied sich nach der Matura für das Polytechnikum (heute ETH). In den vier Semestern an der Abteilung Maschinenbau fiel Max Maag vor allem durch häufiges Fehlen auf. Schliesslich liess er das Studieren sein, es war ihm allzu theoretisch, und trat eine Lehre als Mechaniker an.

Nach dem Abschluss erhielt er 1905 eine Stelle als Konstrukteur in ­einer Maschinenfabrik in Seebach. Fortan nannte er sich Ingenieur. ­Aufgrund eines Missgeschicks – in einer Maschine war ein fehlerhaftes Zahnrad mit 63 statt 64 Zähnen eingebaut – begann sich Maag intensiv mit dem Zahnrad zu befassen. Er schrieb in der Folge seitenlange Abhandlungen und dokumentierte seine Überlegungen in zahllosen Figuren.

Der Weg in die Selbstständigkeit führte über einen Prozess: Es ging um Entwicklungen, die Maag laut eigenen Angaben in seiner Freizeit gemacht hatte. Sein Arbeitgeber, die Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon (SWO), erhob dennoch Anspruch darauf. Sie klagte auf 20 000 Franken. Vor Gericht sagte der SWO-Vertreter, Maags Erfindungen sei-en «gar nichts Besonderes». Der Richter fragte nach: «Warum verlangen Sie denn eine so hohe Entschädigung?» Schliesslich musste Maag 1000 Franken bezahlen und die Abhandlung über seine Theorien der SWO abgeben. Die technischen Zeichnungen hatte Maag herausgeschnitten – und klebte sie erst auf Geheiss des Richters wieder ein.

Die vollkommene Verzahnung

Es war die grundlegende Arbeit zur «Maag-Verzahnung», die er später im ­eigenen Büro an der Rämistrasse und in seiner Werkstatt in Horgen perfektionierte. 1912 meldete Max Maag in der Schweiz sein erstes Patent an: «Verfahren zur Erzeugung von Evolventen-­Verzahnungen beliebiger Teilung und Eingriffswinkel». In Werbeschreiben versprach er nichts weniger als «die längst gesuchte und wirklich vollkommene Verzahnung»; die Textpassage war unterstrichen. Die Vorzüge der Maag-Verzahnung, deren sichtbarer Unterschied breitere und rundere Zähne waren, bewarb er so: unerreichte Genauigkeit der Profile; kräftigste Zähne für alle Zähnezahlen bis herunter auf 5; vollständige Freiheit in der Wahl der Teilung; höchster Wirkungsrad; geringste Abnutzung. Seine Zähne rollten mehr aneinander ab, als dass sie aneinander rieben. Anzeigen in den USA warben später mit dem Slogan: «Strongest at the base where strength is needed» (Am stärksten am Fuss, wo Stärke benötigt wird).

1913 zog Maag in die Räume der Automobilfabrik Saphir an der Hardstrasse. Mit dem Umzug auf das heutige Maag-Areal gründete er 30-jährig die Maag Zahnräderfabrik. Er baute die Produktion stetig aus, 1916 kam mit Winterthur ein zweiter Standort hinzu. Die Belegschaft vervielfachte sich: von 9 Arbeitern, 13 Angestellten und 2 Lehrlingen im Jahr 1913 auf mehr als 300 im Jahr 1921.

«Manchmal Luft gehobelt»

In Nacht- und Sonntagsarbeit widmete sich Max Maag gemeinsam mit seinen engsten Mitarbeitern der Konstruktion von neuen Werkzeugmaschinen. So konstruierte er die Maag-Hobelmaschine für Zahnräder mit bis zu zwei Meter Durchmesser. Allzu einträglich war das Geschäft nicht – die Kapitalgeber schossen immer wieder zusätzliches Geld ein. Bei Besuchen der Investoren galt die Order, sämtliche Maschinen bei voller Leistung laufen zu lassen. Selbst während des Kriegs, als es weder Aufträge noch ausreichend Rohstoffe gab, soll das so gewesen sein; «in den Maag-Hallen wurde manchmal Luft gehobelt».

Maag und seine Geschäftspartner gründeten zahlreiche Firmen, um die Patente möglichst international zu verwerten. Sie handelten Lizenzverträge aus mit der tschechischen Skoda, mit der Zahnradfabrik Friedrichshafen (einem Konzern, der eng mit den Zeppelinwerken verflochten war), mit Thyssen in Deutschland, mit dem französischen Rüstungsgüter- und Nutzfahrzeughersteller Somua oder dem Anwaltsbüro Otto in New York. Die Verträge waren immer an den Kauf von Hobel- und Schleifmaschinen geknüpft. Patentanwalt Otto sollte die Geschäfte in den USA vorantreiben; Maag sah grosses Potenzial im US-Markt. So wurden Prototypen der Hobel- und Schleifmaschinen in die USA verschifft. Dort kamen sie jedoch nie an: Die Transportschiffe wurden in den Wirren des Ersten Weltkriegs auf ihrer Überfahrt torpediert und versenkt.

