Die Stadt hält an Exoten fest

Im Oerliker Park müssen 15 Blauglockenbäume gefällt werden. Sie können unter den dortigen Bedingungen nicht gedeihen. Die chinesischen Pflanzen werden nun durch eine andere asiatische Baumart ersetzt.

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Was sich im vergangenen September abgezeichnet hat, ist nun Realität: Die Blauglockenbäume im Oerliker Park können unter den dortigen Standortbedingungen nicht gedeihen. Die hohe Bautätigkeit rund um die Grünanlage hat den Grundwasserspiegel ansteigen lassen. Die Bäume haben «nasse Füsse» bekommen, was sie nicht gut vertragen.

«Gegen das Problem des steigenden Grundwassers kann man nichts tun. Wir können lediglich die Bepflanzung des Parks den veränderten Gegebenheiten anpassen», erklärt Lukas Handschin, Mediensprecher von Grün Stadt Zürich. Das soll im kommenden Herbst geschehen: Die 15 Blauglockenbäume, die von den ursprünglich eingesetzten 33 Pflanzen noch übrig geblieben sind, werden gefällt und im kommenden Frühling durch 14 Urweltmammutbäume ersetzt.

Robuste Bäume mit Schmuckwert

Die Baumwahl wurde gemäss Handschin gründlich diskutiert. Dabei sei die Eignung für den Standort – in diesem Fall also die Verträglichkeit von Staunässe und das Gedeihen auf neutralem bis alkalischem Boden – wichtigstes Kriterium gewesen. Gleichzeitig müssen die Bäume eine gewisse Grösse aufweisen und für die öffentliche Parkanlage robust genug sein. Auch sollen sie sich in ihrem Blattwerk möglichst von den bereits vorhandenen Arten im Park unterscheiden. «Erwünscht ist auch ein gewisser Zier- oder Schmuckwert, also spezielle Blüten, Früchte oder eine schöne Herbstfärbung», so Handschin.

Gleich mehrere Baumarten wurden in Erwägung gezogen (siehe Bildstrecke). Allerdings vermochte nur der Urweltmammutbaum zu überzeugen. «Er verträgt sowohl den feuchten Standort als auch den alkalischen Boden und gedeiht an ähnlich vernässten Standorten in Oerlikon bereits gut», sagt Handschin. Hinzu komme, dass diese Baumart ein attraktives Blattwerk aus filigranen Nadeln habe, das sich im Herbst leicht verfärbe.

Auf das Einpflanzen zusätzlicher einheimischer Erlen- oder Birkensorten hat man aus Rücksicht auf Allergiker verzichtet. Zwar stehen bereits zahlreiche Sandbirken im Park, die in Steinwurfnähe der Blauglockenbäume gut gedeihen. Als Ersatz kommen sie dennoch nicht infrage, denn sie vertragen keine Staunässe. «Und Bodenproben haben ergeben, dass an ihrem jetzigen Standort im Oerliker Park keine Staunässe herrscht.» Weitere Baumarten wie Zitterpappeln, Silberweide, Sumpfeiche oder -zypresse, die nasse Böden vertragen, vermochten in anderen Bereichen nicht zu überzeugen.

Einheimische Bäume würden Stadtklima nicht vertragen

Wie Blauglockenbäume stammen auch die Urweltmammutbäume ursprünglich aus China. 80 Prozent der Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet würden jedoch gemäss einer Umfrage einer einheimischen Baumart den Vorzug geben. Warum hält die Stadt an Baumexoten fest? «In Europa kommen einheimische Bäume nur in Wäldern und Auenwäldern vor. Sie würden das Stadtklima nicht vertragen», lautet Handschins Erklärung.

Die Definition von «einheimisch» sei ohnehin problematisch. «Sie entspringt einem heimattümelnden, im besten Fall romantisch verklärten Naturverständnis», so Handschin. Fast alle Pflanzen hätten nämlich einen Migrationshintergrund. Sie seien durch Eroberer in den besetzten Ländern angepflanzt oder aus den eroberten Gebieten in ihre Heimatländer eingeführt worden. «Prominentestes Beispiel dafür ist die Kartoffel. Aber auch die Römer verbreiteten nördlich der Alpen nicht nur ihre Sprache, sondern auch die Süsskirsche und die Reben. Die Kreuzritter brachten Linse und Quitte nach Hause, und mit der Verbreitung des Islam gelangten Zitronen, Orangen, Flieder und Tulpen nach Europa. Selbst die beliebte Sonnenblume wurde 1596 aus Amerika eingeführt.»

Bäume stammen aus europäischen Baumschulen

Parkanlagen seien eben gestaltete Natur, betont der Sprecher von Grün Stadt Zürich. Sie zeichnen sich gerade durch ihren ausgewogenen Bestand vielfältiger Baumarten aus, deren aufeinander abgestimmte Gestalt und Blattform ein schönes Gesamtbild abgeben. «Dabei kommen seit Jahrhunderten vor allem auch exotische Gehölze zum Zug. Diese von Menschenhand geschaffenen Landschaften wären arm dran, wenn man bei der Gestaltung nur auf einheimische Pflanzen zurückgreifen würde.»

Dass beim Einpflanzen exotischer Baumarten unliebsame Schädlinge ins Land kommen könnten, sei allerdings ausgeschlossen. «Die Bäume stammen aus europäischer Zucht. Welche Baumschule sie liefern kann und wird, ist noch nicht bestimmt. Auch wissen wir noch nicht, wie viel der Baumersatz insgesamt kosten wird. Die Ausschreibung für den Auftrag ist derzeit in Vorbereitung.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.08.2013, 11:24 Uhr

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Ein Drittel der Eschen von Pilz befallen

Auch den Eschen im Oerliker Park geht es nicht gut. Die Bäume leiden am Eschentriebsterben. Dabei lässt ein Pilz mit dem Namen Falsches Weisses Stengelbecherchen einzelne Triebe absterben. Die Pflanzen reagieren darauf, indem sie unterhalb des abgestorbenen Teils verstärkt austreiben. «Aktuell ist ein Drittel des Bestandes befallen, allerdings sind nur einzelne Triebspitzen infiziert, was sich durch das Auftreten von welken Blättern zeigt», sagt Lukas Handschin, Pressesprecher von Grün Stadt Zürich, auf Anfrage. Ein Mittel gegen den Pilz gibt es noch nicht. Deshalb entwickelt Grün Stadt Zürich derzeit in Zusammenarbeit mit den Landschaftsarchitekten Massnahmen, um die Situation über einen Zeitraum von mehreren Jahren nachhaltig verbessern zu können. Zudem wird versucht, mit zusätzlicher Pflege die Bedingungen für die Eschen zu verbessern – «beispielsweise durch eine Behandlung der Blätter, damit der Flüssigkeitsverlust eingedämmt wird», erklärt Handschin.

Zum Konzept des rund 55 Hektaren grossen Areals nördlich des Bahnhofs Oerlikon gehört jedoch, dass über die Jahre der Baumbestand ohnehin allmählich ausgelichtet wird. Bis 2015 findet eine erste Auslichtung statt. Jeder zehnte Baum wird gemäss einem Raster innerhalb des Zeitraumes von zehn Jahren entfernt. (tif)

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