«Das ist das Konsumgesetz»

Kurz nach Mitternacht überstürzen sich vor der Olé-Olé-Bar an der Langstrasse die Ereignisse. Unser Autor erlebt Street-Parade und Nachwehen mit.

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Sonntag, 11.49 Uhr. Die Innenstadt wirkt wie das It-Girl, das nach durchfeierter Nacht am Sonntagmittag leicht wankend und mit schweren Lidern vor dem Spiegel steht und dann fast zufrieden bilanziert: Die meiste verschmierte Schminke ist weg, die Frisur macht cool auf Bad-Hair-Day, der Mundgeruch hält sich in Grenzen – nun noch eine lauwarme Dusche, und alles ist wieder beim Alten.

Sonntag, 0.12 Uhr. Partys? Moll, da hats ein paar. Electric City auf dem Maag-Areal. Abflug Berlin in der Kaserne. Defected in the House, Plaza. Lethargy. Heavy-Rotation-Drum-’n’-Bass im Stall 6. Oder 19 DJs im Hive. Dazu Rundfunk. Und die üblichen Verdächtigen namens Zukunft, Café Gold, Mascotte und Kaufleuten. Und die üblichen Alternativen namens Gonzo und Helsinki. Und der übliche Albtraum namens Mausefalle. Qual der Wahl? Wahl der Qual? Weder noch. Denn kurz nach Mitternacht überstürzen sich vor der Olé-Olé-Bar an der Langstrasse die Ereignisse: Zuerst knallt es auf der Kreuzung einen Velofahrer auf den Latz, Sekunden später fällt dieser Satz: «Die Leute von heute haben den Eindruck, wenn sie in einem Club Eintritt bezahlen, hätten sie damit auch den Anspruch auf eine coole Fete gekauft. Das ist das Konsumgesetz, das gehört zu ihrem genetischen Code. Deshalb raffen sie nicht, dass sie es sind, die für die coole Party sorgen müssten.» Der Mann, der die Worte spricht, hat sie irgendwo aufgeschnappt oder gelesen, er wirkt zu jung für solche Weisheit. Weshalb er auch die Konklusion seiner Feststellung nicht kennt. Sie lautet: Die beste Party hat man sowieso stets mit sich selbst. Das wusste auch Billy «die Lippe» Idol, der einst sang: «Dancing with myself, oh oh dancing with myself, well there’s nothing to lose, and there’s nothing to prove, I’ll be dancing with myself.» Obwohl man sich damals nie ganz sicher war, wie Billy das meinte.

Samstag, 17.31 Uhr. Der Rietbergpark ist vielleicht nicht die transnationalste grüne Insel der Stadt, dafür aber eine von Zürichs zauberhaftesten Erholungszonen. Am Samstag um halb sechs – laut Meteo Schweiz sollte es längst gewittern – geniessen hier Rentner, Müssiggänger und Jungfamilien die warme Abendsonne. Und ja, wenige 100 Meter entfernt zelebrieren sich Love-Mobiles und Raver Richtung Hafen Enge. Ätherische Spuren des Sounds sind auch im Park zu hören. Allerdings angereichert durch zwitschernde Piepmatze, winddurchrauschtes Laub, knirschendes Kies und Kindergebrüll – wodurch der Techno irgendwie plötzlich nach orientalischer Worldmusic klingt. Schön. Allerdings gibt es hier keinen Bierstand. Und auch den Amphetamindealer suchte man vergebens, würde man ihn suchen.

Samstag, 9.53 Uhr. Da Gottes Wege ja manchmal unergründlich sind, landet man womöglich plötzlich an einem Ort, an dem man nicht unbedingt zu landen erwartete. Zum Beispiel am Samstag kurz vor 10 Uhr an der Beethovenstrasse neben dem Kongresshaus – also da, wo in wenigen Stunden Hunderttausende Raver ihr Technodefilee abhalten werden. Zwei sind zu diesem Zeitpunkt bereits da – ein erstaunlich betrunkener Brite und ein erstaunlich sprachlimitierter Italiener; er trägt ein azurblaues Fussballshirt mit der Nummer 9.

Als sie sich entdecken, kommen sie sofort ins Gespräch. Brite: «Bloody Balotelli, I hate this sucker, he killed our hopes.» Italiener: «Come?» B: «Balotelli, you wear his shirt, mate.» I: «Che voi?» B: «Don’t you bloody speak english, my Balo-Boy?» I: «Non capisco un cazzo. Io non parlo inglese, capisci!» B: «Wanna beer?» I: «Ti prego, non mi rompere le palle.» Dann läuft der Italiener davon und der Brite schüttelt rülpsend den Kopf. Vielleicht wäre es von Vorteil, wenn das Street-Parade-Komitee seine «Friede, Freude, Eierkuchen»-Mottos künftig auch in andere Sprachen übersetzen würde.

Freitag, 22.47 Uhr. Eine Wiediker Dachterrasse mit Panoramablick, sie gehört nicht zum offiziellen Street-Parade-Rahmenprogramm (wenn es denn überhaupt so was gibt). Auf dem Grill brutzeln Wiedikerli der Metzgerei Keller und Hohrückensteaks der Metzgerei Fulvi, im Glas wogt ein Rotwein von Denner (irgendwo habe er einfach sparen müssen, sagt der Gastgeber), rundherum zischen pausenlos Raketen in den Nachthimmel und kommen als bunter Zauber wieder herunter. So sieht sie wohl aus, die VIP-Zone des kleinen Mannes, denkt jemand. Und fast im selben Moment sagt jemand anderes: «Man kann ja über Giusep Fry denken und sagen, was man will, aber dammisiech – in Sachen Feuerwerk ist der Kerli definitiv der König von Zürich!» Und wahrhaftig: Die 1.-August-Pyroshow, die der Stadtbergler über seinem Kulm inszenierte, war «grenzwertig geil». (Äxgüsi, aber mit diesen Worten umschrieb etwa 24 Stunden später ein deutscher Street-Parade-Tourist das Erlebte).

