Das Zürcher Badi-Abc

Was im Wasser und auf der Wiese angesagt ist: Erfrischende Zahlen und Fakten zur Zürcher Badekultur.

Ins Wasser, aber richtig!  In der Stadt Zürich gibt es 18 Sommerbäder und 12 offizielle Planschbecken.

Ins Wasser, aber richtig! In der Stadt Zürich gibt es 18 Sommerbäder und 12 offizielle Planschbecken. Bild: Ennio Leanza/Keystone

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AApéro, der: Unverblümt ausgedrückt, bedeutet das ja lediglich Alkohol trinken. Bier, Panaché, Weisswein oder, besonders verbreitet und poetischer: Rosé. Wegen des Klangs, der sich mit dem italienischen Rosato oder dem spanischen Rosado vervielfältigen lässt. Wegen der Farbe, die bei Sonnenuntergang im besten Licht erscheint. Überhaupt wegen der Melancholie, die sich im vergehenden Rot, im vergehenden Licht und im seufzenden Namen spiegelt.


ÄÄntlich! (Ausruf): Die Zürcher Badekultur reicht weit zurück: An der Thermengasse sind die Überreste eines Bades zu besichtigen, das die Römer ungefähr im Jahre 70 bauten. Die Hygiene der Stadt wurde Anfang des 19. Jahrhunderts zum wichtigen Thema. Die Stadt begann, Badehäuser zu bauen. Äntlich war baden nicht mehr nur den Reichen vorbehalten. Bis 1900 wurden 20 Badehäuser errichtet.


BBeton, der: Die superurbane Version der Liegewiese ist die Betonbadi am ­Letten. Verdammt hart, aber auch verdammt cool. -> L


C Chinawiese, die: Auch wenn der Chinagarten zurzeit bröckelt und die Ziegeldächer saniert werden müssen, ist die Wiese ungebrochen der Treffpunkt des Volks. Alle Schichten schichten sich dort neben- und übereinander. Der Gang in den See ist weit weniger schwierig als in die Limmat, die Wiese eignet sich zum Schlafen, Picknicken, für Yogaübungen und Ballspiele. Sogar Justin Bieber hat dort Fussball gespielt.
-> D, T


DDichtestress, der: Wer für die Zukunft üben will, suche sich samstagnachmittags um 14 Uhr einen Platz am Oberen Letten. Oder auch nur ein Plätzli. -> T, Y


EEntenfloh, der: Je wärmer das Wasser, desto wohler fühlt sich der Entenfloh darin. Darum empfiehlt sich nach dem Bad eine Dusche. Verwechselt der Entenfloh den Badenden mit einer Ente, dann äussert sich das später in einem elenden Juckreiz. Es sei denn, man habe den Parasiten abgeduscht.
-> V


FFlüssli, die: Schanzengraben und Sihl sind auch noch da. Die Sihl gilt jedoch nicht als Badefluss. Das Männerbad im Schanzengraben ist das älteste Bad in der Stadt Zürich. Es stammt aus dem Jahr 1864. Wenns dunkel wird, haben auch Frauen Zutritt: Dann wird das ­Männerbad zur Rimini-Bar.
-> A


GGelbe T-Shirts, die: Sie gehören zum Sommer wie Raketenglace und Sonnenbrand. Wie viele solcher T-Shirts braucht es wohl, um alle Bademeisterinnen und Bademeister, all die rund 90 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Badis ­auszurüsten? Der Bademeister ist – wenn wir schon bei der Kleidung sind – die einzige Respektsperson, die kurze ­Hosen tragen kann.


HHeuried, das: Das Bad wird während drei Saisons und für mehr als 80 Millionen Franken komplett saniert. Wird neu: eine Wasserlandschaft für Kinder. Bleibt alt: eine der längsten Rutsch­bahnen der Stadt mit 132 Metern (länger als der höchste Sonnenschirm der Stadt hoch). Am 30. September, pünktlich zum Ablauf des Saisonabos, wird das neue Heuried mit einem grossen Fest wiedereröffnet. -> S


IIgitt! (Ausruf): Man schneidet keine Nägel im Freibad! Und man hobelt keine Hornhaut! Und hört auf zu knutschen! Überhaupt: Weniger Kleidung heisst nicht weniger Haltung, im Gegenteil!


