Das Zürcher Casino kämpft mit Anlaufschwierigkeiten

Obwohl es das grösste A-Casino der Schweiz ist, hält sich die Begeisterung für das Zürcher Casino in Grenzen. Der Chef sieht aber Verbesserungspotenzial für den im November eröffneten Betrieb.

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Noch weht kein Hauch von Las Vegas durch Zürich. Obwohl das Casino mit 400 Automaten und 26 Spieltischen auf 3000 Quadratmetern das grösste A-Casino der Schweiz ist, nehmen es viele im Betonbau zwischen Sihl und Schanzengraben kaum wahr. Passanten sehen bloss die Schaufenster des Sportgeschäfts im Parterre, die wenig Glamour verströmen. Nur wer mit der Rolltreppe in den ersten Stock des früheren Ober-Kaufhauses fährt, sieht die blinkenden Automaten und die gepflegten Croupiers an den Spieltischen. Stadtgespräch ist aber bisher weniger, wer viel gezockt hat, sondern ob da überhaupt jemand zockt.

Inserate umwerben Männer und Frauen. «Gruppen ab vier Herren» erhalten an Männerabenden vier Eintritte, einen Krug Bier und Spieljetons im Wert von 40 Franken gratis. Für «Gruppen ab vier Ladies» gilt dasselbe Angebot mit einer Flasche Prosecco. Jeden Donnerstag ist zudem «Ladies’ Day»: Frauen bezahlen keinen Eintritt; dafür können sie bei einem Wettbewerb eine Louis-Vuitton-Tasche oder Tiffany-Schmuck gewinnen oder «tolle Preise» erwürfeln.

«Wenn ich in Zürich unterwegs bin, höre ich keine grosse Begeisterung fürs Casino. Es ist keine Attraktion geworden», sagt Werner Buchter, der sich mit einem Casino im alten EPA-Gebäude an der Sihlporte um eine A-Lizenz in Zürich beworben hatte und leer ausging. Den Geschäftsgang könne er zwar nicht beurteilen, aber dass die Spielbank und insbesondere das Automaten-Spiel nicht im Erdgeschoss situiert werden konnten, sei eine schlechte Lösung.

1600 Gäste nur am Wochenende

«Wir sind vier Monate jung, wir haben noch Verbesserungspotenzial», räumt Direktor Michael Favrod ein. Besucherzahlen und Spielerträge wird das Casino erst im April bekannt geben, wenn der Geschäftsbericht erscheint. 1600 Gäste sollen im Schnitt pro Tag im Ober-Haus ein- und ausgehen. So viele Besucher habe man an Wochenenden schon gezählt, sagt Favrod. Er rechnet damit, die Zielvorgaben in drei bis fünf Jahren zu erreichen. «Wir haben Konkurrenz und müssen die Leute erst abholen.»

Nebst Goldküstenbewohnern zählen auch Bahnhofstrasse-Touristen zu den Zielgruppen. Ein 15-Prozent-Anteil sei ein anspruchsvolles Ziel, sagt Favrod. Mit 15 Millionen Tagestouristen und 3,6 Millionen Übernachtungen pro Jahr biete Zürich aber das Potenzial dafür. Angebote, die Übernachtungen in den Hotels Dolder Grand, Widder, Glockenhof oder 25 Hours samt Transfer und Besuch im Casino Zürich beinhalten, sollen Touristen anlocken. «Wir erhalten viele Anfragen von Hotels, die ebenfalls solche Kombinationen vorlegen wollen», sagt Favrod. Die bisherigen Angebote seien gut angelaufen.

Mit Konzerten, live übertragenen Champions-League-Spielen, Pokerturnieren samt prominenten Gästen, Komikern oder gratis Kaffee sollen Leute angesprochen werden, die noch nie im Casino waren. Die Branche existiert in der Schweiz erst seit 12 Jahren. Hemmungen hinderten nach wie vor viele Schweizer an einem Casino-Besuch, sagt Favrod. «Die grosse Mehrheit kommt noch nicht.» Um Kunden zu gewinnen, tüftle man ständig neue Angebote aus, als Vorbild dient die amerikanische Unterhaltungsindustrie. Wie viel Las Vegas bietet Zürich schon? «Wir sind nahe am Feeling dran», sagt Favrod, «aber wir können uns noch verbessern.»

124 Millionen Franken Ertrag

Die Swiss Casinos AG bemühte sich bereits in den 90er-Jahren um eine Spielbank in Zürich, 2011 entschied der Bundesrat, ihr die Zürcher Konzession in Zürich zu erteilen. Dabei setzte sie sich gegen vier Mitbewerber durch. Der Umbau des Ober-Hauses kostete sie 47 Millionen Franken, davon flossen 15 Millionen in die Spieltechnik. Insgesamt hat die Swiss Casinos AG 80 Millionen investiert und 210 Vollzeitstellen geschaffen. Ab 2015 soll der Spielertrag des Zürcher Casinos rund 124 Millionen betragen. Davon werden geschätzte 80 Millionen an die AHV fliessen. Ab 2016 soll das Zürcher Casino jährlich etwa 2,8 Millionen Unternehmenssteuern zahlen.

Erstellt: 25.02.2013, 06:45 Uhr

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