Das sind unsere zwölf Züri-Hymnen

Derzeit wird diskutiert, ob die Schweiz eine neue Landeshymne braucht. Wie ist das eigentlich mit Zürich?

Was haben Zarli Carigiet und Andy F gemeinsam? Sie beide besangen Zürich.
Video: Lea Koch

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Das Leben sei ein langes Lied, singen Jethro Tull. In abgewandelter Form kann man sagen: Zürich ist ein langes Lied. Genauer: Zürich ist eine endlose Folge von Liedern. Immer wieder neu wird es besungen und gefeiert.

Jüngstes Beispiel ist Faber, ein Jungtalent, das derzeit im Vorprogramm von Sophie Hunger auftritt. Sein «Züri» ist eine Klage über die gleichgeschalteten Shopper von heute. «Zürich brennt nicht mehr», singt Faber, «Zürich kauft jetzt ein.»

Ob Fabers Lied dann wirklich zur Stadthymne wird? Abwarten! Erst aus einigem Abstand wird sichtbar, ob ein Lied wirklich dauerhaft bleibt. Auf dieser Seite sind eine Reihe Lieder über Zürich gelistet, die sich gehalten haben und als Hymnen gelten dürfen. Dazu kommen einige wenige, die das Potenzial haben.

Mehrstufiges Auswahlverfahren

Das Hymnenthema passt zum Jahr – momentan wird national über eine neue Schweizer Landeshymne diskutiert. Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft will ein moderneres Lied lancieren. Im Herbst soll nach mehrstufigem Verfahren samt SMS- und Telefonvoting der Kandidat feststehen. Was die Bundesbehörden hernach mit dem Siegerlied machen, ist allerdings offen.

Damit zurück zu den Züri-Hymnen. Die erfolgreichste dürfte der «Sechseläutenmarsch» sein. Auch wenn just er die einzige Melodie ist, die keinen Text hat. Sicher aber ist, dass es kaum Zürcher oder Zürcherinnen geben dürfte, die ihn nicht summen können.

Erwähnt sei hier zum Schluss, dass Hans Peter Treichler, Zürcher Sammler und Kenner alten Liedguts, bei der Liste mitgeholfen hat. Die Frühmelodien auf dieser Seite hat er empfohlen und dokumentiert.



«Sechseläutenmarsch», 1870
Die Frühgeschichte der Melodie ist verschummert. Jean-Baptiste Lully, 17. Jahrhundert, wird bisweilen als Komponist genannt. In Preussen sprach man vom «Jägermarsch», auch in Russland wurde dieser gespielt. Um 1870 spielten Formationen aus Konstanz und Colmar am Sechseläuten in Zürich den «Jägermarsch». Der Dirigent der Metallharmonie Zürich-Wiedikon, damals das Zunftspiel der Widderzunft, verschaffte sich die Noten – der Marsch wurde dann zur beliebtesten aller Züri-Melodien.


«De Himmel vo Züri», 1959
«Miis Dach isch de Himmel vo Züri» taucht 1959 im Mini-Musical «Eusi chlii Stadt» auf, ein Evergreen ist geboren. Das Bellevue sei sein Bett, die Schipfe sein Bänkli und die Limmat sein Closettli, gab da ein Clochard zum Besten; Letzteres führte natürlich dazu, dass sich hygienisch fixierte Bürger umgehend empörten. Kongenial zum Text von Werner Wollenberger der Sänger, Zarli Carigiet, beeindruckendes Bündner Exportgut, der wilde Mann von Trun mit Zahnlücke und ungebändigten Locken.


«Hippie-Kacke», 2008
Ian Constable (eigentlich Oliver Müller) traf 2008 irgendwie einen Nerv. Und er traf denselben Nerv ein Jahr später gleich noch einmal, als das Video zum Song erschien. Constable spöttelt über Lebensstil und Gewohnheiten der Zürcher Szenis, über das Streben nach der coolen Fassade und den Bünzli dahinter: «Is Hive go shake», «Bim Xenix uf em Chies es Bier trinke», «mit em Rennvelo is Atelier fahre», «mit em Gof dänn i d Bäcki». Und immer wieder der einprägsame Refrain: «… isch alles Hippie-Kacke».


«Zürich, du holde, feine», 1929
Ein Instrumental-Intro, dann holt der Sänger aus zur Städteschau: «In Wien solls fesche Frauen geben, in Prag die schönsten Mägdelein, am Rhein und Neckar sollt ihr leben, und dennoch lieb ich einzig nur allein . . .  Zürich, du holde, feine, Zürich, wie du gibt es keine.» Zum Schluss wird gejodelt, Stadt und Land waren sich damals näher. Die Moserbuebe waren Stars, begeisterten auch in englischen und französischen Variétés, wanderten 1939 aus nach Los Angeles, wo sie ein Switzerland Restaurant gründeten.


«Züri brännt», 1979
Eine helle Stimme schreit: «Züri brännt.» Dann hämmert das Schlagzeug los, reisst die Gitarre, wummert der Bass. Vom Rest des Textes versteht man ausser «Aaschiss» nicht viel, das Lied dauert übrigens auch nur 50 Sekunden. 1979 war Sara Schär 14 Jahre alt. Das Kind von Zürich-Seebach-Hippies sang Punksongs und verstand sich trotzdem als eher unpolitisch. Dass ein Jahr später das Lied der Band TNT quasi den Soundtrack zu den Jugendunruhen lieferte, habe sie eher befremdet, sagte Schär im Nachhinein.


