Der «Fleischkäse» muss weg

Für den Zürcher Architekten Walter Wäschle ist das Gebäude mit dem Bernhard-Theater ein «problematischer Bau». Er hat eine andere Idee für den Sechseläutenplatz.

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«Ein Unort». «Ein Fremdkörper». «Wie ein fehlender Eckzahn im Gebiss»: Wenn es um den Opernhaus-Erweiterungsbau am Südende des Sechseläutenplatzes geht, findet der Zürcher Architekt Walter Wäschle (74) deutliche Worte. Der 1984 eröffnete flache Bau mit dem Bernhard-Theater wird wegen des rötlichen Sichtbetons von der Bevölkerung abschätzig «Fleischkäse» genannt. Der Bau stammt vom Schweizer Architekten Claude Paillard (1923–2004) und war von Beginn an heftig umstritten. Darüber hinaus war der damalige 60-Millionen-Franken-Kredit für die Opernhaus-Renovation samt dem Erweiterungsbau 1980 auch Auslöser der Opernhaus-Krawalle, des Auftakts zu den Zürcher Jugendunruhen.

«Problematischer Bau»

Für Wäschle ist der Erweiterungsbau sowohl in städtebaulicher als auch architektonischer Hinsicht ein «äusserst problematischer Bau», wie er dem TA sagt. «Er schafft keine Ordnung, ganz im Gegenteil, er verunklärt die Situation.» Und er passe überhaupt nicht ins Seefeld mit seinen kompakten und geschlossenen Blockrändern, die konsequent eine einheitliche Traufhöhe aufweisen, was erst das für Zürich «einmalige grossstädtische Flair» in diesem Quartier ergebe.

Nach Ansicht des Architekten zerstört der «Fleischkäse» diese grosse Homogenität ausgerechnet an einem überaus prominenten Ort im Seefeld: «Der Sechseläutenplatz ist auf drei Seiten gefasst und öffnet sich gegen den See. Die Häuser bilden eine durchgehende homogene Front, quasi ein intaktes Gebiss. Ausgerechnet an der wichtigen Front gegen Südosten fehlt der entscheidende Eckzahn. Ein Implantat ist dringend nötig.» Vor allem aber passe der Erweiterungsbau auch schlecht zum benachbarten Opernhaus und zum NZZ-Gebäude, sagt Wäschle. Sein Fazit: Das Gebäude störe, weil es ihm an Volumen fehle, es wirke mehr wie eine Baulücke.

Für den Architekten gibt es deshalb nur eines: weg mit dem «Fleischkäse», zumal dieser nicht unter Schutz stehe. An seine Stelle soll ein viergeschossiger Neubau entstehen, damit der Sechseläutenplatz eine «homogene Front und einen klaren Abschluss» erhält. Der Neubau sollte sich im bestehenden Kontext am Sechseläutenplatz harmonisch einfügen. «Das Implantat darf kein Goldzahn oder Exot sein», warnt Wäschle. Ein extravaganter Bau im Stil des Bilbaoer Museums von Stararchitekt Frank Gehry wäre dort wohl fehl am Platz. Eher schwebt ihm ein moderner klassischer Natursteinbau vor, mit einem wohlproportionierten Verhältnis zwischen Mauerwerk und Fenstern, der sich optisch ans nahe NZZ-Gebäude anlehnt.

Am Sechseläutenplatz soll laut Wäschle ein öffentliches Parlamentsgebäude mit Restaurant, Ausstellungsräumen und Foyer entstehen.

Wohnungen und eine kommerzielle Nutzung kämen an dem Ort kaum infrage, gibt Wäschle zu bedenken. Dafür sei der Ort geradezu prädestiniert für ein öffentliches Gebäude, konkret: für ein neues Zürcher Rathaus. Damit würde «der jetzige Unort zur Perle von Zürich», ist er überzeugt. Mit seiner Vision reagiert der Architekt auf aktuelle Vorstösse von Mitte- und Linkspolitiker, die ein neues Gebäude für den Zürcher Gemeinde- und Kantonsrat fordern. Das Ziel ist ein offenes Haus, um mit der Bevölkerung in Kontakt treten zu können. Das jetzige Rathaus am Limmatquai aus dem Jahr 1698 sei nicht mehr zeitgemäss, zu eng, zu wenig publikumsfreundlich und von der Sicherheitslage her problematisch, klagen die Politiker.

Am Sechseläutenplatz soll laut Wäschle ein öffentliches Parlamentsgebäude mit Restaurant, Ausstellungsräumen und Foyer entstehen. Der neue Ratssaal befände sich nach seinen Plänen im Dachgeschoss und hätte eine vorgelagerte Terrasse gegen den See. Das Bernhard-Theater könnte erhalten bleiben, müsste nach Ansicht Wäschles aber komplett erneuert werden. Die Kosten für den Neubau lässt der Architekt offen. Klar sei, dass ein solch modernes Parlamentsgebäude mit Steuergeldern finanziert werden müsste. Zudem brauchte es einen internationalen Architekturwettbewerb.

Überraschende Visionen

Walter Wäschle gilt als einer der renommiertesten Architekten der Stadt. Von seinem Architekturbüro Atelier WW, das er inzwischen verkauft hat, stammen zahlreiche markante Bauten, so etwa die Messe Zürich, die Hochhäuser Hagenholz, die Überbauung Westlink in Altstetten, das Tamedia-Glashaus, die Waschstrasse Tiefenbrunnen oder das Hotel Radisson am Flughafen.

Daneben hat sich Wäschle auch immer wieder in städtebauliche Debatten eingeschaltet und präsentierte überraschende Visionen, wie die Stadt künftig gestaltet werden könnte. 2007 lancierte er die Idee einer Duplexarena für Fussball und Eishockey auf dem Hardturm, 2008 legte er ein Projekt für ein Seerestaurant vor. 2012 brachte er mit einer Studie den Standort Carparkplatz für ein Kongresszentrum ins Gespräch.

Erstellt: 31.05.2019, 01:01 Uhr

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