Das letzte offizielle Postvelo verschwindet von Zürichs Strassen

Noch bis Ende April leert Pöstler Daniel Hofmann auf dem Fahrrad die Briefkästen in der Innenstadt.

Daniel Hofmann auf seinem siebengängigen Postvelo.

Sophie Stieger

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Daniel Hofmann steht an der Kasernenstrasse, faltet sorgfältig zwei graue Postsäcke und legt sie in den Gepäckträgerkorb seines Velos. Er klappt den massiven, zweibeinigen Ständer beim Vorderrad hoch und pedalt zielstrebig Richtung Bahnhofstrasse zum ersten Briefkasten seiner Tour – dem ersten von 21. In diesen Tagen fährt nicht nur sackweise Briefpost mit, sondern auch ein wenig Wehmut. Ende April wird Hofmann nämlich zum letzten Mal mit seinem Siebengänger in der City die Briefkästen leeren. Dann verschwindet das letzte offizielle Postvelo aus Zürichs Strassenbild.

Bei Wind und Wetter ist Hofmann in den vergangenen knapp zwanzig Jahren durch die Innenstadt gefahren. Dabei dürfte er streckenmässig beinahe zweimal die Erde umrundet haben. «Alles unfallfrei», sagt der 37-Jährige und hebt dabei seinen rechten Zeigefinger. Nur einmal ist er an einem Wintertag beim Paradeplatz auf dem Glatteis gestürzt.

Post setzte früh auf das Velo

Als Hofmann im Jahr 1991 anfing, waren noch drei weitere Postvelofahrer im Dienst. Von einem gezielten Abbau könne aber keine Rede sein, sagt Postsprecher Mariano Masserini. Die Schweiz eigne sich wegen ihrer Topografie nur bedingt für den Briefpostverkehr mit dem Velo. Historische Zahlen relativieren diese Aussage allerdings. Nachdem die Post bereits um 1890 auf eine speditive Verteilung der Postsachen Wert legte und dem Personal in grösseren Städten die Benützung des Trams vorschrieb, gewann das Velo später zunehmend an Bedeutung. Für die Postboten auf dem Land war das Velo nach dem Ersten Weltkrieg Pflicht. Damals mussten sie ihre Velos noch selber kaufen und erhielten für die tägliche Benützung eine Entschädigung. 1947 waren in der ganzen Schweiz im Zustell- und Botendienst 2200 Velos und 800 Veloanhänger registriert. Heute sind es laut Masserini noch rund 110 Fahrräder. Die Post setzt heute als umweltfreundliche Alternative verstärkt auf Elektro-Roller.

Nur eine kleine Steigung

Auf seiner Tour ist Hofmann mittlerweile im Niederdorf bei der Ankergasse angekommen. Vor ihm liegt die einzige Steigung auf seiner Strecke. Er steigt ab und schiebt sein beladenes Velo bis zur Bodega Espanola hoch. An seiner Arbeit gefalle ihm vor allem der Kontakt mit den Leuten, sagt Hofmann. Im Verlauf der Jahre sei er mit seinem Velo eine Art Niederdorf-Original geworden. Die Ladenbesitzer im Dörfli kennen den Postboten auf seinem Fahrrad und grüssen ihn. Seine Bekanntheit schützt ihn allerdings nicht vor Polizeikontrollen. Immer wieder mal muss er im Niederdorf oder auf der Bahnhofstrasse unfreiwillig aus dem Sattel steigen. Für solche Situationen hält er einen fotokopierten Brief der Stadtpolizei in der Tasche bereit, der ihm freie Fahrt auch im Fahrverbot garantiert. Im Hauptbahnhof nützt ihm dieser Zettel allerdings nichts. Auf dem Gelände der SBB muss auch Hofmann laufen und die neun Briefkästen zu Fuss leeren.

Hofmann darf Velo behalten

Trotz ihrer mittlerweile geringeren Verbreitung stellt die Schweizer Firma Aarios immer noch Postvelos her. Im Einzelhandel kostet ein Siebengänger mit Nabenschaltung 3550 Franken. Auch gebrauchte Postvelos finden noch zu relativ hohen Preisen Käufer, wie ein Blick ins Internet zeigt.

Hofmann muss dies nicht kümmern, er darf sein Velo behalten. Die Post schenkt es ihm – quasi als vorgezogenes Präsent zum nächstjährigen Dienstjubiläum. Künftig wird Hofmann keine Briefe mehr einsammeln, sondern sie als Briefträger verteilen. Und die Briefkästen in der Innenstadt werden ab nächstem Monat von einem motorisierten Boten geleert.

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Erstellt: 21.04.2010, 22:53 Uhr

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