Der Adventskalender im Rotlichtmilieu

Im Niederdorf hat die Stadtmission ihre Fassade festlich gestaltet – gleich gegenüber locken Prostituierte mit ihren farbigen Fenstern die Freier an.

Die Kalenderfenster der Stadtmission leuchten am Abend.
Foto: Dominique Meienberg

Die Kalenderfenster der Stadtmission leuchten am Abend. Foto: Dominique Meienberg

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An der Häringstrasse im Niederdorf prallen zwei Welten aufeinander. Auf der einen Strassenseite befinden sich die Räume der Zürcher Stadtmission. Deren Fenster sind erstmals von 24 Künstlern als Adventskalender gestaltet worden. Auf der andern Seite leuchtet ein ganz anderer Kalender in dezenten Rot- und Blautönen. Hier locken Prostituierte ihre Freier an.

Die Lightshow der Stadtmission beginnt Punkt 17 Uhr. Gestern öffneten die beiden Künstler Adrian & Dionys von Fabribraland das erste Fenster. Genauer gesagt handelt es sich dabei um eine Tür, die zum Café Yucca führt, das sich im Erdgeschoss der Stadtmission befindet. Es wird von dem diakonischen Werk als Treffpunkt für Einsame und am Rande der Gesellschaft lebende Menschen betrieben. Ihnen hat Fabribraland einen roten Teppich ausgerollt, wie das sonst nur für Prominente am Zurich Film Festival der Fall ist. Auf dem Eingang steht gross «Réception» – ein Symbol für die besondere Gastfreundschaft, die hier die Leute erwartet.

Ein Türchen nach dem andern

Bis zum Heiligen Abend wird jeden Tag um 17 Uhr ein anderer Künstler oder eine Künstlerin ein Fenstertürchen öffnen. Auch eine Prostituierte wird sich daran beteiligen, für sie ist die Stadtmission eine beliebte Anlaufstelle. Mit von der Partie sind aber auch professionelle Künstler. Sie arbeiten alle gratis; Ende Februar kann ihre Kunst ersteigert werden. Das Geld kommt dann der Stadtmission zugute.

Der Adventskalender an der Häringstrasse ist für die Stadtmission eine neue Art des Fundraisings. Dazu gehört auch der Werbefilm, der anlässlich ihres 150-Jahr-Jubiläums vor zwei Jahren in den Kinos war und heute noch auf Youtube zu sehen ist. «Auch wir müssen uns etwas einfallen lassen, um jüngere Leute anzusprechen», sagt Regula Rother, Leiterin der Stadtmission. «Die Einzelspender sterben langsam aus.»

Die Stadtmission führt neben dem Café Yucca auch noch die Isla Victoria. Das ist eine Anlauf- und Beratungsstelle für Frauen, die im Sexgewerbe arbeiten. Dort werden sie in Gesundheits- und Lebensfragen oder bei Finanzproblemen beraten und begleitet. Allein im letzten Jahr hat das diakonische Werk 10'000 Mittagessen für Sexarbeiterinnen ausgegeben, 3700 Frauen beraten, und im Café Yucca sind über 22'000 Gäste ein- und ausgegangen. Damit leistet die Stadtmission einen wichtigen Beitrag für Zürich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.12.2014, 22:52 Uhr

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