JJa, was! (Ausruf): Ende des 19. Jahr­hunderts trieben in Zürich auf See und Limmat zehn Badeanstalten. Und nur zwei dieser ursprünglichen Badis sind übrig geblieben: das Seebad Utoquai und das Frauenbad auf der Limmat. -> Ä


KKatzensee, der: Wen es im Zürichsee oder am Letten fröstelt, dem sei ein ­Ausflug an den Katzensee empfohlen (Bus 61 bis Blumenfeldstrasse). Das Wasser dort sei, sagt der Zürcher Schwimmer, seichwarm. Es gibt den Oberen und den Unteren Katzensee, das Bad befindet sich am Unteren. -> N


LLattenrost, der: Die urbane Version der Liegewiese. Chli härter, aber auch chli cooler. -> B

Kleines Planschbecken im grossen Planschbecken: Das Flussbad Unterer Letten. Foto: Urs Jaudas


MMax Frisch, m.: Es wissen längst alle, dass der Schriftsteller dank gewonnenem Wettbewerb in Albisrieden das Freibad Letzigraben baute (Frisch war ja eigentlich Architekt). Ein Volksbad sollte entstehen, in der Nachkriegszeit. Frisch befand sich in einer existenziellen Krise. Dann die Rettung. Die NZZ schrieb: «Es scheint, als hätte die endlich begonnene Arbeit am Bad so etwas wie eine leise ­Zuversicht erwachen lassen, die Welt sei doch veränderbar. Wenn nicht durch Schreiben, dann vielleicht durch Bauen.» -> Ä, X


NNudisten, die: Es gibt sie am Katzensee und auf der Werdinsel. Auffallend: Die vielen älteren Männer, die aufrecht mitten auf der Wiese stehen. -> K, W


OObenohne, das: Frauen, die sich oben ohne sonnen, tun dies meistens nur im Frauenbereich. Die körperliche Freiheit kennt also klare Grenzen: die eines abgeschlossenen Raums. Befindet man sich aber erst einmal in jenem ­Bereich, verändert sich dieser zu einem mentalen Zustand – als wäre man wie Wonder Woman im entlegenen Inselparadies, wo unter all den Amazonen traute Schwesterlichkeit herrscht. Und Ruhe. -> N, V


ÖÖffnungszeiten, die: Welche Badi ist wie lange offen? Theoretisch? Und aktuell? Am besten, man konsultiert die ­Tagi-Badi-App, in der alle Infos zu 14 Stadt-Badis vereint sind. -> Z


PPicknickdecke, die: Neben dem Frotteetuch und dem Sarong die dritte populäre Liegeunterlage in der Badi. Was für Lieger und Picknickerinnen praktisch, ist für manche Bademeister ärgerlich: Viele Modelle sind plastifiziert. Im Strandbad Oberrieden sind die zum Schutz des Rasens verboten. Die Grashalme gingen kaputt, weil sie unter den Decken nicht atmen können. Die Hitze verstärke den Effekt noch. Es brauche bis zu zwei Wochen Pflege, bis der Rasen wieder schön sei. Deshalb macht der ­Bademeister hin und wieder eine Stichprobe auf seiner Runde.


QQuinoasalat, der: Nebst dem In-­Getränk für die Badi gibt es auch den In?Imbiss (kein Tippfehler). Obwohl die Nachfrage nach dem Getreide ähnlich schädlich ist wie jene nach der Avocado, ist der Trend ungebrochen. Quinoasalat gilt als In-Begriff (Tippfehler!) einer gesunden, sättigenden Mahlzeit. -> A, Y


RRechen, der: An ihm erlebt man die Kraft des Wassers am eigenen Leib. Man treibt entspannt den Fluss hinunter, vergisst alles um sich herum – bis man sich bewusst wird, dass man da jetzt dann wieder rausmuss, also jetzt dann, shit . . . Um wieder runterzukommen, geht man den Fluss wieder hoch und lässt sich zur Entspannung nochmals runtertreiben. Ein Teufelskreis.


SSilo, das: Der 118 Meter hohe Swissmill-Tower an der Limmat ist nach dem Triemli-Spital der gesündeste Neubau der Neuzeit. Nicht genug, dass er den ­Badenden am Oberen Letten in den ­Sommermonaten Schatten spendet, er motiviert sie zudem auch zur Bewegung. Denn der Schatten wandert und mit ihm das Volk. Der Psyche der Badenden ist er ebenfalls zuträglich: Mach es wie die Swissmill-Uhr . . . Sch — Schwimmhilfe, die: Sie machen die Badi erst richtig bunt, die Flügeli, Brättli, Babyfloater, Schwimmringe, Nudeln, Gummiboote, Schwimmwesten, die aufblasbaren Flugzeuge, Delfine, Rennautos, Gummisusis und Flamingos. ­Aktuell wird zudem der Auftrieb von Stand­-up-Brettern sehr geschätzt.


