«Das sind kurzsichtige Egoisten»

Antoinette Hunziker-Ebneter, einstige Börsenchefin, kürzte sich den eigenen Lohn und kämpft jetzt gegen die Sünden internationaler Konzerne.

Fordert kleinere, aber bessere Brötchen: Antoinette Hunziker-Ebneter. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Fordert kleinere, aber bessere Brötchen: Antoinette Hunziker-Ebneter. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

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Sie haben sich einen Namen ­gemacht als Vorkämpferin für eine nachhaltige Finanzbranche. Als neu gewählte VR-Präsidentin der Berner Kantonalbank haben Sie sich nun gleich einmal den eigenen Lohn gekürzt – weil das alle von Ihnen erwarteten?
Ich finde, mein Gehalt ist angemessen. Sie haben sicher wichtigere Fragen.

Sie möchten nicht mehr dazu sagen?
Nein, bitte entschuldigen Sie. Dieses ­Gehaltsthema regt mich furchtbar auf.

Warum?
Sehen Sie, es gibt immer noch Banken, die zu viel bezahlen. Diese Gehälter des Topmanagements müssen sinken. Das wäre nur normal, wenn die Zinsen und die Margen so tief sind wie jetzt – zumal das noch zehn Jahre so bleiben kann. Aber diese Menschen meinen immer noch, sie müssten sich diese Gewaltsboni auszahlen. Das geht bei sinkenden Margen nur zulasten der Kunden oder Mitarbeiter. Aber ich möchte wirklich nicht mehr darüber reden.

Wird Ihnen die Rolle als anständige Bankerin manchmal zur Belastung?
Nein, denn meine Wertebasis war immer die gleiche: Integrität, Respekt und Verantwortung. Ich lebe seit 25 Jahren im gleichen Haus in Kilchberg, habe auch meinen Lebensstandard nicht verändert. Ich habe mich einfach an einem bestimmten Punkt in meiner Karriere entschieden, diese Werte ganz konsequent durchzusetzen, beruflich und privat. Und das ziehe ich durch. Ich will einen Beitrag leisten zur Transformation hin zu einem nachhaltigen Finanzsystem.

Wie steht es in Zürich? Ist der ­Finanzplatz nach der Krise ­geläutert?
Es gibt zahlreiche Banker auf allen Ebenen, die sich Gedanken zu Fragen der Nachhaltigkeit gemacht haben. Aber es gibt leider in den Führungsetagen auch immer noch viele, die Ziele vorgeben, die man nur erreichen kann, wenn man sich nicht kundenorientiert verhält.

Nämlich?
Unrealistische Ertragsziele. Man kann den Bankangestellten doch nicht vorwerfen, dass sie den Kunden Dinge verkaufen, die diese gar nicht wollen, wenn man Ziele vorgibt, die sich nur so erreichen lassen. Den Angestellten bleiben nur zwei Möglichkeiten: Sie machen mit oder sie kündigen. Aber nicht jeder, der aufhören will, hat so wie ich die Möglichkeit, eine eigene Firma zu gründen.

Stehen Topbanker, die wie zuvor weitermachen, nicht in Verruf?
Es gibt solche, die an den Pranger gestellt werden. Andere finden wieder einen Geschäftsleitungsposten an einem neuen Ort – das ist hochinteressant.

Wie schaffen die das?
Das müssen Sie nicht mich fragen, sondern die verantwortlichen Aktionäre und Verwaltungsräte. Ich persönlich verstehe das nicht.

Hat der Finanzplatz mit ­bescheideneren Zielen und mehr Regulierung eine Zukunft?
Ja, man muss einfach kleinere, dafür bessere Brötchen backen. Was die Regulierung angeht, bin ich allerdings im Zwiespalt: Der Ruf danach ist verständlich nach allem, was passiert ist, aber nicht alle Massnahmen sind sinnvoll. Es gibt leider solche, die nicht dem Schutz der Kleinanleger dienen, obwohl sie so verkauft werden.

