Das orientalische Märchen im Seefeld

Im Patumbah-Park wird am Dienstag der Hammam von Lis Mijnssen eröffnet. Sie hat vor 12 Jahren den nördlichen Teil des Parks in der Absicht gekauft, hier ihren Traum zu verwirklichen.

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«Mit dem Hammam will ich etwas zurückgeben von dem Vielen, das ich erhalten habe», sagt Lis Mijnssen. Die Erbin aus der Zuger Industriellendynastie von Landis & Gyr musste nie selber arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Aber es ist für sie eine Selbstverständlichkeit, dass sie mit ihren Privilegien verantwortungsvoll umzugehen hat. In diesem Bewusstsein ist auch der Hammam entstanden.

Lis Mijnssen hat dafür nicht einfach einen Stararchitekten engagiert und das nötige Geld zur Verfügung gestellt. Sie war von A bis Z am Projekt beteiligt und hat mitgestaltet. Dabei legte sie grossen Wert auf Ökologie, Qualität und Nachhaltigkeit. «Die Anlage soll auch in hundert Jahren noch benutzt werden können.»

Mijnssens Hammam ist nach dem Vorbild des traditionellen türkisch-maghrebinischen Dampfbades entwickelt worden. Der Neubau mit seinem orientalischen Bezug befindet sich im nördlichen Teil des Patumbah-Parks nahe der Grenze zu Zollikon. Die Villa im südlichen Teil des Parks gehört heute der Stadt und ist kürzlich prächtig renoviert und wiedereröffnet worden.

Der Neubau ist geprägt von erdfarbenen Tönen, natürliche Materialien zeichnen ihn aus sowie ein ausgeklügeltes Lichtkonzept. Für Sichtschutz bei den Fenstern sorgen «Moucharabiehs». Das sind gestanzte Betonplatten, die im Innern auch die Belüftung abdecken. Sie schaffen eine mediterrane Atmosphäre. Der Boden besteht aus Jurakalk. Die Räume folgen dem Ablauf des Hammam-Rituals. Zuerst kommt der Umkleideraum, es folgen Aufwärm-, Warm- und Heissraum sowie ein Ruheraum.

Ein Warmraum zum Verweilen

Wer in einen Hammam geht, will sich entspannen und erholen. Das renommierte Architekturbüro Miller & Maranta hat diese Ziele unter einen Hut gebracht. Das Resultat ist gelungen, besonders der Warmraum mit einem Stein im Zentrum und rundherum angeordneten Waschnischen lädt zum Verweilen ein. Durch seine Höhe wirkt er sakral, durch die Decke scheint gebrochenes Licht, und die Lampen hängen wie Wassertropfen herab. Eine Dachterrasse führt nach aussen und gibt den Blick in den Park frei.

«In Zürich gibt es nichts Vergleichbares», sagt Lis Mijnssen nicht ganz ohne Stolz. Das Bedürfnis nach orientalischer Entspannung ist hierzulande gross. Bereits 2001 eröffnete die Migros den ersten Hammam an der Münstergasse. Mijnssen will eine ganz besondere Kundschaft ansprechen. Ihr Hammam ist nicht nur von Frauen, sondern auch für Frauen gebaut worden. Er bietet Platz für 35 Personen. Für Männer und Frauen gibt es separate Öffnungszeiten in Anlehnung an das traditionelle Vorbild: Männer sind nur samstags und montags zugelassen; die Frauen an allen anderen Tagen. Der Eintritt kostet 48 Franken.

Die Idee für einen Hammam brachte Liz Mijnssen von Tunesien zurück. Auf einer Seereise von Sardinien nach Afrika verschlug es sie vor 30 Jahren in dieses Land. «Ich war fasziniert von den weissen Häusern, der Gastfreundschaft und – dem Hammam», sagt sie. Er diene nicht nur der äusseren, sondern auch der inneren Reinigung. «Wer einen Hammam verlässt, kommt anders heraus, als er hineingegangen ist.»

Lis Mijnssen ist eine Weltbürgerin. Sie wurde in Amerika geboren, kehrte aber als Kind mit ihrer Familie nach Zug zurück. Sie besuchte auf dem Haslisberg die Ecole Humanité und umschreibt ihren Werdegang mit Learning by doing. Ihr grosses Vorbild war die «extrem geschickte» Mutter. Sie reparierte elektrische Leitungen, schmiss die Arztpraxis des Vaters, zog daneben ihre Kinder gross und hatte stets interessante Gäste am Esstisch. Das Leben der Tochter verlief einiges wilder. Eine Zeit lang arbeitete sie am Serapionstheater in Wien. Dann baute sie mit einem Freund in Korsika einen Fischkutter um. «Mich hat stets das Kreative und das Praktische angezogen.»

Viele Kleinkriege hinter sich

2001 konnte Lis Mijnssen die nördliche Hälfte des stark verwilderten Patumbah-Parks kaufen. Sie wusste sofort: «Hier kommt mein Hammam zu stehen.» Bevor es so weit war, mussten viele Hindernisse überwunden werden. «Das hat mich Energie und Nerven gekostet.» Und mehr als einmal wollte sie den Bettel hinschmeissen. Doch ihr Stolz und ihr Verantwortungsgefühl liessen dies nicht zu. Nach vielen Kleinkriegen und einer gewonnenen Volksabstimmung war es so weit. Der Hammam konnte so gebaut werden, wie es sich die Bauherrin in den Kopf gesetzt hatte. Sechs Millionen hat er gekostet.

Zum Hammam gehört auch ein Basar, in dem Pflegeprodukte aus pflanzlicher Biokosmetik verkauft werden, ebenso marokkanische Lampen, Schweizer Zoccoli oder orientalische Teppiche. Wer nach dem Reinigungsprozess einen kleinen Hunger verspürt, kann sich im angrenzenden Salon vegan oder vegetarisch mit Spezialitäten aus dem arabischen Raum verköstigen. Mit dem Hammam schliesst sich im Patumbah-Park der Kreis: Karl Fürchtegott Grob hat mit der Villa Patumbah, deren Galerie einem buddhistischen Tempel nachempfunden ist, ein orientalisches Märchen wahr werden lassen. Lis Mijnssen hat nun ihres realisiert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.11.2013, 22:18 Uhr

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