StStatistik, die: Jedes Jahr gehen schampar viele Menschen in die Badi, in der Tendenz jedes Jahr einige mehr. Das zeigen die Zahlen des Sportamts: 872 699 (2007), 1 061 024 (2008), 1 358 348 (2009), 1 284 320 (2010), 1 316 012 (2011), 1 420 025 (2012), 1 627 048 (2013), 1 099 414 (2014), 1 837 154 (2015), 1 615 954 (2016). 2015 wurde ein absoluter Rekord aufgestellt – obwohl das Freibad im Heuried wegen Umbaus geschlossen war. -> H


TTratsch, der: Es ist wie im Zug. Man kommt am Geschnatter und Getratsche nicht vorbei. Je enger man in der Badi zusammensitzt, desto mehr kriegt man mit. Zum Beispiel, dass einer acht Angestellte entlassen musste, weil die Firma nicht genügend Arbeit hatte. Oder dass ein Mann von einer Frau gerne Sex wollte, obwohl sie ihm von Anfang an klargemacht hatte, es sei eine rein platonische Freundschaft – das Ganze dauerte fünf Jahre. Too much Information? Eben. -> D


UUnsitte, die: Musik für alle. Auch wenn Sie einen ausgezeichneten Musikgeschmack haben: Es gibt einen Grund, weshalb Gott den Menschen Kopfhörer entwickeln liess.


ÜÜbermensch, der: Ja, es gibt ihn. Meist in Form eines perfekten, gleichmässig gebräunten und schönen halbnackten Körpers, der sich in der Badi links von einem herumtreibt – nicht nur im Oberen Letten. Was man dagegen machen kann? Zum Beispiel nach rechts schauen: Dort gibt es auch das eine oder andere Gegenbeispiel. -> O


VVerirren, das: Ohne böse Absicht ­tauchen gelegentlich Männer im Frauenbereich auf – aber auch Touristinnen ­finden sich ab und an plötzlich im Männerbereich wieder. In der Seebadi Utoquai liegt dies an der Beschriftung der abgetrennten Decks, die zu wenig auffalle, wie das «Tagblatt» kürzlich schrieb. Die Gäste wissen sich meist selbst zu ­helfen und weisen die Eindringlinge ­zurecht – die einen harsch, die anderen etwas weniger. -> O


WWerdinsel, die: Die Insel liegt zwischen der Limmat und einem künstlich angelegten Kanal in Höngg. Es gibt ­Treppen, die ins Wasser führen. Jeden August findet zudem das Werdinsel-Open-Air statt. -> N


XX-Verschiedenes, das: Neben den 18 Sommerbädern sind auf der Website der Stadt Zürich auch 12 Planschbecken aufgeführt. Da finden sich Perlen für die Kleinen: etwa das Becken im Artergut, das im Sihlhölzli oder jenes auf dem Schlössliareal. Bei Kindern (und Hunden) ebenfalls beliebt: das Wasserspiel auf dem Sechseläutenplatz.


YYklämmts, das: Traditionelle Badiverpflegung, heute oft Neudeutsch Sandwich genannt. Wird aber zusehends von modernem Gschmöis wie Smoothies oder Taboulé verdrängt. Wie ein ­Yklämmts fühlt sich aber auch mancher Badegast, wenn links und rechts die ­anderen immer näherrücken. -> Q


ZZu, das: Saisonende. «Zu» klingt so abrupt und definitiv, dass man meinen könnte, daran gebe es nichts zu rütteln. Ist aber nicht ganz richtig: Die Stadt ­Zürich kennt drei verschiedene Saisonenden – das «Zu» franst aus. Gewisse ­Badis schliessen bereits am 11. September, andere sechs Tage später, das Utoquai dann am 24. September. -> Ö

Quellen: Schul- und Sportdepartement Stadt Zürich, Sportamt, Statistik Stadt Zürich, Wikipedia, Stadtarchäologie.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.08.2017, 23:01 Uhr

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