Wie meinen Sie das?
Sie führen zu mehr Aufwand, was die Margen weiter verkleinert. Dadurch wird das Massengeschäft der Grossbanken gefördert: Der Aufwand wird so gross, dass man ihn am besten auf möglichst viele Kunden verteilt. Der Kleinkunde unterschreibt dann zwar viele Dokumente, muss schliesslich aber die teureren Fonds kaufen – und besser geschützt ist er trotzdem nicht.

Sie waren die erste Chefin der Schweizer Börse, jetzt die erste Präsidentin der Berner ­Kantonalbank. Ihr Vorgänger ­mutmasste, Frauen seien in solchen Positionen selten, weil ihnen die Affinität zu nüchternen Zahlen abgehe.
Das mit der Affinität kann ich nicht beurteilen. Aber ich weiss, was es braucht, damit es mehr Frauen in solchen Positionen gibt: einerseits einen Verwaltungsrat und eine Geschäftsleitung, die das konsequent fördern. Andererseits Frau-en, die sich langfristig im Finanzbereich engagieren wollen und bereit sind, das jahrzehntelang durchzuziehen. Ich selbst mache das jetzt schon seit 30 Jahren; man muss nicht meinen, dass 5 Jahre genügen. Bisher mangelte es wohl an beidem. Aber inzwischen kenne ich viele Frauen, die diesen Weg gehen wollen und Interesse an Zahlen haben.

30 Jahre Engagement ist eine lange Zeit, zumal viele Frauen zusätzlich die Hauptlast bei der Erziehung der Kinder tragen. Geht das überhaupt?
Wenn man es will, schafft man das. Im Ausland machen das viele Frauen, und zwar aus ökonomischen Gründen. Dort kann man es sich gar nicht leisten, dass die Frau nicht arbeitet. Vermutlich werden wir in der Schweiz über die Jahre auch wieder in diese Situation kommen. Ich beschäftige mich seit Jahrzehnten mit solchen Fragen und komme langsam zum Schluss, dass es bei uns am Ende auch eher eine Frage der Ökonomie sein wird als eine der Zahlen und Quoten.

Sie machen sich für die ­«Konzernverantwortungsinitiative» stark: Firmen sollen unter anderem für Umweltschäden aufkommen, die sie im Ausland verursachen. Das klingt wie aus einer ­NGO-Broschüre. Sind Sie zur Linken geworden?
Nein, bin ich nicht. Ich bin ein liberaler Mensch. Mir geht es um verantwortungsbewusstes Wirtschaften. Man muss die Verantwortung fürs eigene Handeln übernehmen – das ist ein urliberales Anliegen. Ich verfechte die Marktwirtschaft, aber eine mit fairen Preisen, die zum Beispiel auch die verursachte Umweltverschmutzung abbilden.

Das heisst: eine mit höheren ­Preisen. Wie kann man das den Konsumenten schmackhaft machen?
Es gibt immer mehr Produkte und Dienstleistungen, die verantwortungsbewusst hergestellt wurden und doch preiswert sind. Langfristig gesehen, ist die Vollkostenrechnung wichtig. Sonst müssen die Steuerzahler und die nachfolgenden Generationen später die Folgen der falschen Preise bezahlen.

Aber beim Kaufentscheid im Laden sagt mir das doch niemand. Wenn ich knapp bei Kasse bin, nehme ich das billigere Produkt.
Weil Sie nicht 300 Jahre alt werden – sonst würde dieser Kaufentscheid auf Sie zurückfallen. Es braucht verantwortungsbewusste Bürger.

Sie haben kein Argument für Leute, die nur auf den Preis schauen?
Doch. Es gibt Firmen, die heute günstiger produzieren können, weil sie schon vor einiger Zeit umweltbewusst zu handeln begonnen haben. Sie produzieren zum Beispiel Zement mit weniger CO2-Emissionen – und können ihn daher günstiger verkaufen. Zudem gibt es immer mehr Anleger, die in nachhaltige Unternehmen investieren wollen. Das führt zu einem Umdenken bei den Führungskräften. Sogar in China merkt man jetzt, dass es vermutlich teurer kommt, eine ganze Stadt zu evakuieren, weil das Trinkwasser verschmutzt ist, als die Produktionsprozesse anzupassen.