Die Autofabrik reklamierte

Max Maag trieb die Entwicklung seiner Zahnräder und Maschinen stetig voran. Meist aus eigenem Antrieb, manchmal, weil es der Markt verlangte. Die Automobilfabrik Minerva in Brüssel etwa beklagte 1913 die ungenügende Präzision der Maag-Zahnräder, die sich beim Härten minimal verzogen. Die Zahnräder, verlangte der Autobauer, müssten nachgeschliffen geliefert werden. Maag hielt die Kritik zuerst für einen schlechten Scherz. Die Rückfahrt im Nachtzug nutzte er jedoch, um das Problem a) zu studieren und b) gleich zu lösen. «Als der Nachtschnellzug in Basel ankam, war meine Schleifmaschine im Kopf und auf einigen Skizzenblättern fix und fertig», erzählte er später.

Geschliffen wurden die Zähne mit zwei tellerförmigen Schleifscheiben, die selber einer gewissen Abnützung unterworfen waren. Wie justiert man diese automatisch nach?, war die Frage, die Maag umtrieb. Bis zu jenem Sonntagsspaziergang am Zürichberg, als er zum Luftsprung ansetzte und freudig «Ich has!» ausrief. Mithilfe von Diamanten mass die Schleifmaschine den Verschleiss automatisch und setzte einen Nachstellapparat in Bewegung – eine komplexe Konstruktion. Am 17. Juli 1915 liess Max Maag die Idee patentieren. Es ist eines von mehr als zwanzig Patenten, die auf seinen Namen lauteten. Die meisten davon kamen später hinzu, als sich Maag intensiv dem Orgelbau widmete.

Ein Ventil für die Kirche

Max Maag und seine Geschäftspartner meisterten zahlreiche Krisen. Da war der Erste Weltkrieg, da war die Wirtschaftskrise der frühen 20er-Jahre. 1925 entschieden die Hauptaktionäre, das gesamte Maag-Geschäft zu verkaufen. 1927 stieg Max Maag erst 44-jährig aus. Die Vorstellung, «Knecht zu sein, wo ich vorher Meister war», war ihm ein Gräuel. Unter dem Namen Maag werden bis heute Getriebe und Pumpen gefertigt.

In der Folge tüftelte Maag erfolgreich weiter. Er erfand eine neuartige Schleifmaschine und produzierte im Seefeld Rasierklingen. Er konstruierte das Innenmessgerät Micro-Maag. Und er widmete sich dem Orgelbau. All das tat er, von einem technischen Standpunkt aus gesehen, erfolgreich. Finanziell zahlten sich seine Erfindungen weniger aus.

Vor allem die Orgel faszinierte ihn: Er entwickelte ein elektropneumatisches Ventil, das es dem Organisten erlaubte, die Pfeifen sanft anklingen zu lassen. 1935 erstellte er gemeinsam mit einem Orgelbauer die erste Maag-Orgel. Der damalige Neumünster-Organist schloss sich vier Stunden lang in der Kirche Oerlikon ein. Als er heraustrat, sagte er zu Maag: «Sie haben da etwas ganz Ausgezeichnetes gemacht.» Wieder ein Erfolg, der sich für Maag nicht auszahlte: «Die Experten machten mir das Leben so sauer, dass ich aus finanziellen Gründen den Orgelbau aufgeben musste», sagte Maag später.

Ein Zahnrad als Grabstein

In seinen letzten Jahren lernte Maag noch Romanisch, weil es ihn während der Ferien im Bündnerland fuxte, dass er trotz Italienisch, Französisch und Spanisch nichts von dem verstand, was in der Lokalzeitung stand. Er befasste sich weiterhin mit Orgeln und entwickelte sein Orgelventil weiter.

Sein Grabstein auf dem Friedhof Schwamendingen erinnert an seine grösste Errungenschaft: Er hat die Form eines Zahnrades.

Quellen: «Panorama», Maag-Firmen­zeitschrift; Historisches Lexikon der Schweiz; «75 Jahre Maag Holding AG», Jubiläumsschrift; Neue Deutsche ­Biographie (deutsche-biographie.de) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.12.2014, 22:13 Uhr

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