Das grosse Protest-Sterben

Rund 300 Tierschützer haben am Samstag für ein Importverbot von Pelzen demonstriert. Ihre Kritik stösst bei Passanten auf grossstädtische Gelassenheit und bei Fachleuten auf Kritik.

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«Alle zum Sterben nach vorne!», ruft eine Frauenstimme ins Megafon. Zwei Dutzend Tierschützer lösen sich aus der Menge und kommen nach vorne, wie geheissen. «Sterben jetzt!», schreit die Frau, und alle legen sich auf den Boden. Sie tragen einen Ganzkörperanzug, der sie aussehen lässt wie gehäutete Exponate aus den Körperwelten von Professor Gunther von Hagens. Über ihren gruseligen Anzügen tragen sie Pelzjacken und -mäntel. Jetzt knüppeln einige schwarz gekleidete Männer auf sie ein und reissen ihnen die Pelze vom Leib. Dazu schreien und jaulen die Gequälten derart intensiv, dass die Menge aufatmet, als die bemitleidenswerten Gestalten endlich keinen Laut mehr von sich geben, «tot» sind.

Wir befinden uns nicht etwa in einem Horrorfilm, sondern an der Performance der Anti-Pelz-Demo auf dem Zürcher Helvetiaplatz. Es ist 16 Uhr am Samstag, Einkaufszeit. Vor zwei Stunden hatten sich um die 300 Aktivisten und Tierschützer auf dem Werdmühleplatz bei der Bahnhofstrasse versammelt. Das Anliegen der Demonstrantinnen und Demonstranten: ein Importverbot für Pelzprodukte aus tierquälerischer Produktion. Aufgerufen zum Protest hatte die Anti Fur League – ein loses Bündnis, bestehend aus Einzelpersonen sowie Vertreterinnen und Vertretern der Organisationen Aktivismus für Tierrechte, Tier im Fokus und LSCV– auch aus Deutschland (Animals United) und Österreich.

Hoher Frauenanteil

Die in der Schweiz seit März 2014 bestehende Deklarationsverordnung, sagt Nina Bachellerie, Co-Organisatorin der Pelz-Demo und Gründerin der Anti Fur Leage, habe wenig gebracht: «2016 wurden so viele Pelzprodukte importiert wie seit 24 Jahren nicht mehr.» Auf dem Werdmühleplatz ist schon vor dem Abmarsch viel los. Tierschützer halten Transparente hoch. Schriftbänder liegen auf dem Boden mit Anklagen wie «Pelz ist Mord. Leder, Fleisch und anderes auch!» Trotzdem sind da und dort Lederstiefel zu sehen.

Der Frauenanteil ist gross, die bevorzugte Kleiderfarbe schwarz. Überall Gräuelbilder. Ein rot bespritzter Pelzmantel liegt am Boden, auf ihm die blutige Attrappe eines gehäuteten Nerzes. Beim Umzug wird ihn sein Besitzer um den Hals legen. Man sieht düster bemalte Gesichter. Auch ein Hund demonstriert mit. Seine Besitzerin hat ihm ein Stück Stoff auf den Rücken gebunden mit der Aufschrift: «Dein Pelzkragen, mein Leben.»

Kontraproduktive Aktionen

Wo es um Pelz geht, werden Tierschützer oft energisch und manchmal unzimperlich, was teilweise zu kontraproduktiven Aktionen führt. So berichtet etwa Robert Zingg, Senior-Kurator beim Zoo Zürich auf Anfrage zum Thema, dass radikale Aktivisten schon amerikanische Nerze aus europäischen Zuchten befreit hätten, den sogenannten Mink. «Ein Grossteil der Tiere ist nach der Befreiungsaktion gestorben, die Überlebenden haben sich vermehrt und verdrängen nun den europäischen Nerz.» Zingg wünschte sich eine differenziertere Kritik: «Ich habe keine Mühe damit, was auf der normalen Jagd für die Regulierung der Wildbestände abgeschossen wird. Das ist Nutzung einer natürlichen Ressource.»

Auch für Thomas Aus der Au, Kürschner in Zürich-Wiedikon ist die laute Kritik an der Pelznutzung zu einseitig und pauschal. «Die meisten Felle der zur Bestandesregelung gejagten 30'000 Rotfüchse werden in der Schweiz verbrannt, lediglich 15 Prozent werden verarbeitet. Das ist doch ein Unsinn.» Zudem stammten die oft gezeigten Horrorbilder meist aus Asien. «Für europäische Pelzfarmen», sagt Aus der Au, «lege ich meine Hand ins Feuer.»

Mild lächelndes Publikum

Im Demonstrationszug auf der Bahnhofstrasse gibts keine solchen Zwischentöne. Die Parolen sind lautstark und repetitiv. Das samstägliche Einkaufspublikum reagiert mit grossstädtischer Gelassenheit: kurz schauen, milde lächeln, weiter. Ein paar japanische Touristen schiessen Handybilder, erfreut, dass an der Zürcher Bahnhofstrasse eine Art Theater läuft. Dann realisieren sie, worum es geht, und drehen ab.

Die paar Hundert Aktivisten skandieren «Wut und Empörung wie noch nie – auf die verdammte Pelzindustrie» und biegen in die Bärengasse ein. «Wir können noch lauter!», schreit der deutsche Tierschützer-Anführer. Und der Dezibelpegel steigt schwer erträglich an. Die Polizei begleitet den Tross stoisch und unbeeindruckt. Sie ist andere Demonstrationen gewohnt.

«Tot» liegen bleiben

Am Helvetiaplatz kommts zur schaurigen Schlussperformance: «Wir versammeln uns bei der Statue und ‹sterben› dann wie Pelztiere, indem wir uns gemeinsam auf den Boden fallen lassen», steht auf dem vor der Demo verteilten Flyer. «Dort bleiben wir ‹tot› liegen, bis die Performance beendet ist.» Zum Ausklang wurde in die «Garage» an der Flurstrasse geladen. Auf dem Programm standen Vorträge, Poetry Slam, Musik, Drinks und eine warme Suppe.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.10.2017, 19:55 Uhr

Bundespolitik

Importverbot ausgesprochen

Im Frühling konnten Tierschützer auf politischer Ebene einen Erfolg verzeichnen. Der Bundesrat hat Anfang März entschieden, die Einfuhr von Robbenprodukten in die Schweiz gesetzlich zu verbieten. 2011 hatte der damalige Walliser SVP-Nationalrat Oskar Freysinger eine Motion eingereicht, in dem das Verbot verlangt worden war. Im Dezember 2014 hatte die Aargauer SP-Nationalrätin Pascale Bruderer zusammen mit der Stiftung Tier im Recht ein weiteres Postulat eingereicht mit dem Ziel, die Einfuhr und den Verkauf von tierquälerisch erzeugten Pelzprodukten zu verhindern. Im vergangenen Juni hat der Nationalrat die Motion des Berner SP-Nationalrats Matthias Aebischer, «Importverbot für tierquälerisch erzeugte Produkte», angenommen. Wird auch der Ständerat dem Vorstoss zustimmen, ist der Bundesrat verpflichtet, rechtliche Grundlagen für ein entsprechendes Importverbot auszuarbeiten. (roc)

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