«Das ist kein Grund, den Stadtrat aufzublasen»

Den früheren Zürcher SP-Stadtpräsidenten Elmar Ledergerber ärgert der Widerstand gegen eine kleinere Regierung und eine schlankere Verwaltung.

Elmar Ledergerber arbeitete als Stapi bis zu 90 Stunden pro Woche. Foto: Sabina Bobst

Elmar Ledergerber arbeitete als Stapi bis zu 90 Stunden pro Woche. Foto: Sabina Bobst

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Initiative für einen reduzierten Stadtrat muss für Sie ein Déjà-vu sein. Sie wollten als Stadtpräsident ebenfalls den Stadtrat verkleinern und die Verwaltung umkrempeln. Warum?
Bei einer Verwaltung dieser Grösse müsste es eigentlich Pflicht sein, dass man alle zehn Jahre überlegt, ob sie noch zweckmässig ist. Je nachdem muss man sie neu strukturieren: zusammenfügen, was zusammengehört, Doppelspurigkeiten und Leerläufe abbauen.

Sie hatten keinen konkreten Anlass?
Doch. Einerseits hatte das der Gemeinderat verlangt. Anderseits war eines meiner Wahlversprechen, Bewilligungsverfahren zu vereinfachen und zu beschleunigen. Dazu musste man erst eine Bestandesaufnahme machen, wie viele Verfahren es gibt. Es war eine riesige Zahl – aber niemand wusste das. Das führte dazu, dass wir uns generell überlegten: Sind wir optimal organisiert? Als Stadtrat merkte ich, dass die Zahl der Leute, die an einer Sitzung teilnahmen, über die Jahre immer grösser wurde. Weil es immer mehr Schnittstellen gab und alle mitreden mussten. Am Ende kann man so praktisch nicht mehr ­handeln, ohne mindestens fünf Sit­zungen mit 25 Leuten abzuhalten, die sich gegenseitig blockieren.

Das ist jetzt eine rhetorische Übertreibung, oder?
Sagen wir, es ist eine Zuspitzung. Aber in der Tendenz ist es so. Das ist aber nicht böser Wille, sondern eher ein ­Naturgesetz in allen Organisationen.

Sind Verwaltungen nicht träger als private Unternehmen?
Nein, das ist ein Vorurteil. Es gibt das gleiche Phänomen auch in der Privatwirtschaft, wenn ein Unternehmen seine Abläufe nicht überprüft. Wir haben in der Schweiz sehr gute Verwaltungen mit bestens ausgebildeten, arbeit­samen Leuten, wenig Absentismus und kaum Korruption. Trotzdem muss man stetig an der Organisation arbeiten.

Dürfen sich Linke für eine Reform der Verwaltung einsetzen, die grosse Folgen hat fürs städtische Personal? Ist das nicht ein Tabu?
Nein. Es gibt viele kluge und engagierte linke Politiker, die etwas von Unter­nehmensführung verstehen und der ­Bevölkerung gute Dienstleistungen zu möglichst tiefen Kosten offerieren ­wollen. Natürlich gibt es auch andere . . .

. . . das wären dann die führenden Köpfe von SP und Grünen in der Stadt. Die sagen, dass eine Reform kaum Effizienzgewinne bringe.
Das ist sicher ein Irrtum. Klar, die Effi­zienzgewinne kommen nicht von heute auf morgen. Es dauert Jahre, bis sie ­eintreten, und bis dahin braucht es viel Arbeit. Aber sie kommen.

Grob geschätzt: Wie viele Millionen könnte man sparen, indem man die Stadtverwaltung effizienter macht?
Das kann man im Voraus nicht abschätzen. Sparen ist sowieso nur das eine. Wichtig ist auch, dass man besser wird und die Dienstleistungsqualität steigt.

Nennen Sie bitte ein Beispiel, wo Sie Doppelspurigkeiten ausmachen.
Im Schulbereich zum Beispiel gibt es viele. Wir haben in Zürich sieben gewählte Schulkreispräsidenten, die wie kleine «Schulstadträte» über ihre eigenen Bürokratien verfügen. Diese kümmern sich um vieles, was parallel auch das Schuldepartement macht. Das gibt Reibungen und Konflikte – man könnte das sicher effizienter lösen.

Was haben die Doppelspurigkeiten für Folgen im Arbeitsalltag?
Man kann schwierige Themen nicht mehr anpacken, weil sich die verschiedenen Akteure gegenseitig blockieren. So lässt man es eben sein und wendet sich stattdessen anderem zu. Das bedeutet aber, dass sich die heiklen Themen nicht mehr vernünftig managen lassen, auch wenn es wichtige Themen wären.

