Der Biber taucht beim Paradeplatz auf

Ein Nagetier ist in diesem Monat bereits zweimal in der Zürcher Innenstadt aufgetaucht. Und hat jemandem einen Riesenschreck eingejagt.

Ein fleissiger Nager: Die Biber fühlen sich unterdessen auch in der Stadt wohl.

Ein fleissiger Nager: Die Biber fühlen sich unterdessen auch in der Stadt wohl. Bild: Christof Angst, Biberfachstelle/info fauna

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Es war Sonntagmorgen zwischen zwei und drei Uhr, nach durchzechter Nacht – Letzteres ist nicht verbürgt. Jemand sass am Schanzengraben auf der unteren Stufe einer Treppe unweit des Bleicherwegs und schaute den Fischen zu.

Nun folgt der Originalton: «... als plötzlich ein riesiger Körper aus dem Wasser auftauchte und sich auf die unterste Treppenstufe legte, wenige Zentimeter von meinen Füssen entfernt. Bevor ich mich vom Schrecken erholte, schwamm er auch schon wieder davon Richtung Botanischer Garten.»

Frassspur hinter Migros City

Der «riesige Körper» war ein Biber. Verzeichnet wurde diese Begegnung auf dem Beobachtungsformular des Projekts StadtWildTier Zürich. Eine andere Person hatte bereits am 3. Oktober hinter der Migros City eine frische Frassspur entdeckt.

Es ist gut möglich, dass es sich bei diesen beiden Beobachtungen um dasselbe Tier handelt, das im Sommer bereits einmal am Stadthausquai im Bereich der Frauenbadi aufgetaucht ist.

Damit sind die Biber endgültig zu Stadtbibern geworden. Bereits im letzten Sommer wurde bekannt, dass sich eine Biberfamilie im Gebiet der Werdinsel eingerichtet hatte.

Auch am Leutschenbach beim Fernsehstudio gab es deutliche Zeichen seiner Anwesenheit – das letzte Mal am 16. Oktober. Gemeldet wurden Frassspuren und der Ansatz eines Biberbaus. Doch nun sind die geschützten Tiere vom Stadtrand in die City gewandert.

Ist die City biberfreundlich?

Doch fühlen sie sich da überhaupt wohl? Kann der karge Schanzengraben ein Biberbach werden? Christof Angst von der Schweizerischen Biberfachstelle schickt voraus: «Biber sind sehr anpassungsfähig. Und wenn ihnen der Lebensraum nicht passt, bauen sie ihn um.» Unabdingbar sei, dass der Biber die Möglichkeit finde, seinen Nachwuchs in Sicherheit aufzuziehen. Frassspuren bei der Werdinsel im Februar 2018. Bild: Sabina Bobst

Doch braucht es dazu nicht immer eine Höhle oder einen aufwendigen Biberbau. Der Biologe erzählt von Bibern, die sich in städtischer Umgebung in Betonröhren eingerichtet haben. «Dabei können sie durchaus fünfzig Meter weit hineinkriechen und unter Plätzen oder Häusern leben.» Man stelle sich vor: Eine Biberfamilie haust unter dem teuersten Pflaster der Schweiz, dem Paradeplatz.

Trotzdem glaubt Angst, dass der Schanzengraben keine geeignete Umgebung für Biber ist. «Es gibt nicht genügend Nahrung.» Vereinzelte Bäume, kaum Wiesen, das behage ihm nicht. Er mutmasst, dass dieser Biber weiterziehen wird. Die Sihl hinauf oder an den Zürichsee. Am Ausee habe es in der letzten Zeit bereits zwei, drei Biberbeobachtungen gegeben.

War der Biber schon den ganzen Sommer im Schanzengraben? Sichtung am 27. Mai bei der Rimini-Bar. Video: mt

Allerdings ist es möglich, dass der City-Biber es doch schon einen Sommer lang im Schanzengraben ausgehalten hat. Ein Leser meldete dem Tagi, dass er einen Biber am 27. Mai in der Rimini-Bar (Männerbad) beobachtet – und gefilmt habe.

Bald neue Zahlen

Das letzte Bibermonitoring für den Kanton Zürich fand im Winter 2016/2017 statt. Damals wurde der Bestand auf 394 Biber in 116 Revieren geschätzt. Fachleute gehen davon aus, dass sich der Bestand jährlich um etwa acht Prozent vergrössert.

Die Biberfachstelle Kanton Zürich vermeldet, dass die besten Reviere im Norden des Kantons mittlerweile besetzt sind. Sie verzeichnet dagegen eine starke Zunahme im Einzugsgebiet der Glatt und lokal entlang der Reuss, der Limmat und der Töss. In diesem Winter findet eine neue Erhebung statt.

Auch Gämsen gibt es in Zürich

Beobachtungen der ungewöhnlichen Art wurden in diesem Sommer auch am Uetliberg und am Pfannenstiel gemacht: Am 3. Juni und am 11. Juli wurde bei StadtWildTier Zürich die Sichtung von Gämsen gemeldet. Solche Beobachtungen sind in dieser Gegend zwar selten, aber nicht neu.

Erstmals wurden dieses Jahr aus der Region Pfannenstiel die Begegnungen mit Gämsen eingetragen: Am 8. Juni lief eine Gämse Bikern im Küsnachter Tobel über den Weg, am 8. August kam eine Meldung aus Stäfa, und am 18. September wurde eine Gämse unweit von Egg am Guldenweg gesichtet.

Erstellt: 24.10.2019, 11:02 Uhr

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