Das letzte Refugium der blinkenden Kästen aus Stahl und Glas

Ivo Vasella ist der Retter einer aussterbenden Art: Der Architekt sammelt Flipperkästen. Er besitzt gegen 100 Automaten – die Hälfte davon stellt er nun in einem neuen Museum aus.

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Zürich – In eine Spielhalle des letzten Jahrhunderts zurückversetzt fühlt sich, wer Ivo Vasellas geräumigen Keller unweit des Letzigrundstadions betritt. Überall blinkt und piept es. Neben rund 50 Flipperkästen stehen Obskuritäten aus der langen Geschichte der Spielautomaten und einige Vintage-Spielkonsolen. Selbst die Theke der Bar besteht aus Spielfeldern alter Flipper. Herumliegende Handwerksutensilien verraten, dass der Sammler eben erst hierher umgezogen ist – aus einem kleineren Raum, ebenfalls in Altstetten. Eröffnen wird der 47-jährige Architekt sein neues Lokal, das er Outlane nennt, im kommenden November.

Flipperautomaten gehörten vor 20 Jahren zum Standardinventar von Restaurants, Badis, Jugendhäusern und natürlich der Spielsalons, von denen es damals allein in der Stadt Zürich über 50 gab. Doch das Verbot der Glücksspielautomaten machte den Salons den Garaus. Immer aufwendigere Computergames liefen den Flippern den Rang ab. Und heute spielen die Jungen lieber übers ­Internet oder auf ihren Smart­phones als an den grossen und lauten Kästen aus Stahl und Glas.

Die zwei letzten verbliebenen Spielsalons der Stadt haben im vergangenen Frühling geschlossen. Wer das Spiel mit der Stahlkugel spielen will, dem bleibt nur eine Handvoll Bars, in denen die allerletzten Exemplare stehen. Oder er besucht das Outlane, das letzte Refugium der Flipperkästen in Zürich.

Dort hat Ivo Vasella einen Teil seiner riesigen Sammlung von Flipperauto­maten aufgestellt – herausgeputzt, spielbereit. Der Zürcher kauft und restauriert die Geräte seit 30 Jahren. Gegen 100 Stück nennt er heute sein Eigen.

Elektronik ist Nebensache

«Ich habe als Jugendlicher wahnsinnig gern geflippert. Weil mich die Technik interessiert hat, wollte ich unbedingt so ein Gerät haben», sagt Vasella. Heute macht es ihm mindestens ebenso viel Spass, alte Flipperkästen aufzutreiben und zu restaurieren, wie darauf zu spielen: «Es macht mich stolz, wenn so ein maroder Kasten nach vielen Stunden Arbeit in neuem Glanz erstrahlt.» Das nötige Wissen dazu hat sich der Architekt selber angeeignet. «Hauptsächlich ist es eine Reinigungsarbeit. Von Elektronik muss man nicht so viel verstehen, wie mancher vielleicht denkt.»

Vasellas Outlane ist jedoch nicht öffentlich zugänglich. Wer die Sammlung bestaunen oder sich ins Spielvergnügen stürzen will, muss Mitglied in seinem Verein werden, dessen Zweck die Erhaltung ebendieser Sammlung ist. Die gesetzlichen Vorschriften würden ihn dazu zwingen, sagt er. Die Mitgliedschaft kostet 100 Franken pro Jahr. Wer will, kann den Raum aber auch für einen privaten Anlass mieten.

Flipperautomaten haben für Vasella auch im Zeitalter hochauflösender Computergrafik nichts von ihrem Reiz verloren: «Mich faszinieren die Mechanik und die brachiale Gewalt, mit der man auf die Kugel einwirkt.» Die Geräte seien zudem interessante Zeitdokumente, deren Grafik und Musik oft typisch für ihre Entstehungszeit seien.

Die Sammlung im Outlane deckt die gesamte Zeitspanne seit der Erfindung des Spiels ab. Da sind sogar Pinball-Spielbretter aus den 1930er-Jahren zu finden, die Vorgänger der modernen Automaten. Sie heissen so, weil eine Stahlkugel auf ein schräg stehendes, mit Metallstiften besetztes Brett geschossen wird. Das Feld oder das Loch, in dem die Kugel schliesslich landet, bestimmt die Anzahl Punkte, die der Spieler bekommt. Beeinflussen lässt sich der Lauf der Kugel höchstens durch Rütteln am Gehäuse.

Geschicklichkeit löste Glück ab

Mit der Einführung des Flipperhebels 1947, einer Erfindung des Chicagoer Pinball-Herstellers Gottlieb, wurde aus dem Glücksspiel ein Geschicklichkeitsspiel. Nun ging es darum, die Kugel möglichst lang im Spiel zu halten. Technische Innovationen brachten immer neue Features wie die für moderne Geräte typischen Rampen, Bumper, Schleudern und Zielscheiben. Später ermöglichte die Digitaltechnik komplexe Spielabläufe und Tonausgabe. Der Markt war über viele Jahre fast vollständig in der Hand von vier Herstellern, alle in Chicago angesiedelt. Die Dotmatrix­anzeige war 1991 die letzte nennenswerte Neuerung. Sie machte videospielartige Sequenzen möglich und verhalf den Automaten zu einer letzten Blütezeit.

Doch den Wettkampf gegen die Videospiele konnten die Flipperautomaten nicht gewinnen. Sie wurden unrentabel und verschwanden zusehends. Heute gibt es weltweit nur noch ein Unternehmen, das regelmässig neue Geräte auf den Markt bringt. Abgesehen von der LED-Beleuchtung sind die Automaten immer noch auf dem Stand der 90er-Jahre.

Ein Lieblingsgerät hat Ivo Vasella nicht: «Optisch gefallen mir die Geräte aus den 50er- und 60er-Jahren am besten. Aber die neueren sind attraktiver zum Spielen.» Am teuersten gehandelt werden die Flipper der 90er-Jahre: «Sie bieten einen idealen Mix aus Spielvergnügen und Retrofeeling.» Wer ein solches Gerät in sein Wohnzimmer stellen möchte, muss unter Umständen mehr dafür auslegen als den damaligen Neupreis von rund 7000 Franken. Das Interesse privater Sammler habe stark zugenommen, sagt Vasella: «Die Faszination Flipper lebt weiter.»

www.outlane.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.10.2014, 09:54 Uhr

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