Bewirkt eine Reform nicht das Gegenteil dessen, was Sie wollen? In Ihrer Partei heisst es, dass man mit weniger Stadträten bloss die Macht der Verwaltung stärke.
Ach, dieses Argument vom Demokratieverlust ist uralt – und es ist nicht haltbar. Ob wir nun sieben oder neun Stadträte haben: Sie müssen immer Kompetenzen delegieren, sonst können sie ihre Aufgabe nicht erfüllen. Es ist verheerend, wenn man glaubt, sich überall persönlich einmischen zu müssen. Wenn man nicht delegiert, funktioniert auch in ­einer Demokratie gar nichts.

Bei sieben Köpfen hat trotzdem jeder mehr Aufgaben. Wie wollen Sie verhindern, dass ein Stadtrat vom Verwaltungsapparat überrollt wird, weil er alles delegieren muss?
Nach dieser Logik wäre ein Stadtrat mit zwanzig Mitgliedern seinen Aufgaben eher gewachsen. Das ist völlig falsch. Aber man muss halt auch darauf achten, dass die Parteien Leute aufstellen, die Führungserfahrung haben.

Wenn es die richtigen Leute sind, schafft man den Job auch zu siebt?
Sogar zu fünft – aber das ginge jetzt zu weit. In allen anderen Schweizer Städten geht es jedenfalls mit weniger als neun. Und denken Sie an den Bundesrat.

Der amtierende Stadtrat sagt, ­Zürich sei so gross wie keine andere Schweizer Stadt, man könne keine solchen Vergleiche ziehen.
Es gibt auf der Welt viel grössere Städte, die es auch mit sieben Leuten und we­niger schaffen. Sieben ist auch von der Gruppendynamik her eine bessere Zahl. Bei neun können sich drei Fraktionen bilden, die sich gegenseitig blockieren.

Die Reformgegner argumentieren umgekehrt: In einen grossen Stadtrat lassen sich mehr Parteien einbinden, das verhindert Blockaden.
Es ist ein Irrtum zu glauben, regieren werde leichter, je mehr Parteien eingebunden sind. Das Gegenteil ist der Fall.

Laut Stadtrat könnten sieben den Kontakt mit dem Volk kaum pflegen.
Das ist eher eine Frage des Temperaments. Den einen liegt Kommunizieren mehr als den anderen. Aber mit der Anzahl hat das überhaupt nichts zu tun.

Weniger Stadträte – weniger Zeit.
Das ist nicht generell so. Bundesrat Otto Stich, ein vorzüglicher Finanzminister, hatte sein Departement so gut im Griff, dass er fast jeden Abend im Hotel Bern beim Jassen anzutreffen war. Aber selbstverständlich muss man als Exekutivpolitiker auch bereit sein, mehr zu arbeiten als ein normaler Staatsangestellter.

Wie viel?
Als ich Hochbauvorsteher war, waren es 50 Stunden pro Woche. Als Stadtpräsident ging das natürlich nicht mehr, da waren es 80 bis 90 Stunden. Wenn man das nicht ewig macht, geht das.

Jener Experte, der in Bern die Reduktion auf fünf Köpfe begleitete, hält den Zürcher Stadtrat für ein Auslaufmodell. Warum hält es sich?
Es gibt zwei Gründe. Kleinparteien wie CVP oder EVP fürchten, dass es für sie schwieriger wird, einen Sitz im Stadtrat zu bekommen. Das ist verständlich, aber kein Grund, ein Gremium aufzublasen.

Und der andere Grund?
Beim Alten zu verharren, ist einfacher, als etwas zu ändern. Im Grundsatz sind zu Beginn jeweils viele für die Idee zu haben, aber wenn es konkret wird, passiert immer das Gleiche. Dann merken sie plötzlich, dass das ja zu Verände­rungen führt. Und das heisst für die Betroffenen, dass sie loslassen müssen.

Es sind die Verlustängste der amtierenden Stadträte, die bremsen?
Eher jene der Parteien, der Verwaltung und teilweise auch der Medien. Als wir die Departemente neu büscheln wollten, war das enorm schwierig. Ich fand etwa, es brauche kein Umweltamt mehr, weil das eine Aufgabe ist, die jedes Amt in seinem Bereich selbst beherrschen muss. Aber würde das betroffene Departement das einsehen? Wir haben uns damals zusammengerauft, leider umsonst. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.11.2015, 23:30 Uhr

Artikel zum Thema

Sieben statt neun – Zürcher Stadtrat soll kleiner werden

Eine Volksinitiative will die Verwaltung effizienter machen. Sie greift eine alte Idee auf, denkt sie aber neu. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Blogs

Never Mind the Markets Was ist los in den USA?

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Haar um Haar: Was aussieht wie die Nahaufnahme eines Blütenstandes sind tatsächlich Rasierpinsel aus Dachshaar. Sie stehen bei einem Pinselhersteller im bayerischen Bechhofen. (25. September 2018)
(Bild: Daniel Karmann/dpa) Mehr...