Der Brand ist Geschichte, das Unglück bleibt allgegenwärtig

Das «Zimmerleuten» ist wieder zünftig. Und hat ein paar Geschichten mehr zu erzählen.

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Als Zunftmeister Rudolf Bodmer in der Nacht vom 14. auf den 15. November 2007 zusah, wie sein Zunfthaus trotz der unermüdlichen Bemühungen der Feuerwehrleute lichterloh brannte, dachte er: «Das Haus ist weg und die Zunft vielleicht auch.» Am Samstagmorgen steht er im grossen Zunftsaal. Durch das Fenster tönt der Sechseläutenmarsch, und Bodmer sagt: «Unser Zunftsaal ist wie immer, nur noch ein bisschen schöner als früher.»

Um 11 Uhr ist Bodmer an der Seite von Baudirektor Markus Kägi (SVP) durch den Fahnenwald der Zünfte marschiert, um das aus der Asche auferstandene Zunfthaus einzuweihen. Hunderte warten schon auf Einlass. Bis um 16 Uhr schlendern an die 2000 Leute durch die Zunftsäle und das Restaurant; am Schluss müssen Leute abgewiesen werden, weil sich jeweils nicht mehr als 150 Personen im Haus aufhalten dürfen.

Leicht geschwärzter Engel

Das Publikum stimmt mit dem Zunftmeister überein – das Zunfthaus ist so schön wie früher. Bloss die Sprinkleranlagen in den Decken und der uneinheitliche Glanz der Fensterscheiben und mancher Metallbeschläge zeugen davon, wie viel neu ist. 10 Prozent der Deckenbretter, 20 Prozent der Fenster sind noch original. Nur wer genau hinschaut, sieht den Unterschied: Der eine Engelskopf auf einem Kapitell ist heller als der andere ursprüngliche. Wenige Brandspuren blieben: Die Knie eines kleinen Puttos über dem Türsturz des Zunftsaals sind schwarz, als ob er beim übermütigen Spiel in den Staub gefallen wäre. Der Brand brachte auch Vergessenes zutage: An einer Wand im kleinen Zunftsaal thront Frau Minne auf dem Rücken zweier gebeutelter Männer. «Genug Frauendominanz für eine Zunft», findet der Zunftmeister schmunzelnd. Frau Minne ist üblicherweise hinter dem verschiebbaren Täfer versteckt.

Rudolf Bodmer erzählt, wie er am Tag nach dem Brand in der Tür des Zunftsaals stand: «In der Luft war ein beissender Gestank, auf dem Boden lagen Schutt und schmierige Schlacke. Über uns war der Himmel offen.» Und er habe sich gefragt, wie um Gottes willen denn die Decke ausgesehen hatte. Eine Frage, die in den Tagen und Wochen danach immer wieder auftauchte, denn das 1708 gebaute Haus war schlecht dokumentiert. Die Denkmalpflege schaltete sich sogleich ein und stellte 800 Teile aus dem Brandschutt sicher. Deckenleisten, Kartuschen, Engelsköpfchen.

Geforderte Zunftherren

Die Zunftherren waren gefordert. «Unser Vereinszweck lautet gemütliches Beisammensein, nicht Bau eines Zunfthauses», sagt Rudolf Bodmer. Es musste eine Baukommission her – und viel Know-how. Es folgten unzählige Stunden, in denen mit verschiedensten Stellen verhandelt und auch gestritten wurde. «Die Auflagen des Brandschutzes waren restriktiv; wir wurden gleich streng eingestuft wie ein Spital.» Und die Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege sei «gewöhnungsbedürftig» gewesen – «schliesslich aber ausnehmend gut». Die Kartuschen im Zunftsaal tragen die Wappen und Namen alter Zürcher Familien wie Landolt oder Bodmer. Die eine ist neu: Das Familienwappen zeigt einen Fisch, die Inschrift lautet: Berufsfeuerwehr Stadt Zürich, Markus Läubli. Der 44-jährige Familienvater ist beim Brand ums Leben gekommen, als der Dachstuhl einstürzte. Eine Untersuchung ergab, dass niemanden die Schuld an dem tragischen Unglück trifft. Es war nicht vorhersehbar, dass der massive Dachstock einbrechen würde. Die 300-jährigen Eichenbalken war tatsächlich vergleichsweise wenig verkohlt, den Einsturz verursachten möglicherweise später eingezogene Eisenstreben.

Ein Maskottchen hält Wache

Nicht nur die Angehörigen, auch die Feuerwehrleute werden dieses Unglück nie vergessen. In ihrem Lokal hängt eine Gedenktafel, an der sie täglich mehrmals vorbeigehen. Und im Zunftsaal wacht ihr Maskottchen – ein kleiner Bär neben der Kartusche mit dem Namen ihres verunglückten Kameraden.

«Wir werden das Haus wieder aufbauen, um zu zeigen, dass der Einsatz der Feuerwehr nicht vergeblich war», schrieb die Zunft zur Zimmerleuten der Trauerfamilie nach dem Unglück. Zunftmeister Bodmer sagte am Samstagmorgen: «Dieses Ereignis wird in diesem Haus immer gegenwärtig sein.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.10.2010, 07:49 Uhr

Links der neue Kopf, rechts ein Original. (Bild: Dominique Meienberg)

Fakten und Zahlen

700 Tonnen Holz für die «Zimmerleuten»

  • Baujahr: Das Haus zum Roten Adler, wie das Zunfthaus zur Zimmerleuten ursprünglich hiess, wurde in seiner jetzigen Form um 1708 gebaut und gehört zu den bedeutendsten Baudenkmälern der Stadt Zürich. Sein ältester Bauteil datiert von 1156: ein Wohnturm, der nur von der Römerstrasse aus sichtbar ist.
  • Brand: In der Nacht vom 14. auf den 15. November 2007 wurde das Gebäude durch einen Grossbrand zerstört. Brandursache war ein defektes Kabel in der Isolation. Beim Einsturz des Dachstocks starb ein Berufsfeuerwehrmann – ein weiterer wurde verletzt.
  • Wiederaufbau: 700 Tonnen Holz, 200 Kubikmeter Beton und 30 Tonnen Stahl wurden verbaut und mehr als 50 Kilometer Kabel verlegt. Das Gebäude wurde von der Haustechnik her den heutigen Bedürfnissen angepasst. Rund 50 Unternehmer waren beteiligt, darunter hoch spezialisierte Handwerker wie Stuckateure, Kunstschlosser, Deckenmaler, Vergolder und Bleiverglaser.
  • Kosten: Der Bruttobaukredit beläuft sich auf 17,5 Millionen Franken und wird voraussichtlich ausreichen. Zwei Drittel der Wiederaufbaukosten übernahmen die Versicherungen und die Denkmalpflege. Ein Drittel musste durch die Zunft und durch Spenden aufgebracht werden.

Anfang 2011 erscheint im NZZ-Verlag libro das Buch «Brandfall», das sich eingehend mit Feuer und Wiederaufbau beschäftigt.

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