Diese Rechnung geht aber nur dort auf, wo es einen funktionierenden Staat gibt, der die fehlbaren Firmen zur Verantwortung zieht.
Einverstanden. Die Rechtssysteme der einzelnen Länder können aber von den Konzernen gegeneinander ausgespielt werden. Die Verantwortung liegt vor allem bei den Konzernleitungen, weil sie in unserer globalisierten Welt die Umsetzungsmacht haben. Wichtig ist auch da wieder der einzelne Bürger. In den USA – wer hätte das gedacht – kaufen zum Beispiel immer mehr Leute biologische Nahrungsmittel. Sie haben gemerkt, dass ihre Kinder zunehmend mit Allergien zu kämpfen haben. Sogar grosse Unternehmen wie Walmart können das nicht mehr ignorieren.

Sie sagten einmal, niemand könne ehrlichen Herzens Dinge wie ­Umweltschutz oder Menschenrechte missachten. Glauben Sie wirklich, dass jene, die das tun, sich im tiefen Innern selbst verleugnen?
Natürlich gilt das nicht für alle. Es gibt Menschen, die sind resistent. Aber das sind einfach kurzsichtige Egoisten.

Haben Sie je ein Umdenken bei Topmanagern erlebt?
Absolut. Die Firma SAP zum Beispiel, die Buchhaltungssoftware für Unternehmen herstellt, hatte es vor acht Jahren noch nicht geschafft, unsere Nachhaltigkeitskriterien zu erfüllen. Mittlerweile ist das eine vorbildliche Firma. Sie haben die Effizienz von gut durchmischten Teams verglichen mit solchen ohne Durchmischung. Und sie haben herausgefunden, dass jene erfolgreicher sind, in denen Männer und Frauen, Alte und Junge zusammenarbeiten. Diese Erkenntnis haben sie in ihre Software eingebaut, sodass ihre Kunden das bei sich nun ebenfalls feststellen können. Solche Denkprozesse werden ausgelöst, wenn jemand kritische Fragen stellt.

Für unethisches Wirtschaften gibt es doch ein schlagendes ­Argument: Wenn wir es nicht ­machen, macht es ein anderer – man muss sich also für nichts ­schämen.
Mit diesem Argument kann man vieles rechtfertigen, auch Waffen- oder Drogenhandel. Ich würde mich für unethisches Wirtschaften sehr wohl schämen. Wir müssen uns mit den Besseren vergleichen, nicht mit den Schlechteren. Wenn wir zum Beispiel in den kommenden Jahren einen Finanzplatz für versteuerte Gelder aufbauen, dann wird das sehr attraktiv sein für all die vielen Leute weltweit, die über versteuertes Geld verfügen und es in einem stabilen Land anlegen wollen. Wir können daraus eine Stärke machen.

Erstellt: 14.08.2015, 21:40 Uhr

Zur Person

Antoinette Hunziker-Ebneter

Die 54-Jährige aus Kilchberg hat in der Finanzbranche eine fast drei Jahrzehnte lange Karriere mit einer bemerkenswerten Wendung gemacht. Zunächst etablierte sie sich bei der Bank Bär, ehe sie Mitte der 90er-Jahre zur Chefin der Schweizer Börse aufstieg. Nach ihrem Rücktritt wurde sie Leiterin der Handelsabteilung der Bank Bär und Mitglied der Konzernleitung. Dann, vor ihrem 45. Geburtstag, orientierte sie sich neu: Sie gründete die Forma Futura Invest AG, welche die Vermögen ihrer Kunden nur in Firmen anlegt, die der Nachhaltigkeit verpflichtet sind. Fast zur gleichen Zeit wurde sie auch in den Verwaltungsrat des Berner Energiekonzerns BKW gewählt, wo sie sich für die Abschaltung des AKW Mühleberg einsetzte. Im vergangenen Mai wurde sie Verwaltungsratspräsidentin der Berner Kantonalbank. (hub)

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