«Welcome to My Hood», 2011
Dä Strolch macht Hip-Hop und Hip-Hop-Parodie in einem; der Untertitel zu «Welcome to My Hood» heisst ja auch «Chreis-4-Version». Lustig das Intro, der Telefondialog zweier Jungs. «Also Alte, innere halb Schtund a de Tramhaltschtell Stauffacher», sagt der eine. Der andere: «Alte, häsch de Arsch offe, ich chume dänk mit em Chare. Letschs Mal, wo ni mit em ÖV cho bi, han i nachher d Gripp gha.» Der Clip ist mit Drive-by-Bildern unterlegt: der Vielvölkerstaat Kreis 4, von orthodoxen Juden bis Fussball-Hooligans.


«Schatz am Zürisee», 1939
«Ich han en Schatz am schöne Zürisee» sei ein «Klassiker» und die «inoffizielle Zürcher Hymne» früherer Jahrzehnte, sagt der Zürcher Musikkenner Hans Peter Treichler. Tatsächlich gehört das Lied bis heute ins Repertoire mancher Unterhaltungsduos und ist auch auf Youtube zu finden. Swingend das Intro von Teddy Stauffer mit den Original-Teddies. Dass es so lang ausfällt, war damals die Norm, es ging darum, auf die üblichen drei Minuten Dauer zu kommen. Es singen die Geschwister Schmid, das Erfolgstrio von einst.


«Filles du Limmatquai», 1982
Stephan Eicher, der 1982 «Les filles du Limmatquai» sang, war noch kein Säuselromantiker und Ethnobarde. In seiner musikalischen Ausbildung in Zürich hatte er gelernt, den Computer zum Komponieren einzusetzen; lebendig und frisch war das Packeis-Feeling der Achtziger Bewegung. Der «Limmatquai»-Song war kühl-elektronisch und gerade darum umso drängender erotisch. Die Mädchen vom Limmatquai dürfe man anschauen, aber nicht berühren, intonierte Eicher so unbewegt, dass es bewegend war.


«Züridate», 2014
Das «Züridate»-Video auf Youtube kam schon letztes Jahr. Nun gibt es ein ganzes Album – Debütalbum – mit «Züridate» als Auftaktlied. Andy F, eigentlich Andy Forster: Das ist ein junger Mann mit Hut, weissem Hemd, Fliege, sanfter Stimme. Die Gitarre klingt wie bei Mani Matter, der Text inszeniert ein Spiel: Er baut aus realen Zürcher Beizen, Restaurants, Clubs eine schnelle und schnell endende Zürcher Liebesgeschichte. So fängt sie an: «De Josef hät bei Babette die schöni Berta känneglernt.»


«Müsli, härzigs Müsli», 1952
Marthely Mumenthaler machte 1937 Winterferien in Davos. Sie lernte einen Skilehrer kennen, der ihr Mann wurde. Zudem begegnete sie im Bündnerland ihrer späteren Jodelpartnerin Vrenely Pfyl – mit einem Duett nachts auf einem gefrorenen Miststock debütierte das populärste Jodelduo der Nachkriegsjahre. «Müsli, härzigs Müsli» beschreibt, wie die «Züribuben», wenn es im Dörfli eindunkelt, auf Mädchenjagd gehen. «Müsli, härzigs Müsli gasch scho hei? Und dezue so früe und ganz allei?»


«Im Huus», 2005
Ein vielstimmiger Hip-Hop-Song, halb brachial und halb ironisch. Die Zürcher, die gern in blauen Übergwändli antreten und hier auf Zuhälter machen, nennen sich Radio 200'000. So klingt ihr Gangster-Rap von der Limmat: «Han mee Chicks als d Langschtraass Kebap-Schtänd. Die xeend süess uus a de Schtraasse-Ränd. Han Russinne, Blacks und Thais im Sortimänt. 200 Schtutz, wo din Papi brännt. Mache mee Rendite als e Schwiizer Bank, verdien mis Gäld mit Figge, zahl kei Schtüüre, du Punk!»


«Züri», 2015
Zuerst eine Personalie: Faber ist der Sohn des Liedermachers Pippo Pollina. Seine Platte mit dem Lied «Züri» ist eben erschienen, er selber dieser Tage im Vorprogramm von Sophie Hunger zu sehen. 35 Jahre nach den Jugendunruhen singt der junge Mann, der die weiche Stimme und das gepflegte Hochdeutsch eines Stephan Sulke hat: «Zürich brennt nicht mehr, Zürich kauft jetzt ein, baut hohe Häuser, um ne Grossstadt zu sein.» Seine Diagnose: «Ich bin ein Hamster im Käfig.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.05.2015, 23:36 Uhr

Erfolgstrio von einst: Die Geschwister Schmid 1950 in Zürich. Von links: Willy, Klärli und Werner. Foto: Walter Scheiwiller (Keystone)

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