Freitag, 17.17 Uhr.  Eine Alternative zu dieser Alternative ist das «Äms Fäscht» in der Bäckeranlage («Äms» ist Kosovodeutsch für Äs): Die Organisatoren haben jedoch nicht den Kommerz, sondern mit dem Nationalfeiertag gleich unsere heiligste Kuh als BöFei auserkoren: «Ziel ist es, am 1. August das Äms Fäscht durchzuführen, um die konstruierte Angst aus der nationalistischen Ecke zu verdrängen», liest man auf der Website. Huch! Eine verspätete Frühlingsrevolution? Nicht wirklich, es hat nicht mal eine Diskurs-Disco. Dafür können sich die Kleinen schminken lassen, es gibt Speis und Trank und multikulturelle Livemusik – und damit das, was auf der Website als weiteres Ziel definiert ist: ein feierndes Miteinander von Menschen jeglicher Herkunft im Herzen der Stadt. Etwa dasselbe will glaub jeweils auch die Street-Parade erreichen.

Freitag, 16.10 Uhr. Die Lethargy wurde 1994 als musikalische Alternative zur Giga-Techno-Party Energy erschaffen (die Expliziteren sprachen gar von einem Antidot gegen den toxischen Kommerz). In dieser Funktion stand der Anlass damals praktisch alleine da. Damals. Heute jedoch präsentiert sich ein ziemlich anderes Bild, ja man könnte beinahe zur etwas absurd anmutenden Feststellung tendieren, es gebe inzwischen mehr solche Alternativen zu Kommerzanlässen als Kommerzanlässe selbst.

Eine dieser «Gegenveranstaltungen» heisst «Motherland Calling». Was esoterischer klingt, als es gemeint ist. Gemeint ist es laut Medienmitteilung als «kosmopolitisches Quartierfest» und «Liebeserklärung an die transnationalste grüne Insel der Stadt Zürich». Nun, letztlich ist es einfach ein vifer Kulturanlass für Jünger (am Nachmittag) und Älter (am Abend). Als Spiritus rector agi(ti)ert Philipp Meier, und der Ex-Co-Direktor des Cabaret Voltaire kuratiert die Fritschi- zur Dada-Wiese: Ein Blasio-Objekt für Kids steht neben einer potenten DJ-Anlage, es wehen afrikanische Tücher, es gibt äthiopischen Food und – Kunst muss sein! – ein internationales Harassenforschungsprojekt. Die Stimmung (soweit sie kurz nach 16 Uhr schon eingetroffen ist) gibt sich easy. Oder um es Meier-typischer wiederzugeben: «Wir lieben sein!»

Donnerstag, 21.25 Uhr. Irgendwo muss es ja beginnen, das Street-Parade-Wochenende. Die gute Frage aber ist: Wie lokalisiert man dieses «Wo»? Leider existiert ja kein städtisches Amt, um dann von einem charmanten Beamten die Auskunft zu bekommen: «Das kann ich ihnen sagen, junger Mann, es war exakt bei 8°32π29ππ nördliche Länge und 47°23π58ππ östliche Breite, also zweieinhalb Meter vor dem Fussgängerstreifen beim Kiosk des Hafen Enge!»

Tja. Dann muss mans halt selbst bestimmen. Und so behaupten wir jetzt frank und frei: Das Street-Parade-Wochenende 2014 beginnt auf dem Gelände der Roten Fabrik! Am Donnerstagabend, etwa um 21.25 Uhr. Das nämlich ist der Moment, an dem die deutsche Indie-Band The Notwist am Lethargy-Festival auf die Bühne tritt. Mit Verspätung, notabene: Die konzertfertigen Musiker hatten backstage plötzlich gemerkt, dass ihnen der Sänger abhandengekommen war. Doch die Smartphones waren zum Glück smart genug, um ihn zeitnah aufzuspüren; später wurde gemunkelt, er sei ziellos, aber glücklich, durch die Stadt mäandriert.

Eine Episode für die Bandgeschichte? Oder für die Chronik der Lethargy? Diese umfasst längst inzwischen Hunderte Künstlernamen. Und Tausende Liebesmärchen. Und mindestens so viele Räubergeschichten. Und ja, klar, natürlich auch ein paar Randnotizen. Als solche ist auch der Auftritt der nicht mehr wirklich taufrischen DJs Clovis & Dan Campo vorgesehen («Hey, schau, die tragen noch Plattenkoffer! Ooh, witzig, die spielen sogar noch dieses Vinylzeugs!»), die nach dem Notwist-Konzert das Fabriktheater beschallen. Doch irgendwie sind sie dann besser als vorgesehen (der eine erzählt, das sei ihnen schon mal passiert, vor vielen Jahren, in der Dachkantine). Man sieht: Die Lethargy ist auch nach zwei Dekaden noch für kleine Überraschungen gut.

Erstellt: 02.08.2014, 19:44 Uhr

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