Der Baumsammler

Dick, alt und schön müssen sie sein. Dünne Stämme interessieren ihn nicht. Der Zürcher Michel Brunner vermisst und archiviert seit 15 Jahren Bäume.

Die älteste Trauerweiden Zürichs: Bäume sind die Leidenschaft von Michel Brunner, Abgeordneter eines internationalen Baumkomitees.

Die älteste Trauerweiden Zürichs: Bäume sind die Leidenschaft von Michel Brunner, Abgeordneter eines internationalen Baumkomitees. Bild: Giorgia Müller

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Sein prüfender Blick schweift über die Rinde der Trauerweide, begutachtet Dicke und Höhe des Stamms. «Etwa 80 Jahre alt könnte sie sein, vielleicht auch 100.» Michel Brunner hat eine sonderbare Leidenschaft – er sucht, vermisst und fotografiert Bäume. Bereits über 4000 Bäume finden sich in seiner Kartei, stetig kommen neue dazu. Oftmals rufen Förster oder Vertreter von Gemeinden an und wollen ihre speziellen Exemplare von ihm begutachten lassen. «Häufig bin ich wochenlang, jeden Tag, am Bäumearchivieren», sagt er. Daneben sucht er ebenso beharrlich in Büchern und im Internet nach noch nicht aufgezeichneten Bäumen.

Gut möglich, dass diese Getriebenheit zu den grauen Haaren geführt hat, die vereinzelt Brunners Haupt zieren. Man könnte meinen, diese Hingabe gehöre einem Menschen im fortgeschrittenen Alter, doch Brunner ist erst 34 Jahre alt. Dank seinem rastlosen Mitwirken existiert mittlerweile ein internationales Baumkomitee, deren Abgeordneten die dicksten und ältesten Bäume ihrer Länder säuberlich in einer zentralisierten, von Brunner geführten Liste ablegen. Obschon er jenes Mitglied sei, das wohl am meisten alte Bäume gesehen habe, gebe es noch zu viele Bäume auf der Welt, die er noch nicht gesehen habe.

Übernachtungen im alten Volvo

Darum bricht der gelernte Grafiker immer wieder zu monatelange Baumreisen auf, früher alleine per Anhalter, heute mit einem alten Volvo, oft begleitet von Baumfreunden oder seiner Freundin. «Hinten im Wagen lässt es sich wunderbar schlafen.» Brunner muss es wissen: Mehr als 700 Nächte hat er schon in seinem Auto verbracht. Zusätzlich nimmt er immer auch ein Fahrrad auf seine Touren mit, denn häufig stehen die speziellen Bäume dort, wo mit Autos nur schwer hinzugelangen ist. Und der Mann scheut keinen Aufwand: Im Norden von Norwegen legte er einst je eine Stunde mit dem Velo und zu Fuss zurück, um die dickste Waldkiefer der Welt messen und fotografieren zu können.

Und dann gibt es natürlich auch eine Vielzahl an Anekdoten, die er aus seinem Leben als Baumsammler erzählen kann: Einmal sei ein Bauer mit einer Holzlatte auf ihn zugerannt, als er in der Dämmerung einen Birnbaum begutachten wollte. «Der Landwirt hielt mich tatsächlich für einen Einbrecher.» War das Missverständnis einmal ausgeräumt, erzählte der Bauer voller Stolz, wie bereits sein Grossvater ebenjenen Baum gepflanzt hatte, der später auch von seinem Vater gepflegt wurde.

Bäume als Leidenschaft

Um sein Leben zu finanzieren – er bezeichnet seinen Beruf als Hobby –, hat sich Brunner schon mit zahlreichen Jobs über Wasser gehalten, sei es als Barkeeper, als Abwascher in einem Gastrobetrieb oder auch als Wäschewascher eines Saunabetriebs am Utoquai.

Mittlerweile ist es Brunner, der in einer Fünfer-Wohngemeinschaft in Wipkingen wohnt, möglich, von seiner Leidenschaft zu leben. Die drei publizierten Sachbücher und Bildbände haben sich überraschend gut verkauft. Nun folgt eine schweizweite Vortragsreihe mit dem Titel «Baumriesen Europas», die ihn auch nach Zürich ins Volkshaus bringt. Er wird dort morgen Dienstag und Anfang Februar in einer akustisch untermalten Show dem Publikum die aussergewöhnlichsten Bäume seiner Sammlung näherbringen.

Pause auf der Alp

Hört man Brunner zu und folgt seiner ruhigen Stimme, so verfällt man bald dem Bann der Bäume. Seine schnellen Kritzeleien auf Papier sind einleuchtend, die Bilder der Bäume in seinen Büchern beeindruckend. Er habe gehört, dass sich Menschen auf die Suche nach den Bäumen seiner Bücher begehen. Dies erfüllt ihn mit Freude – möglicherweise auch deshalb, weil er früher zuhauf Sprüche zu hören bekam wie: «Jetzt kommt der Brunner mit seinen Bäumen wieder.»

Von Zeit zu Zeit benötigt aber auch er eine Pause von den Bäumen, dann verschwindet er über die Baumgrenze, auf eine Alp. Dort melkt er Ziegen und hackt Holz für das Feuer in der Hütte – ja, sogar Bäume hat er in seinem Leben schon gefällt. Wenn auch nur einen durchschnittlichen, wie er sagt. Denn wird einer seiner archivierten Baumriesen gefällt, macht ihm dies noch heute zu schaffen. Doch auch wenn es schmerzt – über die vielen Jahre habe er gelernt, damit umzugehen.

Brunner nervt sich über die gängige Praxis, alte Bäume zu fällen, statt sie auf einfache Art zu pflegen. Vielfach würden ältere Bäume für teures Geld durch jüngere ersetzt. Dies zum Teil aus Gründen, die für ihn nur schwer nachvollziehbar sind. Zum Beispiel die Behauptung, hohle Bäume seien krank. «Dieser Gedanke hält sich hartnäckig, obwohl er in den meisten Fällen unbegründet ist», so Brunner, «denn Bäume wachsen primär dort, wo sie es für nötig halten.» So setzt der Baum nur dort Material an, wo er es benötigt, und spart gleichzeitig an unnötigen Stellen. Daher kann ein gesunder Stamm selbst hohl sehr stabil sein.

Zürichs kuriosester Baum

Trotz der überaus starken Faszination für Bäume wirkt Brunner nicht im Geringsten wie ein Besessener. Er wehrt sich mit Nachdruck gegen dieses Etikett: «Das bin ich definitiv nicht.» Ebenso wenig hält er von Baumumarmungen, «obwohl das viele Leute gerne so hätten», fügt er mit einem Schmunzeln hinzu.

Der Spaziergang durch das Quartier Wipkingen gestaltet sich baumtechnisch leider unspektakulär, auch weil der bis anhin bedeutendste Baum der Stadt – eine Trauerweide – kürzlich gefällt wurde. So suchen wir die zu Beginn erwähnte Trauerweide auf, die wegen ihres mächtigen Stamms immerhin «über dem Durchschnitt liegt», wie Brunner sagt.

Einer der kuriosesten Bäume Zürichs steht übrigens laut Brunner am Zielweg in der Nähe des Triemli. Ein Feldahorn mit einem wunderlich anmutenden, spiralförmig wachsenden Stamm – einem sogenannten Drehwuchs.

Erstellt: 14.01.2013, 10:24 Uhr

Vortrag im Volkshaus

Baumriesen. Fotoreise zu den grössten und ältesten Lebewesen Europas. Dienstag, 15. Januar, 20 Uhr, Volkshaus.

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